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StartseiteBüchermarktNur zu Gast31.08.2004

Nur zu Gast

Jakob Hein: "Vielleicht ist es sogar schön"

<em> Ich habe mich tatsächlich auch schon gefragt, ob in dem vorliegenden Buch die Rolle meines Vaters ausführlicher beschrieben wäre, wenn er nicht sehr bekannt wäre. Aber das sind genauso sinnlose Geschichtsfragen, wie ... wenn das Attentat auf Hitler geklappt hätte, ob

Von Jörg Magenau

Jakob Hein:  "Vielleicht ist es sogar schön", Coverausschnitt (Piper Verlag)
Jakob Hein: "Vielleicht ist es sogar schön", Coverausschnitt (Piper Verlag)
<p>dann die Welt besser geworden wäre. Insofern kann ich das nicht sagen. Gerade in einem solchen Buch ist alles, was einen Anhalt für Diskretion liefert, gar nicht so schlecht. Ich war nicht daran interessiert, meine Trauer darzustellen, sondern eher, das zu vermitteln. Und vermitteln beruht ja darauf, dass beim Leser ein eigenes Bild entsteht. Insofern ist die Diskretion sehr richtig am Platz. </em><br /><br />Als Jakob Hein vier Jahre alt war und durch die Wohnung in Berlin-Weißensee streifte, sah er überall Menschen am Schreibtisch sitzen: Seinen Vater, den Schriftsteller Christoph Hein, seine Mutter Christiane, die im Dokumentarfilmstudio der DDR arbeitete, den Bruder, der schon in die Schule ging. Also setzte auch er sich an einen Tisch, zog Schlangenlinien über die Seiten eines Heftes, setzte mutig Punkte drüber und drunter und erzählte während dieses Vorgangs Geschichten von Prinzessinnen und Indianern vor sich hin. Anschließend "las" er sie der Mutter vor: wortwörtlich so, wie er sie zuvor erfunden hatte. In dieser Familie gab es für ihn wohl keine<br />andere Möglichkeit, als selbst zum Schriftsteller zu werden - und zugleich etwas ganz anderes zu tun. Also lautet die Lösung: Er schreibt nebenbei. Im Hautberuf arbeitet der studierte Mediziner als Kinderpsychiater in der Berliner Charité.<br /><br />Die Anekdote vom frühen Schreiben ohne Alphabet findet sich im neuen, dem dritten Buch von Jakob Hein, das unter dem Titel <em>Vielleicht ist es sogar schön</em> von der Mutter erzählt, von ihrer Krebserkrankung und ihrem Tod. Die medizinischen Kenntnisse dienen dabei immer wieder der scheinbaren Versachlichung der Emotionen. Stehen Statistiken zunächst im Dienst der Hoffnung, diagnostiziert Hein anhand der Röntgenbilder schließlich die Vergeblichkeit aller Wahrscheinlichkeitsrechnung. Während die Medizin abdankt, arbeitet er mit seinen Erinnerungen dem Tod entgegen. Solange Geschichten des Lebens erzählt werden, gibt es keine Abwesenheit und keine Vergänglichkeit. So entstand ein trostreiches, dem Sterben trotzendes Buch<br />voller Zärtlichkeit und Zuneigung, ein Buch zudem, das sich dem Autor aufgedrängt hat. Er musste es schreiben:<br /><br /><em> Es begann in dem Moment, da ich wusste, dass meine Mutter sterben würde. Wobei ich wahrscheinlich der Dritte war, der das wusste, weil ich draußen vor der Radiologie auf den Befund gewartet habe und dann eine der zwei Radiologinnen raus kamen, und dann wusste ich das gleich, ich wusste das früher als meine Mutter, und dann war das ein Thema, an dem ich<br />nicht vorbeikam. Ich konnte dann schlecht über die Olivenbauern in Sardinien elaborieren. Und ich konnte auch nicht darüber schreiben, dass ich mich darüber geärgert habe, dass ich mit dem Fuß umgeknickt bin. Das hat mich in dem Moment auch weniger gestört.</em><br /><br />Im Zentrum steht die jüdische Herkunft der Mutter. Ihr jüdischer Vater, also der Großvater Jakob Heins, ist 1943, beim Versuch, aus Deutschland zu fliehen, spurlos verschwunden. Vermutlich wurde er festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Weil sie ihn nicht kannte, wenig über ihn wusste und nur ein Foto von ihm besaß, versuchte sie, ihm über die jüdische Tradition näher zu kommen. Mit mäßigem Erfolg: Bei ihren Besuchen in der jüdischen Gemeinde Ost-Berlins in den achtziger Jahren, zu denen der etwa zehnjährige Sohn sie begleitete, wirkte sie, als sei sie dort nur zu Gast. Auch Jakobs eigene Versuche, sich seiner jüdischen Herkunft zu versichern und Ende der neunziger Jahre in der jüdischen Gemeinde Anschluss zu finden, scheitern. Sein Buch handelt auch von der Unmöglichkeit, in Deutschland Jude zu sein. <br /><br /><em> Ein israelischer Historiker hat mal gesagt, dass die Deutschen auf Dauer das symbolische Tätervolk bleiben werden, dass die Juden auf Dauer das symbolische Opfervolk bleiben werden, dass das für Jahrhunderte unveränderbar sein wird. Es gibt eine Riesenschwierigkeit in Deutschland, jüdisches Leben zu etablieren, jüdische Gemeinden zu machen, die immer damit zusammenhängt dass nicht sehr offen darüber diskutiert werden kann. Bei kleinster Kritik auch am Staate Israel gibt es sofort Kreise, die Antisemitismus wittern. Gleichzeitig ist ja eine Frage, die ich stelle, nach dem Umgang der jüdischen Gemeinde mit der Judenvernichtung zwischen 35 und 45, weil nach meinen Erfahrungen der Umgang damit noch nicht souverän ist.</em><br /><br />Die Schwierigkeiten zeigen sich besonders bitter nach dem Tod der Mutter. Sie, Tochter eines in Auschwitz ermordeten Juden, ist der jüdischen Gemeinde plötzlich nicht jüdisch genug. Weil ihre Mutter keine Jüdin war - die Nazis verwehrten ihr den Übertritt zum Judentum - darf sie nicht auf<br />dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee bestattet werden. Es ist der Friedhof, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sie wohnte und wo sie oft spazieren ging. Doch jetzt gilt gewissermaßen ihre "arische" Abstammung und damit immer noch er Wille der Nazis. Und da sie mit einem Nicht-Juden, dem protestantischen Pfarrerssohn Christoph Hein verheiratet war, wäre für sie allenfalls das Gräberfeld der "Mischehen" in Frage gekommen. Für den Sohn haben sich nach dieser für ihn skandalösen Erfahrung alle Versuche erledigt, selbst in der jüdischen Gemeinde heimisch zu werden.<br /><br />Bekannt wurde der 1971 geborene Jakob Hein zunächst in der Berliner Lesebühnen-Szene, wo Woche für Woche junge Autoren in Bars und Kellerkneipen auftreten und kleine, heitere Geschichten zum Vergnügen des Publikums zum Vortrag bringen. Sein 2001 erschienenes literarisches Debüt <em>Mein erstes T-Shirt</em> und der Amerika-Reisebericht mit dem Titel <em>Formen<br />menschlichen Zusammenlebens</em> aus dem Jahr 2003 waren ganz in diesem Lesebühnen-Ton gehalten, der individuelle Erfahrung, künstlerische Schlichtheit und eine hartnäckige Naivität zum Markenzeichen erhebt. Er bot lustige Kindheits- und Jugendgeschichten aus der DDR und bediente damit das Bedürfnis, mehr vom alltäglichen Leben im untergegangenen Sozialismus zu erfahren als immer nur Stasi-Enthüllungen und Schuldverstrickungen. <br /><br />Mit <em>Vielleicht ist es sogar schön</em> setzt Hein diesen Ton fort - ohne dabei jedoch die repressiven Seiten der DDR-Gesellschaft zu vergessen. So schildert er beispielsweise, wie im Dokumentarfilmstudio Filmabnahmen durch die Partei funktionierten und welche Rolle er als schweigsamer kleiner Junge dabei spielte. Erneut hat er ein literarisches Sachbuch in eigener Sache geschrieben. Alles daran ist "wahr", nichts ist erfunden. Es gibt keine Differenz zwischen dem Ich-Erzähler und dem Autor. Oder doch?<br /><br /><em>Ich habe bisher immer verzichtet auf die Distanzierung vom Ich, das ist ja auch eine Frage der Gewohnheit. Ein Buch ist immer etwas persönliches des Autors. Es gibt immer die Stimme des Autors. Und ich bin es gewohnt durch die Vorlesebühnen, diese Distanzierung nicht zu wählen,<br />weil es ein Stilmittel der Vorlesebühnen ist, darauf zu verzichten. Andererseits erzähle ich die Geschichte so, wie ich sie für am Besten erzählt halte. Zum Beispiel kommen in dem Buch "Vielleicht ist es sogar schön" kaum Namen außer dem meiner Mutter vor. Das Ich hat auch keinen Namen. Da steht nirgendwo Jakob und auch nicht Jakob Hein. Da steht nur "Ich". Der Name meiner Mutter ist schon der Name, aber die Reduktion zum Beispiel des Lebens meiner Mutter als Kind und als Mutter ist ja auch schon ein Stilmittel. Sie war Ehefrau, Mutter zweier Kinder, sie hatte auch einen großen Freundeskreis und sehr bewegte Beziehungen damit. Ich bin verheiratet, meine Mutter und meine Frau hatten eine sehr enge Beziehung. Auf all das zu verzichten, ist ja ein deutliches Zeichen für eine Auswahl und für etwas, das man betont. Ein Tagebuch sollte es nie werden. </em><br /><br />Hein demonstriert mit diesem Buch, dass die Leichtigkeit seines Erzählens, das so beiläufig wirkt, eine Kunst ist. Die Einfachheit des Stils bewährt sich an einem ernsten Thema. Seinen subtilen Humor verliert er trotzdem nicht. Was in den beiden früheren Büchern als saloppe Nonchalance und charmante Schlichtheit erschien, ist zu einer Haltung gereift, die gegen den Tod bestehen kann. Das erinnernde Erzählen, zuvor ein Modul zur Produktion heiterer Anekdoten, wird zum Mittel der Bewältigung: Nicht der Vergangenheit, die sich sowieso nicht "bewältigen" läßt, sondern der Trauer um einen geliebten Menschen. Und das ist etwas Außergewöhnliches. <br /><br />Jakob Hein <br /><strong>Vielleicht ist es sogar schön</strong><br />Piper Verlag, 166 S., EUR 16,90</p>

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