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Norwegen ein Jahr nach dem Terror

Schriftsteller Erik Fosnes Hansen über die Folgen der Terroranschläge

Erik Fosnes Hansen im Gespräch mit Jasper Barenberg

Die norwegische Gesellschaft wurde durch die Anschläge schwer erschüttert. (picture alliance / dpa)
Die norwegische Gesellschaft wurde durch die Anschläge schwer erschüttert. (picture alliance / dpa)

Durch das Attentat in Oslo und auf der Fjordinsel Utoya mussten viele Norweger die Erfahrung machen, dass man nicht "am Äußerlichen, auch nicht an der Religion sehen kann, wer der potenzielle Terrorist ist", sagt der norwegische Schriftsteller Erik Fosnes Hansen. Die norwegische Gesellschaft habe Ruhe und Würde bewahrt.

Jasper Barenberg: Am Sonntag wird es ein Jahr her sein, dass Anders Breivik im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe gezündet hat. Acht Menschen sterben dabei. Danach fährt der 32-Jährige in einem Mietwagen 40 Kilometer bis zur Fjordinsel Utoya, setzt als Polizist verkleidet über und macht dort in einem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugend Jagd auf die Teilnehmer. Bis er eineinhalb Stunden später festgenommen wird, erschießt er 69 von ihnen - 77 Tote insgesamt. Kein Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg hat Norwegen so stark erschüttert und das Modell der offenen, skandinavisch geprägten Gesellschaft in Frage gestellt.
Liberal, tolerant, aufgeklärt, friedfertig - als Land des Ausgleichs und des Wohlstandes galt Norwegen, und Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat dieses Modell der offenen Gesellschaft nach den Attentaten im vergangenen Jahr vehement verteidigt.

O-Ton Jens Stoltenberg: "Wir sind immer noch erschüttert über das, was uns getroffen hat. Aber wir geben niemals unsere Werte auf. Unsere Antwort ist: Mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität, aber nie Naivität."

Barenberg: Am Telefon begrüße ich den Schriftsteller Erik Fosnes Hansen. Einen schönen guten Morgen!

Erik Fosnes Hansen: Guten Morgen.

Barenberg: Herr Hansen, noch mehr Offenheit, noch mehr Toleranz, noch mehr Demokratie – das waren die Stichworte, die Schlüsselbegriffe, die Jens Stoltenberg, Ihr Ministerpräsident, nach den Anschlägen genannt hat. Wie ist es ein Jahr später? Bleibt es dabei?

Hansen: Na ja, ich würde sagen – und das ist ein Ruhm an meine Landsleute -, irgendwie hat man, sage wir mal, die Ruhe, die Würde behalten können im Laufe von dem zehnwöchigen Prozess. Ich denke, dass inzwischen natürlich für die meisten von uns der Alltag allmählich wieder eingekehrt ist. Sie können sich kaum vorstellen, zu welchem Maß der 22. Juli 2011 das ganze vergangene Jahr allein in den Massenmedien Norwegen als Gesellschaft geprägt hat. Es war ein Jahr lang von kaum anderen Sachen die Rede. Aber nicht nur in den Medien, sondern natürlich auch für jeden einzelnen Norweger in den Gedanken und im Bewusstsein hat der Prozess und die Nachwirkungen des Geschehens gewirkt, wir waren ein Jahr lang damit sehr innerlich beschäftigt.

Barenberg: Inwieweit, Herr Hansen, wurde denn in der Öffentlichkeit darüber diskutiert, wie weit man diese Werte, die ich genannt habe, also Liberalität, Toleranz, Friedfertigkeit, inwieweit man die in Frage stellen oder überdenken muss jetzt im Lichte dieser Attentate?

Hansen: Ja, das ist eine gute Frage. Das lässt sich natürlich auf Wegen sozusagen von fünf Millionen Menschen nicht so leicht beantworten. Ich habe aber beobachtet: In den letzten Tagen gab es eine große Diskussion vor allem hier in Oslo zu einem neu erstandenen Lager von Roma- und Sinti-Leuten, die aus Rumänien nach Oslo gekommen sind, meistens um zu betteln, und die für ihre Nachbarschaft hier in Oslo eine große Belastung geworden sind. Gut, es gab da Äußerungen gegen die, die wirklich ziemlich hassvoll und nicht gerade liberal und tolerant gewesen sind, von Nachbarn, die davon sehr provoziert waren. Was wir haben beobachten können, ist natürlich auch, dass viele, viele Leute da zu einer Ruhe und zu einer Würde gemahnt haben, man hat sich sozusagen diszipliniert, indem man eben auf dieses gegenseitige Versprechen vor einem Jahr hingewiesen hat, also man soll hier die Rhetorik ein bisschen dämpfen, und man muss sich daran erinnern, dass auch diese Leute Mitmenschen sind.

Barenberg: Ist das auch eine Erklärung dafür, Herr Hansen, dass sich in Umfragen nachweisen lässt, dass das Vertrauen der Norweger in ihre Gesellschaft zugenommen hat seit letztem Jahr?

Hansen: Ich denke schon – auch, weil wir, die ja wirklich auf eine Insel des fast unermesslichen Wohlstands wohnen, wir haben unsere Probleme, unsere tagtäglichen Diskussionen und manchmal ganz provinziellen und kleinkarierten Debattenthemen, wir haben sie irgendwie in einer Perspektive sehen müssen, wo so Vieles davon eigentlich als unwichtig und eben kleinkariert scheint.

Barenberg: Der Hass auf den Islam, Integrationsmüdigkeit, Widerwille auch gegen das Konzept von der Multikulturalität, all das ist ja kein Phänomen, das auf Norwegen beschränkt wäre. Aber es hat sich herausgestellt, dass es auch in Norwegen in der Mitte der Gesellschaft sozusagen angekommen ist. Welche Schlussfolgerungen ziehen die Menschen daraus, welche Schlussfolgerungen werden in der öffentlichen Diskussion daraus gezogen?

Hansen: Jedenfalls wenn ich mit Leuten aus dem muslimischen Milieu in Norwegen spreche, etwa der ersten Generation oder zweiten Generation Einwanderer, die zum Beispiel einen pakistanischen Hintergrund haben, dann sagen sie mir jedenfalls doch, sie kommen sich jetzt mehr als Teile dieser Gesellschaft vor und mehr an diese Gesellschaft angeknüpft vor als zuvor. Also ich denke, es hat mit dem Geschehen vor einem Jahr etwas zu tun. Auch deswegen denke ich, dass viele Norweger, also ethnische Norweger, die schmerzliche, aber wichtige Erfahrung gemacht haben, man kann es nicht am Äußerlichen, auch nicht an der Religion sehen oder wahrnehmen, wer der potenzielle Terrorist ist. Der Terrorist kann schwarz-gelb, schwarz-weiß sein, er kann Moslem sein oder er kann Norweger sein, er kann Mohammed heißen oder kann einen urtypischen Namen wie Anders haben. Der Terrorist ist ein Mensch, egal aus welchen Gründen er nun operiert, er befindet sich so am Rande der Gesellschaft und steht so außerhalb der Gesellschaft, dass es eigentlich gleichgültig ist, aus welchen ideologischen Gründen er operiert. Terrorismus und Hass bleibt Terrorismus und Hass und man kann ganze Bevölkerungsgruppen da nicht für die Taten eines Einzelnen oder einiger Weniger verantwortlich machen.

Barenberg: Der Autor Erik Fosnes Hansen heute im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Danke Ihnen, Herr Hansen.

Hansen: Bitte.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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