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StartseiteForschung aktuellNotfallplanung nicht adäquat27.06.2012

Notfallplanung nicht adäquat

Österreichische Studie zu Nuklearunfällen enthüllt Risikogebiete und Schwachstellen

Österreich wurde nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 besonders stark vom radioaktiven Fallout betroffen. Die österreichische Bundesregierung hat deshalb vor etlichen Jahren die Studie FlexRisk in Auftrag gegeben, um zu untersuchen, welche Auswirkungen eine solcher Unfall auf verschiedene Regionen in Europa hat.

Von Dagmar Röhrlich

Österreichischen Forscher haben für ihre Risikoabschätzung rund 90 europäische Nuklearanlagen unter die Lupe genommen. (dpa)
Österreichischen Forscher haben für ihre Risikoabschätzung rund 90 europäische Nuklearanlagen unter die Lupe genommen. (dpa)

Ob das Kernforschungszentrum im französischen Caderache oder die Druckwasserreaktoren auf der russischen Kolahalbinsel - die österreichischen Forscher haben für ihre Risikoabschätzung rund 90 europäische Nuklearanlagen unter die Lupe genommen: alte und neue, solche britischer, russischer amerikanischer, französischer oder deutscher Bauart. Dann haben sie - jeweils anlagenspezifisch - einen sehr schweren Unfall durchgerechnet, bei dem große Mengen an Radioaktivität freigesetzt würden:

"Im Wesentlichen hat sich gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für ältere russische Anlagen am höchsten ist, dass wir wirklich große Freisetzungen haben. Ähnlich große Freisetzungen haben wir gehabt bei den grafitmoderierten Reaktoren, die dem Tschernobyltyp entsprechen, und auch die alten deutschen Siedewasserreaktoren haben relativ große Unfälle gehabt","

erklärt Nikolaus Arnold vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien. Als Nächstes ging es um die Folgen des Unfalls. Bei den längerfristigen war die Kontamination des Bodens mit Cäsium 137 ein wichtiger Punkt: Das wird bei solchen Unfällen weiträumig in großen Mengen freigesetzt und ist mit einer Halbwertzeit von etwa 30 Jahren recht langlebig. Petra Seibert vom Meteorologischen Institut der Universität für Bodenkultur in Wien:

""Beim Risiko einer sehr hohen Kontamination, höher als die 1480 Kilobecquerel Cäsium 137 pro Quadratmeter, die nach Tschernobyl als Richtwert für die dauerhafte Absiedlung der Menschen herangezogen wurden, sehen wir, dass eine durchschnittliche Anlage in einem Umkreis von - sagen wir - 500 Kilometern etwa in der Lage ist, eine solche Kontamination zu verursachen."

So könnte ein schwerer Unfall etwa im Kernkraftwerk Isar ganz Süd- und Südostdeutschland sowie Österreich und Teile Polens und Tschechiens schwer belasten.

"Wenn wir die Karte des Risikos einer solchen hohen Kontamination für die Überlagerung aller europäischen Kernkraftwerke betrachten, daraus ergibt sich, dass in jenen Regionen, in denen als besonders schlecht eingestufte Kernkraftwerke sich befinden, das Risiko am höchsten ist. Das sind die Regionen in erster Linie, die über Reaktoren russischer Bauart verfügen, die oft auch relativ große Leistung haben, anders als zum Beispiel die alten Reaktoren in England, die auch nicht gut eingestuft sind, aber die eben typischerweise kleiner sind."

Das Gebiet mit dem höchsten Risiko wäre danach das östliche Mitteleuropa von Tschechien über die Slowakei, den Osten Österreichs bis nach Ungarn. Weitere Hotspots liegen in der Ukraine und St. Petersburg. In Westeuropa ist es vor allem das Rhonetal: wegen der Vielzahl der Anlagen und weil das Tal den Wind kanalisiert.

"In Deutschland ist der Süden stärker betroffen als der Norden. Das liegt daran, dass wir hier mehrere Anlagen haben, die als verhältnismäßig riskant beurteilt wurden. Das sind zum einen die Anlagen Isar und Gundremmingen und zum anderen auch das in Frankreich an der Grenze gelegene Fessenheim. Im Norden Deutschlands ist es im Wesentlichen Krümmel."

Dass einige dieser Anlagen nach Fukushima stillgelegt wurden, habe das Risiko natürlich spürbar verringert, so Petra Seibert. In einem Teilprojekt wurden die Dosen berechnet, die sich für die Bevölkerung aus der Boden- und Luftstrahlung sowie dem Einatmen von Radionukliden ergäben. Unter anderem ging es dabei um das Schilddrüsenkrebsrisiko durch Jod 131. Gabriele Mraz vom österreichischen Ökologieinstitut:

"Eine Auswirkung ist, dass diese Unfälle nach unseren Berechnungen durchaus zu Dosen führen, in denen es notwendig sein wird, Interventionsmaßnahmen zu setzen, weil hier befürchtet wird, wenn man nicht interveniert, dass die Schilddrüsenkrebserkrankungen ansteigen würden."

Derzeit sollten in Deutschland in einer 100-Kilometer-Zone nach einem Unfall Kinder und Jugendliche vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke mit Kalium-Jodid-Tabletten versorgt werden. Wie eine Studie des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz kam auch die österreichische zu dem Schluss, dass diese Zone zu klein bemessen ist. Das gelte im Übrigen auch für die anderen Interventionsradien:

"In Fukushima hat man ja doch bis etwa 60 Kilometer Entfernung einzelne Gebiete mit sehr starker Kontamination und in Tschernobyl bis zu einigen Hundert Kilometer. Die üblichen Notfall-Planungsgebiete von etwa 20 oder 30 Kilometer sind, wenn es aus Sicht der Wetterlage ungünstig hergeht, also sicherlich nicht ausreichend. Darüber gibt es gar kein Zweifel."

Man solle endlich Lehren aus den beiden großen Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima ziehen, fordert Petra Seibert: Bei beiden habe sich die Notfallplanung als unzureichend erwiesen.

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