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StartseiteTag für TagKirche sucht ein neues Image22.10.2014

NorwegenKirche sucht ein neues Image

Seit 1536 war die evangelisch-lutherische Konfession Staatsreligion in Norwegen. Durch eine Verfassungsänderung im Jahr 2012 wurde die Staatskirche aufgehoben und die Kirchenaufsicht fiel weg. In ihrem Ablösungsprozess vom Staat will die Kirche nun auch ihren Ruf als Moralbehörde loswerden.

Von Ingrid Norbu

Norwegens größte Stabkirche in Heddal. Eine Kirche mit drei Türmen aus Holz. (dpa/picture alliance/Klaus Nowottnick)
Norwegens größte Stabkirche in Heddal. (dpa/picture alliance/Klaus Nowottnick)

Ralf Rückert, Pfarrer aus dem Hessen, hat es wie viele deutsche Geistliche nach Norwegen verschlagen. Seit einigen Jahren beobachtet er dort den Trennungsprozess von Staat und Kirche.

"Im Grunde war es so, dass kirchlicherseits viele die Staatskirche abwickeln wollten. Sicherlich passt es in die norwegische Doktrin einer Gleichbehandlung aller Menschen hinein und es gibt in Norwegen auch Menschen, die der Kirche gegenüber eher nicht nur reserviert, sondern sogar feindlich eingestellt sind, die vielleicht sagen, es ist höchste Zeit, dass die Staatskirche keine Staatskirche mehr ist, aber das Interesse lag eigentlich sehr stark bei der Kirche selbst, die sich vom Staat emanzipieren wollte, während die Politiker da Bedenken hatten, weil sie fürchteten, mit der Aufsicht über die Kirche dann eventuell Teile der Kirche in ein sektiererisches Sondereigenleben hinein zu verlieren. Und die Kirche musste zunächst nachweisen, dass sie bereit ist, die Institution auf einer ganz basisdemokratischen Grundlage zu bilden, bevor der Staat bereit gewesen ist, die Kirche in die Selbstständigkeit zu entlassen."

Viel hat sich allerdings seit der Verfassungsänderung 2012 noch nicht verändert, meint Pfarrer Rückert, der Gemeinden in Mittelnorwegen betreut.

"Im Augenblick ist es im Großen und Ganzen wie zu Staatskirchenzeiten und es werden Fahrpläne aufgestellt, wie in einem demokratischen Prozess die Kirche umgewandelt wird. (...) Die Finanzierung ist zu klären, wobei man in Norwegen im Ganzen davon ausgeht, dass sich an der Finanzierung nichts ändern wird, weil der Staat auch jetzt schon andere Glaubensgemeinschaften mit Steuergeldern unterstützt, sodass womöglich die Förderung der Volkskirche über staatliche Mittel weiterlaufen wird. Kirchenoberhaupt ist noch der König. Das gilt aber nur solange wie der König noch Mitglied ist. Er ist formell nicht mehr verpflichtet, Mitglied in der Kirche zu sein, und wir haben das Amt eingeführt einer leitenden Bischöfin, sozusagen einer Erzbischöfin für ganz Norwegen."

"Immer noch den Ruf einer Moralbehörde"

Ralf Rückert musste bei seiner Arbeit als Pfarrer feststellen, dass die Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft in Norwegen viel größer ist als in Deutschland, denn als Staatsbeamte waren Geistliche bisher viel weniger Seelsorger als Repräsentant einer Behörde.

"In Deutschland hat man diesen Sprung von der Behörde zu einer volksnahen, größeren Einrichtung, will ich es mal nennen, ja viel früher gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg musste das losgehen. War dann auch ein langer Weg, bis die Kirche zu dem Erscheinungsbild gekommen ist, wo sie heute ist, aber die Norwegische Kirche ist da eben viel später. Man wird vielfach mit einer strengen Moral in Verbindung gebracht. Es gibt viele Vorurteile zum Beispiel gegenüber mir als Geistlichem. Irgendwie hat man immer noch den Ruf einer Moralbehörde. Diese Moralbehörde ist nicht etwas wahnsinnig Einladendes. Das ist etwas, woran sich die norwegische Seele viel gerieben hat. Natürlich gibt es auch Leute, die diese Kirche gemocht haben, aber man steht ihr oft reserviert gegenüber und es gibt auch einige Feinde. Und da gab es damals in den 90ern bestimmte Exzesse, wo man eben ein bestimmtes religiöses Bedürfnis sicherlich gehabt hat und hat das eben auf der komplett entgegen gesetzten Seite gesucht. Dann Kirchen angezündet. Das ist eine Form von Extremismus."

Diese Brandanschläge, auch auf jahrhundertealte Stabkirchen, wurden Mitgliedern der norwegischen Black-Metal-Szene zur Last gelegt. In der Kirche sahen sie eine Verfälscherin der norwegischen Kultur, die ihrer Meinung nach im Kern kriegerisch wie die der Wikinger sei. Heute möchte man diese Vorfälle lieber vergessen. Hans Jakob Dahl ist Pfarrer in Ostnorwegen:

"Das Brennen der Kirchen war nur ein kurzes Kapitel in unserer Geschichte und die Täter waren schon sehr spezielle Leute. Heute gibt es so etwas nicht mehr, aber in den Schulen und im öffentlichen Bewusstsein spielt das Christentum eine immer geringere Rolle. Natürlich sind immer noch viele fest mit dem Glauben verbunden, aber mehr und mehr Menschen, würde ich sagen, haben überhaupt kein religiöses Wissen mehr."

Pilgerpfarrer: Kirche soll von Naturbegeisterung profitieren

Oder sie wenden ihr Wissen gegen die Kirche. Die damalige Black-Metal-Szene hatte unter anderem den Tod von Tieren auf der Bühne inszeniert. Pfarrer Ralf Rückert beschreibt einen späteren Fall von Vandalismus, der Ähnlichkeiten dazu zeigt:

"Es gab ja nicht so weit von hier in 2004 mal einen Einbruch in eine Kirche, wo man ein Schaf auf dem Altar geschlachtet hat und einfach die Kirche ein bisschen, ich würde sagen, zugesaut hat, auf Deutsch. Und das hat ja offensichtlich auch irgendwas Religiöses gehabt. Es ist nicht rausgekommen, wer das war, glaube ich, und was die genau vorhatten, aber da ist irgendwas, dass sich an der Kirche reibt und der Kirche irgendwie zeigen will, hallo, ich bin auch noch da. Ich glaube, dass die norwegische Kirche eigentlich auf einem guten Weg ist, etwas zu machen, was die Norweger mit 'die Menschen sehen' beschreiben. In Deutschland hat das Wort 'sehen' nicht so eine tiefgründige Bedeutung. Die Menschen wollen wahrgenommen werden, sagen wir. Und ich glaube, die Kirche ist da die letzten Jahre viel besser drin geworden. Die Bedürfnisse der Leute zu sehen, den Menschen als Individuum zu sehen und ihm seinen Platz dazu geben in der Kirche."

Die Pfarrer und Pfarrerinnen suchen seit Langem durch Publikationen und Veranstaltungen den Weg zu Eltern und Kindern. Als Wertevermittler für die nächste Generation ist die Kirche auch durchaus willkommen. Doch was den Erwachsenen später bleibt, das oft nur ein "Kinderglaube", meint Pfarrer Rückert. Lediglich an den Kirchenfeiertagen wie Weihnachten und an den Familienfesten wie Taufen, Hochzeiten oder zu Beerdigungen sind die Kirchen voll. Hausbesuche des Pfarrers zu runden Geburtstagen oder bei Alten und Kranken sind undenkbar. Nun suchen Pfarrer als ehemalige Staatsbeamte eine neue Rolle. Wie Hans-Jakob Dahl. Er ist einer der neu ernannten Pilgerpfarrer in Norwegen. Er hofft, dass die Kirche von der Naturbegeisterung vieler Norweger mitprofitiert. Pilgern war seit der Reformation vor rund 500 Jahren verboten. Nach anfänglichen Widerständen in der Kirche wird es nun akzeptiert.

"Wenigstens den Menschen, die nach mehr Spiritualität im Christentum suchen, könnte es helfen, weil sie sich frei in der Landschaft bewegen. Vielen fällt es schwer, eine Kirche zu betreten und mit einem Pfarrer zu sprechen, ihn etwas zu fragen. Wenn sie aber als Pilger unterwegs sind, treffen sie Gleichgesinnte und kommen dann vielleicht auch in die Kirchen, um mehr über ihren Glauben zu erfahren und mit anderen darüber zu sprechen, möglicherweise."

 

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