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StartseiteBüchermarktNur noch Zeichen31.01.2004

Nur noch Zeichen

James Howe über Augenblicke

Aus der Kinder- und Jugendpsychologie ist uns dieses Phänomen bekannt: Kinder, die in ihrem Elternhaus unter starkem Stress stehen, weil sie Erfahrungen mit Gewalt, Trennung oder Ablehnung machen müssen, bauen sich im Extremfall in ihrer Phantasie Parallelwelten auf. Wunschträume beginnen die Realität zu überlagern, bis beide Ebenen kaum noch zu unterscheiden sind. Eine Überlebenstechnik, die einsam macht. Genau davon handelt James Howes Jugendroman <em> Augenblicke </em> .

Angela Gutzeit

James Howe, "Augenblicke", Coverausschnitt (Ravensburger)
James Howe, "Augenblicke", Coverausschnitt (Ravensburger)

Ein 13jähriges Mädchen sitzt täglich auf einer Treppe am Strand, beobachtet die Badegäste und macht sich Notizen in ein Heft. Ihren Namen, Margaret, erfährt man erst nach 109 Seiten. Sie ist ja auch kaum existent. Sie nimmt mit niemandem Kontakt auf und sie reagiert nicht, wenn sie am Strand überhaupt einmal angesprochen wird. Bis der Name zum ersten Mal genannt wird, ist der Leser Zeuge eines anrührenden Verwandlungsprozesses geworden. Auf seinem Höhepunkt geht das Mädchen wie in Trance in ein fremdes Ferienhaus, entwendet den Schal einer Frau, den Drachen eines Jungen und vor allen Dingen ein Familienbild mit Vater, Mutter und zwei Kindern. Das Abbild einer Familie, die sie am Strand beobachtet hat. In dieses Foto klebt sie sich schließlich selbst ein und schreibt auf der Rückseite ihren Namen zu den anderen dazu:
"...und Margaret".

Der Schal als Metapher für Geborgenheit, der Drachen für Freiheit und das Familienbild für Zugehörigkeit. Die Symbolik mag simpel sein, aber sie ist keineswegs störend oder kitschig, sondern eher folgerichtig. Was die ganze Zeit spürbar war, an Kontur gewann und schließlich sich verzweifelt Ausdruck verschafft, ist der seelische Notstand eines verstummten Kindes, das nur noch Zeichen setzen kann. Die Gründe dafür entfalten sich behutsam auf zwei Ebenen: Da ist eine Innenperspektive, die im Kopf des Mädchens ein Märchen entstehen lässt von einer Prinzessin, die als wahre Tochter einer Königsfamilie erkannt wird, nachdem sie, totgeglaubt, lange Zeit in der Gewalt des 'Biests' und der hilflosen 'Puppe' ausharren musste. Vermutlich entsprechen diese kursiv abgesetzten Textstellen den Aufzeichnungen, die Margaret in ihr kleines Heftchen am Strand machte. Und da ist die Außenperspektive, die ein Erzähler übernimmt, der die Schicksale dieses Mädchens mit der realen Familie am Strand, in die sich Margaret hinein imaginiert, und eines Jungen namens Chris, den sie sich als Schutzengel phantasiert, zusammenbindet.

Diese Konstruktion funktioniert hervorragend - bis allerdings James Howe am Ende seines Romans den Bogen überspannt. Aber zunächst einmal trägt Howes dicht gewebtes Netz aus emotionalen Bezügen und erstaunlichen Parallelen zwischen den Figuren, die der Erzähler aus dem Strandgeschehen auf dieser Insel mit Blick auf New York hervorhebt.

Margarets Phantasie in Bezug auf die scheinbar perfekte Familie und den Rettungsschwimmer Chris erweist sich nämlich als doppeltes Trugbild. Die bewunderten Menschen sind ihrem Schicksal näher, als sie ahnt. Die Ehe der Eltern der beiden von Margaret glühend beneideten Kinder Evan und Calli steht auf der Kippe und Chris hat einen Vater, der den Tod seines erstgeborenen Sohnes verschuldete und der für die Liebe zu seinem zweiten Sohn keine Kraft mehr hat.

Bei James Howe sind es vor allen Dingen die Väter, die das Seelenleben ihrer Kinder aus dem Gleichgewicht bringen. Sie sind entweder abwesend, entziehen sich, sind nicht liebesfähig oder sogar brutal. Letzteres wird dem Leser nicht erspart: Das 'Biest', Margarets Vater, drückt den Kopf seiner Tochter immer wieder minutenlang im Spülbecken unter Wasser, weil er sie bestrafen will, während die Mutter, die 'Puppe', nebenan sich in laute Musik flüchtet, da sie dem Drama nicht gewachsen ist. Eine Szene, die sehr schwer erträglich ist, aber im Rückblick auf den Roman nicht nur die psychischen Schäden des Mädchens erklärt, sondern über den Roman hinausweisend viel darüber sagt, was Kindern angetan wird von Menschen, die sie eigentlich schützen sollen.

Das Märchen als Ersatzrealität, als Wunschtraum - James Howe hat sich davon leider am Schluss selbst davontragen lassen. Und das ist nun der Einwand gegen ein ansonsten sehr empfehlenswertes Buch. Magaret hat sich in ihren aus der Verzweiflung geborenen Glücksphantasien Evan, den etwa gleichaltrigen Sohn der Urlaubsfamilie, als Bruder gewünscht, der auf sie aufpasst, und Chris als einen Schutzengel, der sie befreit. Dass nun beide am Schluss tatsächlich in der Küche von Margarets Ferienhaus auftauchen und den Vater bei seinem brutalen Tun noch im rechten Moment überraschen und sogar eine Art Selbstbefreiung Margarets aus ihrem inneren Gefängnis der Stummheit bewirken, - und nicht nur das, sondern dass Chris, dessen Bruder durch Ertrinken umkam, nun wiederum ein Mädchen vor dem Ertrinken rettet - das ist alles viel zu schön, um wahr zu sein.

Zuviel Erlösungsmetaphorik hat James Howe hier konstruiert und damit die intendierte befreiende Perspektive aus dem Wunschtraum zumindest verstellt, wenn nicht sogar in ihr Gegenteil verkehrt. Denn wenn am Schluss die Jungen als Befreier in der Küche erscheinen, dann die Mutter Margarets aus ihrer Lethargie erwacht und schließlich auch noch ein Polizist zur Stelle ist, - fragt man sich dann nicht zu recht, ob Margaret dies in ihrer Todesnot nicht wieder nur imaginiert?

James Howe
Augenblicke
Ravensburger, 144 S., EUR 10,95

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