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StartseiteBüchermarktNur der Krieg wiederholt sich03.10.2013

Nur der Krieg wiederholt sich

David Albahari: "Mutterland". Schöffling & Co.

In "Mutterland" zeichnet David Albahari die wechselvolle Geschichte seiner Heimat Jugoslawien nach. Die anfangs noch milde Ironie, die den Roman grundiert, wird dabei immer beißender. Was am Ende bleibt, ist ein Stück Weltliteratur.

Von Jochen Schimmang

David Albaharis Roman "Mutterland" ist autobiografisch geprägt. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
David Albaharis Roman "Mutterland" ist autobiografisch geprägt. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
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Die Unmöglichkeit der Verständigung
Die Welt aus den Fugen

Ein Schriftsteller ist so etwas wie ein Filter in einem Kaffeeautomat, meinte Donald, er muss, genau wie ein Filter, den nutzlosen Kaffeesatz zurückhalten und nur die Flüssigkeit, den Saft, das Wesentliche durchlassen. Wenn ein Schriftsteller viel erklärt, fuhr er fort, dann bleibt er im Kaffeesatz stecken, dann schafft er es nicht, das Filterpapier zu überwinden. Dieses Bild gefiel ihm, und er war tagelang stolz auf sich.

Dieses Bild gefällt wahrscheinlich auch allen Literaturinstituten und Schreibschulen auf der ganzen Welt. Donald, der so stolz auf sich ist, ist selbst Schriftsteller und kommt aus der Heimat des creative writing teaching, dem nordamerikanischen Kontinent. Er lebt in Kanada und sitzt mit dem Mann, dem er solche Belehrungen erteilt, öfter mal im "modischen Restaurant auf der Flussinsel", wie es wiederholt im Roman heißt.

Ein Alter Ego des Schriftstellers

Dieser Mann ist der – namenlose – Erzähler des Romans "Mutterland", und man treibt es mit der Spekulation nicht zu weit, wenn man ihn zumindest als ein Alter Ego des Autors David Albahari betrachtet, wenn nicht als Albahari selbst. Auch darf man davon ausgehen, dass das Restaurant sich in Calgary befindet, wo der Autor seit 1994 lebt. Manchmal beugen sich beide über eine alte Landkarte, die das verblichene Land Jugoslawien zeigt, und der Erzähler versucht, Donald etwas zu erklären. Viel Sinn, das weiß er selbst, hat das allerdings nicht, denn:

Auf dem nordamerikanischen Kontinent weiß eigentlich niemand, was Geschichte ist, und am Ende des 20. Jahrhunderts, jetzt, da die Zukunft beginnt, ist auch niemand an ihr interessiert.

Ein hartes, bei Europäern jedoch nicht unübliches Urteil, für das es durchaus Gründe ins Feld zu führen gibt. Doch es geht in Albaharis Roman, erschienen bereits 1996, als die jugoslawischen Erbfolgekriege noch lange nicht abgeschlossen waren, nicht primär um die unterschiedliche Geschichtserfahrung in Nordamerika und Europa. Es geht auch nicht primär darum, wie Schreiben funktioniert, wenn sich auch Fragen der Poetik als roter Faden durch den ganzen Roman ziehen. Das liegt nahe. Der Erzähler will die Geschichte seiner Mutter erzählen, auf der Basis der Tonbänder, die diese ihm kurz vor ihrem Tod besprochen hat. Dazu meint er, professionelle Hilfe zu brauchen, denn die Formel, die er wie eine Litanei durchs ganze Buch wiederholt, heißt: "Wenn ich schreiben könnte ..."

Seitens des Autors David Albahari, der sich mit diesem und einigen anderen Romanen längst in die Weltliteratur eingeschrieben hat, ist das natürlich zunächst einmal eine nicht unerhebliche Koketterie. Zugleich drückt die Formel aber auch aus, dass sich ab einem bestimmten Grad der Komplexität Geschichten kaum noch erzählen lassen, ganz entgegen Donalds rührend-naiver Filtermetaphorik. Die Mutter des Erzählers weiß das nur zu gut. Sie hält es eigentlich überhaupt für unmöglich, von etwas Vergangenem, Verschwundenen zu erzählen. Sie startet gewissermaßen einen Generalangriff auf die Möglichkeiten des Erzählens und der Literatur und tröstet dann ihren Sohn:

"Du sollst nicht böse sein", sagte Mutter, "als ich jung war, glaubte ich auch daran, dass man die Welt beschreiben kann, aber dann haben sich Dinge ereignet, die sich jeder Beschreibung entzogen, und deshalb kann ich nicht mehr daran glauben."

Flucht aus Zagreb

Doch genau von diesen Dingen, die sich jeder Beschreibung entziehen, spricht Albaharis Roman. Er erzählt, wie die Mutter mit ihrem ersten Mann, einem Juden, 1941 aus Zagreb fliehen muss, wo man den Deutschen einen herzlichen Empfang bereitet.

"Als die Deutschen in Zagreb einzogen", sagte Mutter, "marschierten sie über Blumen und Schokolade." Den Satz kenne ich gut. Er gehörte zur Geschichte und Mythologie unserer Familie, und ich hörte ihn oft an den Abenden, wenn Vater und Mutter zusammen mit ihren Gästen darüber redeten, wie es vor dem Krieg gewesen war. Jetzt muss man ergänzend "vor dem Zweiten Weltkrieg" sagen, denn während ich hier sitze, im Häuschen, das ich von einer mageren alten Chinesin gemietet habe, herrscht dort, woher ich komme, ein neuer Krieg beziehungsweise wird der alte Krieg zu Ende geführt ..., als hätte jemand die Vergangenheit aus dem Filmarchiv hervorgeholt und die Schauspieler angewiesen, die einst begonnene Szene weiterzuspielen.

Die Flucht, die nach Belgrad führt, rettet den ersten Mann der Mutter nicht. Er wird in ein Lager deportiert und am Ende erschossen. Die Söhne kommen bei einem Eisenbahnunglück ums Leben. Die Mutter heiratet nach dem Krieg erneut, einen jüdischen Arzt, der im Krieg ebenfalls seine erste Familie verloren hat, und erzählt ihrem Sohn:

Ich war nicht glücklich, als ich deinen Vater heiratete. Wie konnte ich glücklich sein, wenn ich nicht einmal mehr hoffte? Später habe ich mich daran gewöhnt. Ich sagte zu ihm: Verlange nichts von mir, und ich werde dir so viel geben, wie ich kann. Er hat das verstanden.

Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass Albaharis Roman nicht den Gesetzen der griechischen Tragödie folgt. Das Ausmaß des Unglücks führt nicht zur Katharsis. Es ist statt dessen ganz und gar modern und korrespondiert eher mit Georg Büchners Satz: "Ich fühle mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte." Im Text tauchen Referenzen wie Beckett, Bruno Schulz und Albaharis großer Landsmann Danilo Kiš auf. In dieser Welt ist jede nachträgliche Sinngebung der Katastrophe von vornherein ausgeschlossen.

Der Erzähler kommt im März 1948 in Péc im westlichen Kosovo zur Welt, wo der Vater am Krankenhaus arbeitet und die Mutter leidet. Was sie ihrem Sohn dazu zu sagen hat, ist von geradezu unheimlicher Aktualität:

Zwei Jahre sollten vergehen, bis dein Vater eine Stelle im Krankenhaus bekam, bis sich die ersten Einschnitte auftaten, die eine Öffnung andeuteten. Ich hatte die Geschichten aus serbischen und albanischen Mündern satt und wünschte nichts sehnlicher, als vom Kosovo wegzukommen. Dort, wo jede Stimme ein zweifaches Echo hat, kann es keine Wahrheit geben.

Das wäre vermutlich sogar ein Satz, den Donald, des Erzählers kanadischer Schriftstellerfreund, unterschreiben würde. Denn Donald dringt immer auf Klarheit. Wenn der Erzähler eine Geschichte über seine Mutter schreiben wolle, dann müsse er sich auf seine Mutter konzentrieren und alles andere weglassen, so seine Argumentation. Er glaubt an die reine Story und verabscheut jede Komplikation und überhaupt das Detail. Der Erzähler nennt das Donalds "Unfähigkeit, vom Allgemeinen zum Einzelnen überzugehen" und fährt fort:

Während wir uns über Kroaten, Serben und Muslime, über Partisanen, Ustaschas und Tschetniks unterhielten, nickte Donald immerzu. Er wusste, was Osten und was Westen war, er wusste auch, welche Großmächte im Zweiten Weltkrieg gegeneinander angetreten waren, aber solche Inselchen wie das ehemalige Jugoslawien, wo die historischen Ebenen sich überlappten und sich dem Hauptstrang der Ereignisse entzogen, verwirrten ihn vollends.

Keine klaren Verhältnisse

Klare Verhältnisse kann der Erzähler aber nicht anbieten, weil er solche nie kennengelernt hat. Albahari bringt das durchaus mit der geografischen Lage jenes Landes in Zusammenhang, das sein Erzähler – und der Autor selbst – verlassen haben, als es schon nicht mehr existierte. Und er führt auch die Richtung seiner Ortsveränderung darauf zurück:

Vielleicht bin ich deswegen in den nördlichen Teil der Welt gegangen, weil man, je weiter man nach Norden geht, immer weniger das Bedürfnis nach einer Konstruktion verspürt, die Welt wird dort immer mehr nur die Welt, sauber und klar in ihrer entsetzlichen Einfachheit.

Dagegen:

Es ist das Verderben meines ehemaligen Landes, dass es dem Süden zu nahe war. Dies verleitete die Menschen dazu, an Visionen zu glauben, und ließ zugleich diese Visionen trügerisch werden. Denn kaum glaubte man, etwas gepackt zu haben, stand man mit leeren Händen da, statt zu steigen, fiel man, stürzte in ein Nichts. Ein Land, das zwischen vier Himmelsrichtungen hin- und hergerissen ist, sagte ich zu Donald, während wir uns über die Landkarte beugten, ein Land wie das meine, ein wenig im Norden, ein wenig im Süden, teils im Osten, teils im Westen, so ein Land musste untergehen. (...) Donald lächelte daraufhin und nickte; hätte ich ihn nicht gekannt, wäre ich sicher gewesen, er habe alles verstanden.

Die Mutter stirbt, als im Land erneut Krieg herrscht. Ihren Sohn hätte sie aus einem einfachen Grund lieber als Tochter gehabt:

Dann müsste ich, sagte sie, während sie ein breites kühles Messer auf meine Beulen drückte, wenigstens nicht in den Krieg. Nichts konnte sie von ihrer Überzeugung abbringen. Sie selbst würde vielleicht nicht noch einen Krieg erleben, meinte sie, aber keine Generation könne ihren Lebensweg vom Anfang bis zum Ende gehen, ohne dass Bomben auf sie fielen. Als jedoch der neue Krieg begann, war sie noch am Leben, und ohne sich den Schlachtfeldern zu nähern, wurde sie sein Opfer. (...) Als in Nordbosnien, in der Nähe ihres Geburtsortes, die Kämpfe .... begannen, legte sie sich ins Bett und stand nicht mehr auf.

Der Weg führt nach Kanada

Als sie gestorben ist, beeilt sich der Sohn, ihre Sachen wegzuräumen und die Wohnung aufzuräumen. Nach einem sehr kurzzeitigen Intermezzo als Dolmetscher für eine humanitäre Organisation entscheidet er sich, bei der kanadischen Botschaft um die Einwanderungserlaubnis nachzusuchen. Niemand vertreibt ihn aus seinem zerfallenden Land, nur die Macht der Geschichte, die Wucht der neuen Nationalismen.

Ich lebte in einer Historie, die nicht mehr existierte, und in einer Zeit, von der alle behaupteten, es habe sie nie gegeben. Einem solchen Menschen bleibt nichts anderes übrig, sagte ich, als freiwillig ins Exil zu gehen und auf diese Weise denen zuvorzukommen, die ihn mit Gewalt dorthin schicken würden.

Albahari hat sich 2009 in einem Gespräch über das Land, das er verlassen hat, dezidiert geäußert, und zwar bei einem Besuch in Zagreb, aus dem die Deutschen seine Mutter vertrieben hatten. "Für mich war Jugoslawien ein einziges Land", sagte er, "und ich habe es geliebt." In Kanada sei er dann plötzlich zum Sprachgenie geworden, das außer Englisch und Serbisch auch Kroatisch, Bosnisch und Mazedonisch beherrsche. Dieses sarkastische Bonmot spielt auf die schon in den 80er-Jahren einsetzenden Bemühungen der Nationalisten aller Couleur an, die jeweils eigene Spielart des Serbokroatischen zu einer eigenständigen Sprache zu verklären, worüber sich schon Danilo Kiš mokiert hatte.

Hier muss auch gesagt werden, dass es etwas befremdlich wirkt, wenn es im Klappentext über die beiden hervorragenden Übersetzer Mirjana und Klaus Wittmann heißt, sie übersetzten "aus dem Serbischen, Kroatischen und Bosnischen", im Falle Albaharis also aus dem Serbischen. Da werden den Ethnien eigene Sprachen zugeschlagen. In Wahrheit teilen sie alle weiterhin die polyzentrische Sprache Serbokroatisch, so wie die Südamerikaner, ausgenommen die Brasilianer, Spanisch sprechen und nicht etwa Chilenisch oder Peruanisch. Doch gerade die Sprache ist es, die am Leben erhält. Gleich auf den ersten Seiten des Romans wird das betont.

Jetzt weiß ich, woher meine Angst rührt. In zwei Jahren kann man eine Sprache vergessen, in sechzehn Jahren kann sie vom Erdboden verschwinden, und wenn sie verschwunden ist, gibt es uns auch nicht mehr.

Man kann das auch so formulieren: Wenn man erst einmal seine Sprache verloren hat, hat man im Kampf mit der Macht verloren. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel wird Albahari zum Sinnbild dessen, was in den späten achtziger und in den neunziger Jahren in dem Land geschah, das er liebte:

Irgendwo habe ich gelesen, Gott habe angeblich Angst bekommen, dass die Menschen, die alle dieselbe Sprache sprachen, viel mehr erreichen können, als er sich vorgestellt hatte, falls er sich überhaupt etwas vorgestellt hatte, und so habe er die Sprachverwirrung gestiftet (...) Gott hat aus diesem Grund den Turm zu Babel zerstört, und hier, in meinem Land, wurden Moscheen in die Luft gesprengt, Klöster niedergebrannt, Kirchen abgerissen. Wenn Gott mit seinem Werk zufrieden war, dann fällt es schwer, den anderen die gleiche Zufriedenheit zu verwehren.

Der Schriftsteller Donald schließlich warnt ihn überhaupt davor, sich zu sehr mit der Sprache einzulassen.

Das Schreiben ist eigentlich eine Flucht vor der Sprache, sagte er, und nicht, wie behauptet wird, ein Eintauchen in sie. Derjenige, der darin eintaucht, sagte er, ertrinkt, während der Schriftsteller an der Oberfläche schwimmt, er bewegt sich an der Schnittstelle der Welten, an der Grenze zwischen Sprache und Stille.

Als Erstes die Sprache vergessen

Wenn er eine Story wolle, so Donald ein anderes Mal, müsse er als Erstes die Sprache vergessen. Es versteht sich von selbst, dass sich der Erzähler auf diese krude Poetik der Oberfläche nicht einlassen kann. Dennoch ist in dem, was Donald ihm gewissermaßen als goldene Regel des creative writing und des story-telling vorgibt, auch ein Anteil Wahrheit. Wenn nämlich der Erzähler zu Hause die von seiner Mutter vor sechzehn Jahren besprochenen Bänder abhört, bewegt er sich in der Tat oft an der Grenze zwischen Sprache und Stille. Häufig gibt es lange Pausen zwischen den einzelnen Sätzen, es gibt Fragen, auf die nicht geantwortet wird, es gibt Antworten auf Fragen, die der Erzähler nicht mehr rekonstruieren kann.

Die Mutter spricht zuweilen sehr stockend, zuweilen entschieden, zuweilen lässt sie einen regelrechten Wortschwall los. Die Pausen, die Geräusche der beiden Gesprächsteilnehmer, ihr Husten oder deutliches Atmen, sind ebenso sehr ein Bestandteil ihrer Erzählung wie die gesprochenen Worte. Und selbstverständlich hat es Symbolkraft, dass sich der Erzähler zur Rekonstruktion des Lebens seiner Mutter einer Technik bedienen muss, die schon zu Zeiten der Entstehung des Romans längst im Museum verschwunden war. Gleich zu Beginn des Romans wird beschrieben, welche Umstände es macht, in seinem neuen Land erst einmal überhaupt ein Tonbandgerät aufzutreiben.

Tagelang bin ich auf der Suche nach einem solchen Gerät durch Geschäfte gelaufen, die Marke war mir nicht wichtig. Die Verkäufer waren freundlich, sie lächelten, zuckten mit den Schultern, führten mir die neuesten Typen von Kassettenrekordern vor. Einer von ihnen in einem Einkaufszentrum im Norden der Stadt gestand mir, noch nie ein Tonbandgerät gesehen zu haben. Er meinte jedoch, sein Vater, genauer sein Stiefvater, habe einmal eine solche "Vorrichtung" gehabt.

Hier am Anfang ist die beißende Ironie, die das Buch grundiert, noch milde, und man amüsiert sich, wenn man bedenkt, dass diese "neuesten Typen von Kassettenrecordern" heute längst ebenfalls im Technikmuseum stehen, gleich neben den Tonbandgeräten. Dann wird Albaharis Humor immer grimmiger, nicht etwa, weil der Autor ihn bewusst forciert, sondern weil die Verhältnisse, von denen er erzählt, so sind. Seine Mutter zeigt ihm, dass man ihnen nur trotzen kann, wenn man tut, was jeweils zu tun ist. Während alle anderen zum Beispiel auf etwas warten, wahlweise auf die Katastrophe oder die Erlösung, räumt sie die Küche auf oder bereitet das Essen vor, topft Pflanzen um oder bereitet Frischkäse zu. Die Eltern ihres ersten Mannes stimmen der Heirat nicht zu, solange sie nicht zu seinem Glauben übertritt, also wird sie Jüdin, um nach ihren eigenen Worten "die Dinge ins Reine zu bringen", zu einem Zeitpunkt, als Hitler sich schon ganz Europa einverleibt.

Nur der Krieg wiederholt sich

Dabei glaubt sie nicht an allgemeine Wahrheiten. Dass die Geschichte ein Ziel haben könne oder auch nur einem sinnvollen Muster folgen könne, käme ihr nicht in den Sinn, das einzig sich wiederholende Muster, muss sie erfahren, ist eben der Krieg. Universelle Bedeutungen gebe es nicht, jeder Mensch, sagt sie einmal in der vielleicht prägnantesten Wendung dieses Buches, sei "nackt wie eine Pistole". Diesem Geist der Mutter setzt Albahari ein Denkmal, wenn es am Ende heißt:

Ich kann mich nicht genau erinnern, was genau die Ärzte in ihrem Totenschein eingetragen hatten, aber keiner der lateinischen Ausdrücke war überzeugend genug. Ich glaube, sie erwähnen das Herz, vielleicht die Lunge und die Nieren, vielleicht auch die Krampfadern, gewöhnliche Dinge für einen gewöhnlichen Tod, als gäbe es zwei gleiche Tode, als wäre das Sterben nicht der Akt der größten Unterscheidung, als würde der Mensch im Tod nicht zu dem, was er wirklich ist, was kein anderer sein kann.

David übrigens scheint das Manuskript nicht zu gefallen. Nachdem er es gelesen hat, besucht er den Erzähler zu Hause und reicht ihm stumm die Mappe mit dem Manuskript, das voller Korrekturen, Fragezeichen und durchgestrichener Stellen ist. Vermutlich hat er die Story nicht erkennen können, und der Erzähler hat den Creative-Writing-Kurs nicht bestanden. Aber David ist ja Schriftsteller. Alle ganz gewöhnlichen Leser sollte das nicht davon abhalten, dieses Stück Weltliteratur zu lesen.


David Albahari: "Mutterland".
Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann
192 Seiten. 18,95 Euro, Schöffling & Co.

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