• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 08:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Justiz kann Wunden nicht heilen25.07.2017

NSU-ProzessDie Justiz kann Wunden nicht heilen

Jahrelang konnten sich drei mutmaßliche Terroristen mit Nazigesinnung im Untergrund verstecken. Nun haben die Plädoyers im NSU-Prozess begonnen. Egal, wie am Ende die Urteile lauteten - das Verfahren könne nicht wiedergutmachen, was Polizei und Behörden bei der Aufklärung versäumt haben, kommentiert Michael Watzke.

Von Michael Watzke

Angeklagte Beate Zschäpe sitzt am im Verhandlungssaal im Oberlandesgericht in München zwischen ihren Anwälte. (Peter Kneffel/dpa)
Wie wird das Urteil für Beate Zschäpe ausfallen? (Peter Kneffel/dpa)
Mehr zum Thema

Zschäpe Bundesanwaltschaft fordert Verurteilung

NSU-Prozess Plädoyer für den Plädoyer-Mitschnitt

NSU-Prozess "Verantwortung staatlicher Stellen dringend aufklären"

55 Millionen Euro! So viel hat der NSU-Prozess bisher gekostet. Pro Verhandlungstag 150.000 Euro! Was hätte man dafür alles kaufen können! Und wer zahlt's am Ende? Natürlich der Steuerzahler!

So hat heute, in einer Verhandlungspause, ein Besucher auf der Zuschauer-Tribüne argumentiert. Der Mann, Anfang 60, besorgter Bürger, war nicht rechtsextrem, aber blind. Blind dafür, wie wichtig der NSU-Prozess für die deutsche Gesellschaft ist. Nicht nur als Signal an die deutsch-türkische und deutsch-griechische Gemeinde hierzulande, dass dieses Land rechtsextremen Terror mit der vollen Härte des Rechtsstaates verfolgt. Sondern auch als Rückversicherung an alle Bürger der Bundesrepublik, dass Politik, Justiz und Gesellschaft nationalsozialistische Gewalt nicht verdrängen oder kleinreden, sondern möglichst offen und transparent aufarbeiten. Und. dass Deutschland dabei keine Kosten scheut - weder finanzielle noch politische.

Es ist schlimm genug, dass sich drei mutmaßliche Terroristen mit Nazigesinnung jahrelang im Untergrund verstecken konnten, um neun Mitbürger mit ausländischen Wurzeln und eine junge Polizistin kaltblütig zu ermorden. Egal, wie am Ende die Urteile lauten - der NSU-Prozess kann nicht wiedergutmachen, was Polizei und Behörden bei der Aufklärung versäumt haben. Die Justiz kann Wunden nicht heilen – aber sie kann und wird hoffentlich den Schmerz lindern, den die Opfer und ihre Hinterbliebenen durch die Verbrechen des NSU erlitten haben.

"Vorstellung eines NSU-Revisionsverfahrens lässt einen erschaudern"

"Die Täter, hoher Senat, waren Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe" - mit diesen Worten hat Bundesanwalt Herbert Diemer heute um 12.01 Uhr sein Plädoyer begonnen - und damit  den letzten und entscheidenden Abschnitt des NSU-Verfahrens eingeleitet. Ein Verfahren, das sich mitunter quälend in die Länge zog, weil die Verteidiger es verschleppten - und weil Richter Manfred Götzl um jeden Preis verhindern will, durch Überhast einen Formfehler zu begehen, der sich zu einem Revisionsgrund auswachsen könnte.

Das geht doch eh in die Berufung und wird neu aufgerollt, lästerte der eingangs erwähnte Zuschauer auf der Besucherbank. Und dann kostet es nochmal 55 Millionen! Tatsächlich lässt einen die Vorstellung eines NSU-Revisionsverfahrens erschaudern. Aber nicht wegen der hohen Kosten, sondern wegen der Schmerzen, die solch ein Wiederholungs-Prozess verursachen würde.

Wenn es nur um Geld ginge - wie schön wäre es dann, wenn das Gericht nur für ein paar Millionen Euro mehr jene Fragen beantworten könnte, die auch nach einem Urteil offenbleiben werden.  Etwa all die Ungereimtheiten um den neunten Mord des NSU an Halit Yozgat in einem Internet-Café in Kassel. Diese Vorgänge und das Verhalten des dubiosen V-Mann-Führers Andreas Temme vom hessischen Verfassungsschutz bleiben eine Gräte im Hals der Aufklärung. Auch eine absehbar lebenslange Haftstrafe für Beate Zschäpe wird dieses Rätsel nicht lösen. Leider.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk