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StartseiteBüchermarktNomadendasein in Zeiten von Landesgrenzen04.11.2013

Nomadendasein in Zeiten von Landesgrenzen

Jamil Ahmad, "Der Weg des Falken", Verlag Hoffmann und Campe

"Der Weg des Falken" bebildert einen blinden Fleck des allgemeinen Wissens um die Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan, die wir seit Jahren nur als Kriegsgebiet kennen. Jamil Ahmad macht uns mit der Vorgeschichte der politisch fatalen Gegenwart vertraut.

Von Ursula März

Afghanische Nomaden reiten durch die Provinz Dschuzdschan. Das Existenzprinzip des Nomadentums macht Ahmad zum Erzählprinzip.  (AP)
Afghanische Nomaden reiten durch die Provinz Dschuzdschan. Das Existenzprinzip des Nomadentums macht Ahmad zum Erzählprinzip. (AP)

Bruce Chatwin, der große englische Reiseschriftsteller, schrieb vor Jahren über den fundamentalen Unterschied zwischen sesshaften und nomadischen Menschen. Diese, ob es sich um Nomaden aus dem nördlichen Afrika oder dem vorderasiatischen Raum handelt, leben nicht nur ohne Häuser und stabile Unterkünfte. Sie leben in einem vollkommen anderen Daseinsbewusstsein. In diesem gibt es keinen Begriff geografisch-nationaler Grenzen, keinen Begriff von Zentrum und Peripherie und kein anderes kulturelles Archiv als das der Mündlichkeit. All dies, das Leben und Denken nomadischer Stämme, ist die Folie, auf der die Romanerzählung "Der Weg des Falken" von Jamil Ahmad beruht.

Ahmad verfasste das Manuskript bereits vor vier Jahrzehnten, erst jetzt aber erscheint das Buch gleichzeitig in zahlreichen Übersetzungen und entwickelt sich gerade zu einem erstaunlichen Weltbestseller. Auf den westlichen Leser, der sich eine Existenz ohne festes Dach über dem Kopf, ohne Personalausweis mit der Angabe seiner Nationalität nicht vorstellen kann, wirkt "Der Weg des Falken" so fremd, so fern, dass er unwillkürlich glaubt, das Buch müsse im 16. Jahrhundert spielen und im 19. Jahrhundert von einem abenteuerlustigen Ethnologen verfasst worden sein.

Gnadenlose Härte der Nomadenvölker

Denn die archaische Lebensweise paschtunischer Nomaden steht zur zivilisatorischen Moderne des 20. Jahrhunderts im Verhältnis historischer Asynchronität. Und doch ist dies die Zeit der Handlung. Ihr Ort ist das gebirgige Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Diese abgelegene, bis vor zwei Jahrzehnten von der Welt vergessene Gegend, dient inzwischen den Taliban und Al-Kaida als Rückzugsgebiet und als Gebiet, in dem die USA ihren Drohnenkrieg führen. Bereits die erste der zu einem lockeren Reigen verknüpften Geschichten zeigt die Unbarmherzigkeit, die gnadenlose Härte der patriarchalen Nomadenvölker und Nomadenstämme, an deren aus Gewalt, Ehre und Rache geformtem Ethos jedes staatliche Gesetz abprallt.

Grenze von Pakistan und Afghanistan nach dem NATO-Beschuss von zwei Grenzposten (picture alliance / dpa / Matiullah Achakzai)Die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan wird heute bewacht. (picture alliance / dpa / Matiullah Achakzai)Ein junges Paar, das gegen die Stammesregeln verstoßen hat, ist auf der Flucht vor der eigenen Sippe. Den jungen Leuten droht der Tod, weil sie es wagten, sich den arrangierten Ehen, die für sie vorgesehen waren, zu widersetzen. Sie kommen bei einem Militärstützpunkt unter, für ein paar Jahre sind sie in Sicherheit, wenn auch vollkommen isoliert. Ein Kind wird geboren, ein Junge namens Tor Baz, im Alter von sechs Jahren wird er Vollwaise, denn der Stamm seiner Eltern hat die Rache nicht vergessen. Tor Baz aber, der keinem Volk, keiner Familie, der niemand angehört, führt das Leben einer Wandermünze, er wird vom Zufall weitergereicht, wächst bei Mullahs, bei Opiumhändlern, bei Hirten, bei Spitzeln und Räubern auf.

In jeder Geschichte taucht Tor Baz, der titelgebende "Falke" auf, mal als Haupt-, mal als Nebenfigur und immer in einer neuen Rolle, einer neuen Verwandlung. Mit diesem einfachen, aber wirkungsvollen poetischen Mittel macht Jamil Ahmad das Existenzprinzip des Nomadentums zum Erzählprinzip: Tor Baz nomadisiert durch den Erzählband wie die Stämme, von denen die Geschichten erzählen.

Eine Kultur im Zustand des Versinkens und Erlöschens

Was Ahmad hier in einer wunderbar klaren, schnörkellosen Sprache zeigt, ist eine Kultur im Zustand des Versinkens und Erlöschens. Denn mit der Auflösung des englischen Empire werden die vormals offenen, ja unfestgelegten Grenzen Hochasiens zu Staatsgrenzen und die Nomaden aus dem Volk der Paschtunen und dem Stamm der Kharots zu Staatsangehörigen - eine Metamorphose ihrer Existenz und ihres gesamten Wertesystems, der sie nicht gewachsen sind und der sie sich widersetzen.

Pakistan und Afghanistan erklärten im Jahr 1958 den Nomaden den Krieg. In der dramatischsten Szene des Buches werden Tausende Nomaden bei der Überquerung der Staatsgrenze von Militärs über den Haufen geschossen. Wie ihre Vorfahren es Jahrhunderte lang taten, zogen die Nomaden mit ihren Tierherden von der Ebene ins Gebirge, sie kennen nur die Grenzen der Jahreszeiten und der Landschaft. Die von Staaten sind ihnen so fremd wie das nomadische dem sesshaften Denken.

"Der Weg des Falken" besitzt über seine poetische Qualität hinaus die historisch-politischer Aufklärung. Denn dieses Buch bebildert einen blinden Fleck unseres Wissens um die Region, die wir seit Jahren nur als Gebiet des Krieges, des Terrors und als Gebiet westlicher Militäreinsätze kennen. Jamil Ahmad macht uns mit der Vorgeschichte der politisch fatalen Gegenwart vertraut.


Jamil Ahmad: "Der Weg des Falken", aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini, Verlag Hoffmann und Campe, 2013, 188 Seiten, 19,99 Euro.

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