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StartseiteInterviewNur "unbewaffnete Passagiere" auf den "Schiffen für Gaza"31.05.2010

Nur "unbewaffnete Passagiere" auf den "Schiffen für Gaza"

Pax Christi verurteilt israelische Militäraktion

Wiltrud Roesch-Metzler von Pax Christi hatte zwar damit gerechnet, dass Israel die Hilfsgüterschiffe werde stoppen lassen. Dass es dabei zu einem "Blutbad" kommen würde - das sei nicht zu erwarten gewesen.

Wiltrud Roesch-Metzler im Gespräch mit Friedbert Meurer

Im Hafen von Gaza nach dem Angriff auf die Solidaritätsflotte (AP)
Im Hafen von Gaza nach dem Angriff auf die Solidaritätsflotte (AP)
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Israelischer Militäreinsatz fordert mindestens neun Tote

Friedbert Meurer: Seit Jahr und Tag hat Israel den Gazastreifen abgeriegelt. Das zu ändern und zu beenden, ist übrigens auch eine Forderung der Europäischen Union. Um den Boykott zu durchbrechen, haben Palästinenser im Süden des Gazastreifens Hunderte von Tunneln gegraben, durch die dann Lebensmittel, Geräte, selbst Autos und auch Waffen in den Gazastreifen gelangen. Der Flughafen ist vor einigen Jahren von Israel zerstört worden, also bleiben noch die Seewege. Auch die werden streng bewacht, und genau hier, über das Mittelmeer, wollte am Wochenende ein Konvoi von Schiffen Hilfsgüter nach Gaza liefern. Dass Israel das würde verhindern wollen, oder dies versuchen würde, stand zu erwarten. Mit einem Blutbad aber hat niemand gerechnet. Der Konvoi von Schiffen wurde angeführt von einem Passagierschiff, der Marmara, ein türkisches Schiff, und die meisten Opfer, heißt es, sollen auch aus der Türkei stammen. An Bord waren aber auch unter anderem fünf Deutsche, drei Politiker der Linken, und übrigens auch der schwedische Erfolgsautor Henning Mankell. Zu ihnen gibt es bislang noch keine Verbindung. In der Türkei herrscht große Sorge und Empörung. Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat eine Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrats gefordert. Dieser blutige Vorfall belastet das Verhältnis zwischen den beiden Staaten noch weiter als ohnehin schon. International gibt es viel Kritik an Israel, viele Fragen, auch von der Bundesregierung, die Aufklärung verlangt über diesen Vorfall im Mittelmeer heute. – Wiltrud Roesch-Metzler ist die Vizepräsidentin der deutschen Sektion von Pax Christi, die die Aktion "Schiffe für Gaza" unterstützt hat, und Pax Christi ist eine internationale katholische Friedensbewegung. Guten Tag, Frau Roesch-Metzler.

Wiltrud Roesch-Metzler: Guten Tag, Herr Meurer.

Meurer: Haben Sie irgendeinen Kontakt schon aufnehmen können mit Helfern, die sich an Bord der Schiffe befinden?

Roesch-Metzler: Leider nicht. Wir haben ja fünf Deutsche in der Delegation auf den Schiffen und wir haben seit gestern keinen Kontakt zu ihnen. Also wir wissen nicht, wo sie sich befinden und wie es ihnen geht.

Meurer: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie gehört haben, es gab Tote, und jetzt ist sogar von bis zu 20 Toten die Rede?

Roesch-Metzler: Ich bin immer noch total bestürzt. Wir haben natürlich nicht damit gerechnet, dass solche schweren Maßnahmen von der israelischen Armee ergriffen werden gegen gewaltfreie Passagiere, die in internationalen Gewässern sind und versuchen, Gaza zu erreichen.

Meurer: Mit welchen Maßnahmen hatten Sie denn gerechnet seitens der Israelis?

Roesch-Metzler: Die israelische Regierung hatte ja angekündigt, dass sie die Schiffe nicht durchlassen will, dass sie sie entern wird, dass sie sie abschleppen wird, dass sie die Passagiere festnehmen wird, und sie hat ja auch schon Aufnahmelager für sie vorbereitet. Mit diesem allen war ja zu rechnen. Aber dass es Tote gibt? Ich bin richtig erschüttert.

Meurer: Jetzt behauptet ja die israelische Seite, die israelischen Elitesoldaten seien, als sie vom Hubschrauber auf das Schiff herabgelassen wurden, angegriffen worden, es hätte Schüsse gegeben, man sei mit Messern und Äxten auf sie losgegangen. Was sagen Sie dazu?

Roesch-Metzler: Natürlich war von uns niemand dabei. Ich kenne nur diese zwei Minuten, die Al-Dschasira darüber gesendet hat. Es war ja ein Korrespondent von Al-Dschasira mit dabei, der das filmen konnte, wie die sich heruntergelassen haben von den Helikoptern, die israelischen Elitesoldaten, schwer bewaffnet, maskiert sieht man sie, und dann sieht man eben Verwundete, man sieht Schüsse. Ich habe nie auf dem Schiff irgendjemand Bewaffneten gesehen. Es gab ja einen Livestream zu diesem türkischen Schiff. Von daher, denke ich natürlich, wird die israelische Seite nach allen möglichen Gründen suchen, wie sie diese Aktion der internationalen Zivilgesellschaft in Misskredit bringen kann.

Meurer: Also Sie denken, das ist eher ein Vorwand, eine Schutzbehauptung?

Roesch-Metzler: Ich kann es nicht überprüfen. Ich kann nur sagen, es gibt verschiedene Versionen. Es handelt sich bei uns um eine gewaltfreie Aktion. Es sind unbewaffnete Passagiere. Es sind Menschen, die mit dem Einsatz ihres Körpers versuchen, die Blockade von Gaza zu durchbrechen. Ich kann nicht sagen, das eine stimmt, oder das andere stimmt. Es gibt eben auch Beispiele aus der Geschichte, wo Dinge provoziert wurden. Auch das kann passieren.

Meurer: Gibt es irgendwelche Hinweise, hatten Sie irgendetwas mitbekommen, dass sich militante Aktivisten an Bord aufhalten sollen? Hatten Sie irgendetwas in dieser Richtung von Ihren Kollegen gehört?

Roesch-Metzler: Nein, davon haben wir nichts gehört. Was natürlich schon an Schwierigkeiten auftrat, das war ja: Wir haben ja eigentlich die Schiffe oder die Passagiere schon morgen zurück erwartet und es gab ja schon Schwierigkeiten mit zwei Booten, dass die technische Schwierigkeiten hatten. Auch das war schon sehr mysteriös, weil die Boote ja eigentlich bereit waren und überprüft und alles okay. Mit solchen Schwierigkeiten hatten wir letzte Woche auch schon zu kämpfen.

Meurer: Es hat ja schon in der Vergangenheit ähnliche Aktionen oder Versuche gegeben, die Seeblockade zu durchbrechen. Wie sind die denn abgelaufen?

Roesch-Metzler: Ja. Der letzte Versuch – das war ja im Juli letztes Jahr –, das war ein kleineres Schiff, das dann abgeschleppt wurde von der israelischen Armee und in den Hafen von Ashdod gebracht wurde. Die Passagiere wurden dann nach und nach in ihre Heimatländer zurück verfrachtet und das Schiff selber ist immer noch dort. Das hat Israel jetzt noch nicht herausgerückt. Das erste war erfolgreich. Einmal kam tatsächlich ein Schiff an. Und wenn Sie die Leute in Gaza fragen, die Einwohner von Gaza, die haben sich damals riesig gefreut, als dieses Schiff ankam, weil für sie ist das natürlich ein Hoffnungszeichen, dass sie nicht vergessen sind von der internationalen Gemeinschaft, dass es da Leute gibt, denen es nicht egal ist, wie es ihnen geht, und dass die es selbst in Kauf nehmen, dort hinzufahren mit dem Schiff.

Meurer: Ich spreche mich Frau Roesch-Metzler, der Vizepräsidentin von Pax Christi, die die Schiffe für Gaza unterstützt hat. – Was haben Sie sich von der Aktion versprochen?

Roesch-Metzler: Von der Aktion vor allem auch politische Aufmerksamkeit. Es gibt ja sehr viele Erklärungen international – das ist ganz klasse – für ein Ende der Blockade des Gazastreifens. Die UN, die EU hat im Dezember, der Europäische Rat hat eine Erklärung verfasst, wo eben auch die Aufhebung der Blockade des Gazastreifens gefordert wird, oder Papst Benedikt hat ja auch die Aufhebung der Blockade gefordert. Es gibt zig Appelle der internationalen Gemeinschaft, aber es tut sich nichts. Und diesem mehr Druck zu geben, das war unser Ziel mit dieser Aktion.

Meurer: Denken Sie, dass sich jetzt etwas tut?

Roesch-Metzler: Ich muss noch hinzufügen: Das zweite Ziel war natürlich auch, diese Hilfsgüter mitzuführen und damit auch ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Ob sich jetzt etwas tut? – Ich weiß es nicht. Ich hoffe es natürlich sehr, dass der Druck wächst, diese Blockade zu beenden, dass die Einwohner von Gaza versorgt werden, beziehungsweise dass sie einfach ein selbst bestimmtes Leben dort führen können.

Meurer: Was waren das eigentlich für Hilfsgüter, die sie liefern wollten?

Roesch-Metzler: Die jetzt auf dem Schiff sind? – Das sind zum Beispiel Fertigbauteile für Häuser und es ist Zement, es sind Rollstühle, elektrische Rollstühle auch, eben für die Menschen, die jetzt dort neu verletzt waren seit dem letzten Krieg gegen Gaza, und medizinische Hilfsgüter. Aus Deutschland ist auch ein Container medizinische Hilfsgüter im Wert von 25.000 Euro dabei gewesen.

Meurer: Ich bedanke mich! – Wiltrud Roesch-Metzler war das. Sie ist die Vizepräsidentin von Pax Christi, die die Aktion "Schiffe für Gaza" unterstützt hat, bei der bis zu 20 Aktivisten und Helfer erschossen und getötet worden sein sollen. Danke, Frau Roesch-Metzler. Auf Wiederhören!

Roesch-Metzler: Auf Wiederhören.

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