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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNSU nicht als Exoten von einem anderen Stern darstellen05.11.2012

NSU nicht als Exoten von einem anderen Stern darstellen

Patrick Gensing: "Terror von rechts", Rotbuch-Verlag

Jahrelang lebten sie im Untergrund, vor einem Jahr flogen sie auf: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe von der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU. Patrick Gensing ist Journalist und hat mehr ein Manifest als eine Dokumentation zu den Ereignissen geschrieben.

Von Claudia van Laak

Fahndungsfotos der Mitglieder der sog. Zwickauer Zelle: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (v.l.). (picture alliance / dpa /Frank Doebert)
Fahndungsfotos der Mitglieder der sog. Zwickauer Zelle: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (v.l.). (picture alliance / dpa /Frank Doebert)

Dieser Mann hat eine Mission. Patrick Gensing gehört zu einer kleinen Gruppe von Journalisten, die sich intensiv mit dem Rechtsextremismus in Deutschland beschäftigen, die schon seit Jahren mahnen und warnen. Deshalb ist sein Buch "Terror von rechts" eher ein Manifest geworden als eine sachliche Dokumentation zur Zwickauer Terrorzelle.

"Das Buch soll nicht die Geschichte der NSU-Terroristen 1:1 nacherzählen. Es kann auch nur einen Zwischenüberblick geben über den derzeitigen Kenntnisstand, zu dem ganzen Versagen der Sicherheitskräfte. Ich glaube aber tatsächlich, dass wir zwei Schritte zur Seite gehen müssen und einen Blick auf die eigene Gesellschaft werfen müssen."

Patrick Gensing beschreibt im ersten Teil seines Buches den Rechtsterrorismus in anderen europäischen Ländern, erinnert an fast in Vergessenheit geratene rechtsterroristische Vereinigungen in Deutschland wie die Wehrsportgruppe Hoffmann, fragt nach Unterschieden zwischen Links- und Rechtsterrorismus. Warum ist der Linksterror der RAF sehr viel stärker im öffentlichen Gedächtnis präsent als der Rechtsterror? Den Grund dafür sieht der Autor in den unterschiedlichen Opfergruppen. Während die RAF prominente Vertreter des gesellschaftlichen Establishments im Visier hatte, richtet sich der Terror von rechts gegen Minderheiten: Punks, Linksautonome, Flüchtlinge, Migranten.

"Im Rechtsextremismus ist die Vernichtung politisches Programm, nicht nur Mittel zum Zwecke, sondern Zweck an sich. Wer diesen Kern des Rechtsextremismus nicht sieht oder nicht erkennen will, hat diese Ideologie nicht verstanden, verkennt das tödliche Potenzial und hat aus der Geschichte offenkundig nichts gelernt."

Hier klingt es schon an: Das ansonsten lesenswerte Buch ist leider durchzogen von einem besserwisserischen Ton. "Alle sind Rassisten, nur ich nicht" – und –"Anders als die Mehrheitsgesellschaft habe ich die Gefahr des Rechtsextremismus schon immer richtig eingeschätzt" – diese Haltung klingt zwischen den Zeilen durch und macht die Lektüre des Textes stellenweise schwer erträglich. Darauf angesprochen sagt Patrick Gensing:

"Das kann gut sein, das geht wahrscheinlich mit Rechthaberei einher. Ich weiß nicht, ob ich diesen Duktus in dem Buch habe. Ich hoffe nicht. Es ist natürlich so, dass es einen im Nachhinein schon mit Wut erfüllt. Dass es wirklich alles noch schlimmer ist, als man befürchtet hat. Man muss sich als Journalist aber auch an die eigene Nase packen, weil wir es nicht geschafft haben, das, was wir gesehen haben, zumindest in die größere Öffentlichkeit zu zerren."

Gensing übt auch Medienkritik, wehrt sich dagegen, dass Journalisten die Rechtsterroristen vom NSU darstellen, als kämen sie von einem anderen Stern. Zu Recht merkt er an, dass aus Neonazis gerne Exoten gemacht werden und dabei verleugnet wird, auf welchem Nährboden ihre Gesinnungen und Handlungen gedeihen. Seine These: Bei der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund handelt es sich erstens nicht um ein neues Phänomen und zweitens nicht um eine abgeschlossene Gruppe.

"In fast allen Medien ist im Zusammenhang mit dem NSU von einem Terror-Trio die Rede. Damit wird ausgeblendet, dass ein Unterstützernetzwerk existiert und die Ideologie der Terroristen gesellschaftlich anschlussfähig ist – zumindest teilweise."

Der zweite Teil des Buches "Terror von rechts" ist wenig stringent. Ein Kapitel über die NPD, eines über die Ermittlungspannen und die umstrittene Extremismusklausel, die zivilgesellschaftliche Initiativen unterschreiben müssen, wenn sie Geld aus dem Bundesprogramm gegen Rechtsextremismus erhalten wollen. Wer den Blog "publikative.org" von Patrick Gensing kennt, bekommt den Eindruck, dass er viele zuvor dort publizierte Texte für das Buch recycelt hat. Ein extra Kapitel widmet der Autor dem Bundesland Sachsen.

"In Sachsen kommt wirklich alles zusammen, in Sachsen waren die NSU-Terroristen über zehn Jahre zu Hause und konnten da in Ruhe leben und ihre Anschläge vorbereiten. Sachsen ist einfach ein abschreckendes Beispiel, was den Umgang mit dem Thema angeht."

In der Tat: Gerade Sachsen spielt in puncto Rechtsextremismus eine unrühmliche Rolle. Der NPD wurde Raum gegeben, sich ungehindert auszubreiten. Diejenigen, die gegen Rechts auf die Straße gehen, werden kriminalisiert. Auch bei der Aufarbeitung des NSU-Skandals duckt Sachsen sich weg. Aber all das wäre eigentlich ein Extra-Buch. Zusammengefasst: Es ist richtig, dass es Patrick Gensing in seinem Buch zum Rechtsterrorismus vermieden hat – im Gegensatz zu anderen Autoren – im Privatleben der drei mutmaßlichen Terroristen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt herumzustochern. Denn das bringt nur wenig Erkenntnisgewinn. Der Versuch einer gesellschaftlichen Einordnung und Analyse gelingt allerdings nur teilweise – zu wenig stringent im Aufbau ist das Buch, zu besserwisserisch der Ton.

Buchinfos:
Patrick Gensing: "Terror von rechts. Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik", Rotbuch-Verlag, 240 Seiten, Preis: 14,95 Euro, ISBN: 978-3-867-89163-9

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