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StartseiteBüchermarktNummer Sechs04.09.2003

Nummer Sechs

Aus dem Französischen von Sigrid Vagt

Ihr Vater fand, Kinder sollten in Serie gezeugt werden, eins nach dem anderen. Bei den fünf älteren Geschwistern war es ihm geglückt, bei Fanny nicht. Als sie geboren wird, ist Christophe, der letzte der Serie, schon zehn Jahre alt. Fanny gehört nicht dazu. Das bekommt sie deutlich zu spüren. Ihr Vater ruft sie kaum beim Namen, er sagt versehentlich Louise oder Marie zu ihr, das sind ihre beiden älteren Schwestern, oder er stellt sie einfach als Nummer 6 vor. Dabei bewundert Fanny ihn grenzenlos und versucht alles, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Es gelingt ihr nicht. Die meiste Zeit verbringt sie mit dem spanischen Hausmädchen. Mit Maria, die sich nach ihrer eigenen Familie und ihrer fernen Heimat sehnt. Selbst im Urlaub, den die Familie Delbast gemeinsam am Strand verbringt, hat niemand Zeit für Fanny. Verzweifelt nimmt sie zur Kenntnis, überflüssig zu sein.

Mechthild Müser

Ich bin langsam ins Meer hinein gegangen. Mir war nicht kalt. Ich hatte keine Angst. ... Ich bin vorwärts gegangen und habe meinen blauen Hut festgehalten, der so gut zu meinem Kleid passte. ... Als das Wasser mein Gesicht erreichte, habe ich mich noch fester an meinen Hut geklammert. Es war angenehm. Tiefe Stille. Dann nichts mehr. Ich bin umgesunken.

Mit großer Eindringlichkeit schildert die französische Theatermacherin und Schriftstellerin Veronique Olmi die schmerzliche Einsamkeit des kleinen Mädchens. Ihre Ich-Erzählerin, Fanny, ist inzwischen erwachsen, eine 50 jährige Frau. In knappen Rückblenden fokussiert sie ihr schwieriges Leben. Sie erinnert sich in nüchternem Ton, ohne Selbstmitleid und ohne Vorwurf. Am Ende jeder Szene stirbt sie einen weiteren kleinen Tod. Der Leser mit ihr.

Du, du hast dein Leben lang gearbeitet. Zu Hause sah man dich wenig. Wenn du da warst, klingelte das Telefon. Und du bist wieder gegangen. Alle diese Leute, die dich brauchten und die wussten, wie man das sagt. Du warst Arzt, sie waren krank. - Ich wurde krank.... Akute, infektiöse rheumatoide Arthritis, eine langwierige Krankheit. ...Ich blieb ein Jahr ans Bett gefesselt. Bekam sieben Jahre lang Antibiotika gespritzt. - Du hast dich geweigert, mich zu behandeln. ,Ein Arzt behandelt seine eigene Familie nicht.' Du hast mich zu einem Kollegen geschickt.

Auf den ersten Blick scheint der Roman überholt, nicht mehr in unsere Zeit passend. Gutbürgerliche, katholische Familien mit sechs Kindern sind in Westeuropa rar geworden. Warum also heute noch an ihrem Image kratzen? Zeigen, dass jemand durch die Maschen fällt und den Preis für den Erfolg der anderen bezahlt? Veronique Olmi, selbst Mutter zweier Töchter, greift vor der Folie der angeblich heilen Familie dennoch ein durchaus zeitgemäßes Thema auf: die unbändige Sehnsucht nach dem Vater. Nach dem innerlich oder äußerlich abwesenden Vater. Dem, der von seinem Job aufgefressen wird, dem, der sich anderweitig zu verwirklichen sucht oder sich als Scheidungsvater nur gelegentlich blicken lässt. Väter sind sich oft nicht bewusst, welch wichtige Rolle sie im Leben ihrer Kinder spielen. Und wie mächtig sie ihnen erscheinen.

Ich bin ...wie alt? Fünf Jahre? Vier vielleicht. ... Ich bin im Garten, mit dir. ... Du verbrennst welkes Laub, ich lasse dich nicht aus den Augen. Du beachtest mich nicht. ...Du hast eine große Harke und energische Bewegungen. ... Ich sehe dem Rauch zu, der aus dem welken Laub aufsteigt... Ich lege meinen kleinen Kopf in den Nacken, um ihm nachzuschauen, ich sehe, wie der Himmel ihn aufnimmt, ihn in seiner Farbe aufgehen lässt, und plötzlich begreife ich! Ich begreife ... Du bist es, der die Wolken macht.

In knappen Sätzen entwirft Veronique Olmi eindrückliche Bilder. Sie ist eine Meisterin im Weglassen. Die Form ihres Romans erinnert an einen Film, der schnell geschnitten ist. Short cuts. Natürlich, dieses Bild der Schöpfer-Vaters hält sich nicht. Der bewunderte Vater wird älter, schwächer, geplagt von kriegsbedingten Albträumen und nächtlichen Fressattacken. Mitgerissen von der 68er Studentenrevolte wagt Fanny schließlich die längst notwendige Kritik und entzieht sich der familiären Gleichgültigkeit. Doch nur für eine Weile. Denn der Vater kann von allen Söhnen und Töchtern nur auf sie, die Schwächste, als Stütze im Alter zählen. Auch dies ein Spiegel unserer Zeit. Olmis Roman, der nicht einmal 100 Seiten braucht, um die Essenz eines Menschenlebens darzustellen, verweist nur in Randbemerkungen auf die menschlichen Kälte in unserer umtriebigen, auf Spaß bedachten Gesellschaft. Hier zählt, wer vorzeigbar ist. Jetzt ist der alternde Vater der Überflüssige, mit dem sich Fannys erfolgreiche Geschwister nicht mehr abgeben mögen. Aber sie kennt den Geschmack der Einsamkeit.

Als der Vater Fanny nach fünf Jahren Trennung besucht, sieht sie ihre traurige Chance:

Ich war eine Tochter, die ihrem Vater gefehlt hatte. Wie gut, dass ich fortgegangen war! Für diese Geste, dieses Sichergeben, diesen Kniefall, den du mir geschenkt hast.... Ich hab dir gefehlt. ... An dem Tag haben wir uns nicht umarmt, wir haben uns nicht berührt. Aber wir haben uns wiedergefunden.

Fanny bleibt gezeichnet und beruflich weit hinter dem zurück, was sie einst erträumte. Ihre eigene Tochter wird unehelich geboren, sie lernt ihren Vater gar nicht erst kennen. Ob Fanny ihr - unbewusst - das Leid ersparen will, das Väter ihren Kindern verursachen können?

Wie Aschenputtel auf Geschmeide und schöne Kleider verzichtet, begnügt sich auch Fanny nach dem Tod ihrer Mutter und der Auflösung des elterlichen Haushalts mit dem Päckchen Kriegsbriefe, die der Vater in jungen Jahren geschrieben hat. Immer noch will sie ihn kennen lernen, doch nun ist er stumm geworden, ein Pflegefall, dem sie nur noch die Hand hält und den Arm zum Gehen reicht. Es ist zu spät.

Ein trauriges Ende dieser Geschichte einer gescheiterten Vater-Tochter-Beziehung, und doch ein Trost: dass der Mann, der ihr Vater ist, bald sterben wird, versetzt Fanny nicht mehr in Schrecken. Sie kann ihn loslassen. Weder beschönigt Veronique Olmi das Geschehen, noch dramatisiert sie es. Sie erhebt keine Anklage. Es ist wie es ist. Fanny hat Pech gehabt. Sie gehörte nicht zur Serie. Was bleibt ihr, als sich mit ihrem Alleinsein und ihrer geschwisterlichen Eifersucht zu arrangieren? Sie hat keine andere Wahl. Man kann niemanden, nicht einmal den eigenen Vater, zur Liebe zwingen. Nur die Zeit verändert die Menschen.

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