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Seit 00:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteVerdienst und Verschulden des Theodor Eschenburg22.10.2014

NS-VergangenheitVerdienst und Verschulden des Theodor Eschenburg

Er war Rektor der Uni Tübingen, Träger des Bundesverdienstkreuzes und über Jahrzehnte Autor der "Zeit". Doch Theodor Eschenburgs Handeln während der NS-Zeit wirft einen Schatten auf seine Nachkriegskarriere: Neue Recherchen des Politologen Rainer Eisfeld zeigen: Eschenburg war an Arisierungen beteiligt und zählte zu den "konservativen Funktionseliten, die mit dem NS-Regime kollaboriert haben", so Eisfeld im DLF.

Rainer Eisfeld im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Burkhard Müller-Ullrich: Weniger paradiesisch wird es jetzt, wenn wir uns einem Säulenheiligen der deutschen Politologie zuwenden. Als Theodor Eschenburg 1999 starb, schrieb die englische Zeitung "The Independent" mit Blick auf die Nazizeit, er habe eine fleckenlose Vergangenheit gehabt. Das zumindest wird man jetzt nicht mehr behaupten können, wenn man die Recherchen des Osnabrücker Politikwissenschaftlers Rainer Eisfeld kennt, denn Eschenburg war 1938 als Wirtschaftsfunktionär an der sogenannten Arisierung jüdischer Unternehmen beteiligt. 1938 - da war Eschenburg 34 Jahre alt. Also es war keine Jugendsünde; er wusste schon, was er tat. Aber, Herr Eisfeld, war er nicht trotzdem bloß ein kleines Rädchen im Getriebe, oder wie groß war sein Handlungsspielraum?

Rainer Eisfeld: Er hat natürlich keine Entscheidungen selbst getroffen. Er gehört zu jenen konservativen Funktionseliten, die mit dem NS-Regime kollaboriert haben und die in einem sehr erheblichen Maße das Funktionieren dieses Regimes ermöglicht haben. Es ging darum, dass Eschenburg zunächst nach dem erfolgten sogenannten Anschluss Österreichs, als dort die systematische Enteignung jüdischer Geschäfte und Betriebe eingesetzt hatte, zu der sogenannten Vermögensverkehrsstelle gerufen wurde, eine Behörde, die extra von den Nazis für solche Zwecke geschaffen worden sei, und im Falle zweier Wiener Betriebe in jüdischem Besitz, der Firmen Auerhahn und Glaskopf, um seine Empfehlung gebeten wurde. Und als Funktionär im Namen seines Verbandes argumentierte Eschenburg, die Branche sei ohnehin überbesetzt, das Beste sei, diese Betriebe beide zu liquidieren.

Beteiligt an "Arisierungen"

Der zuständige Sachbearbeiter - diese Dokumente sind alle im österreichischen Staatsarchiv erhalten - folgte seiner Argumentation in einem Fall. Im zweiten Fall glaubte er, dass den Exportinteressen des Reiches besser gedient wäre, wenn der Betrieb in sogenannte arische Hände überginge. Er wurde dann in der Tat an einen sogenannten alten Kämpfer veräußert. Dem Inhaber dieses Betriebes gelang es, nach England zu entkommen. Der andere beendete sein Leben und das seiner Frau endeten im Konzentrationslager Theresienstadt.

Müller-Ullrich: Die zwei Wiener Fälle, die Sie gerade angesprochen haben, sind das eigentlich Neue an Ihren Recherchen. Jetzt fragt man sich natürlich: Okay, erst eins. Dann kann man immer noch sagen, vielleicht war es ein Ausrutscher. Bei zwei weiteren Fällen wird das schon sehr fraglich, und man vermutet dann eher, gibt es vielleicht noch mehr dahinter.

Eisfeld: Es wäre sehr sonderbar, wenn es nicht mehr gäbe, denn einerseits erwähnt Eschenburg selbst in einem Brief an die Vermögensverkehrsstelle vom 1. November 1938, dass unter den Wunsch seiner Branche, sogenannte nichtarische Betriebe liquidieren zu lassen, zwei weitere Firmen im "Altreichsgebiet", wie er sich ausdrückte, kommen.

Müller-Ullrich: Haben Sie die auch schon gefunden?

Eisfeld: Nein! Die Akten sind noch nicht entdeckt. Aber sie legen die Vermutung nahe, dass es da noch mehr gegeben hat.

Eschenburg folgte einer "technokratischen Logik"

Müller-Ullrich: Jetzt geht es ja nicht nur um wirtschaftliche Fragen dabei, wenngleich die natürlich im Vordergrund stehen, wenn man "Arisierung" sagt. Aber es geht um Lebensschicksale.

Eisfeld: Natürlich!

Müller-Ullrich: Es geht um Fragen der Passentziehung beispielsweise und es geht um Kapitalverschiebungen, die jemandem auch von Eschenburg angedichtet wurden, als Vermutung, als Ondit, den Behörden hinterbracht wurden, und so etwas war brandgefährlich, denn darauf stand die Todesstrafe.

Eisfeld: Ja, das ist völlig richtig. Das macht besonders betroffen an dem ersten Vorgang, den ich seinerzeit in den Akten des Reichswirtschaftsministeriums entdeckt habe. Die technokratische Logik, mit der Eschenburg dem Ministerium vorsorglich, wie er sich ausdrückt, Vermutungen mitteilt, wonach der Inhaber - es handelte sich da um eine Kunststofffabrik im Besitz eines jüdischen Unternehmers in Berlin -, wonach der Unternehmer möglicherweise unter Verwendung deutscher Devisen sich eine neue Existenzgrundlage im Ausland schaffen könnte. Darauf stand in der Tat durch ein Gesetz von 1936, das mehrspaltig im "Völkischen Beobachter" verkündet worden war, die Todesstrafe, und das musste jemand in Eschenburgs Position natürlich wissen.

Wohlgemerkt: Wir reden nicht darüber, dass Eschenburg sich in irgendeiner Weise persönlich bereichert hätte, und wir reden auch nicht darüber, dass Eschenburg persönlich Antisemit gewesen wäre.

Persönliche Verantwortung "einfach weggewischt"

Müller-Ullrich: Jetzt machen wir zum Schluss noch einen schnellen Sprung in die Nachkriegszeit, als eigentlich Eschenburgs große Professorenkarriere in der Politologie startete. Wie ist er denn überhaupt umgegangen mit dieser, man kann schon sagen, Schuld?

Eisfeld: Das Problem persönlicher Verantwortung, individueller Verantwortung wird hier von Eschenburg nicht nur ausgeklammert; es wird einfach weggewischt.

Müller-Ullrich: Danke, Herr Eisfeld. - Das war der Politikwissenschaftler Rainer Eisfeld über seine Aktenfunde über die Vergangenheit von Theodor Eschenburg während der Nazi-Zeit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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