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StartseiteInformationen am MorgenIgnoriert, ausgeschlossen, beschimpft14.03.2017

Obdachlose in DeutschlandIgnoriert, ausgeschlossen, beschimpft

Nicht die Kälte oder der Hunger zählen für viele Obdachlose zu den härtesten Erfahrungen auf der Straße, sondern das Gefühl, nicht dazuzugehören. Passanten gehen achtlos an ihnen vorbei, oft werden sie beschimpft oder verprügelt. Der Weg zurück in ein geregeltes Leben gelingt den wenigsten.

Von Sophia Boddenberg

Ein Obdachloser schläft in einer Fußgängerzone in Dortmund, eingepackt in Decken und zwischen Plastiktüten auf dem Boden, während ein Mann vorbei läuft. (dpa / picture alliance / Jan-Philipp Strobel)
Obdachlose bekommen oft nicht die Chance, wieder eine Wohnung anzumieten. (dpa / picture alliance / Jan-Philipp Strobel)
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Anja Reichelt unterhält sich mit Obdachlosen: "Ich war ja im Krankenhaus gewesen vorher. Weil ich ja…mein Fuß. Aber jetzt geht es wieder." - "Ist besser?" - "Ich kann wieder laufen. Nicht auf Krücken."

Es ist Mittwochabend, Anja Reichelt trifft sich am Breslauer Platz am Kölner Hauptbahnhof mit Obdachlosen, um zu hören, wie es ihnen geht. Sie ist 27 Jahre alt und hat ihre langen blonden Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Sie studiert und arbeitet, aber ihre gesamte Freizeit verbringt sie mit der Obdachlosenhilfe.

"Unsere Arbeit hat vornehmlich den Hintergrund auch einfach der sozialen Integration. Dass man mit den Leuten ins Gespräch kommt, einfach sich unterhält, wie war dein Tag, wie war deine Woche, wie geht‘s dir, was bewegt dich. Und ist so ‘ne Suppe oder ein Kaffee, den wir reichen, auch einfach oft nur eine Brücke, die wir zu den Menschen bauen"

Kältebus bietet warmes Essen, Kleidung, Hygieneartikel

Der Kölner Kältebus hat sich zu einem Szene-Treffpunkt für Wohnungslose und Bedürftige entwickelt. Neben Suppe und Kaffee gibt es auch Kleidung, Hygieneartikel, Schlafsäcke und Isomatten. Nachts laufen die ehrenamtlichen Helfer die Schlafplätze der Obdachlosen ab, um sie bei Bedarf zu einer Notschlafstelle zu bringen. Anja Reichelt kennt fast alle Obdachlosen am Kölner Kältebus persönlich. Sie lacht viel und umarmt sie zur Begrüßung. Auch Rolf Eberhard, ein kleiner Mann um die 50 mit kurz geschnittenem Haar, er redet gern. Er lebte auf der Straße, seit er zehn Jahre alt war.

"Meine Mutter hat früher eine kleine Wohnung gehabt. Und dann ist meine Mutter geschieden worden. So, dann musste sie ausziehen und so weiter. Ja wo sollte ich hin? Ich weiß, wie es ist auf der Straße, es ist unheimlich schwer, vom Fußboden wieder nach oben zu kommen."

Die meisten Besucher des Kältebusses sind Männer. Obdachlose Frauen fallen in der Öffentlichkeit oft gar nicht auf, da sie sich ganz normal anziehen, pflegen und schminken. Das passiert aus Scham - oder aus Selbstschutz, da sie sonst leicht Opfer sexueller Gewalt werden, erklärt Anja Reichelt.

"Aus dieser Not heraus haben wir auch unter den Frauen eine sehr hohe Dunkelziffer an Frauen, die der sogenannte Wohnungsprostitution nachgehen, die eben sich für einen Schlafplatz, für einen warmen Schlafplatz und die Möglichkeit, zur Toilette zu gehen und sich zu waschen, sich dann wirklich prostituieren und sich in ein Abhängigkeitsverhältnis manövrieren, aus dem sie oft nur sehr sehr schwer rauskommen. Es ist halt das kleinere Übel, so ein Abhängigkeitsverhältnis und so einen schmutzigen Deal einzugehen, als schutzlos im Kalten auf der Straße zu liegen und nicht zu wissen, wer einen im Schlaf vergewaltigt."

Keine amtliche Statistik über Obachlose

Mehr als ein Viertel aller Obdachlosen sind Frauen. Insgesamt gibt es circa 335.000 wohnungslose Frauen und Männer - gut ein Drittel mehr als 2010. Diese Zahlen sind Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, es gibt keine amtliche Statistik. Die Helfer erwarten, dass bis nächstes Jahr eine halbe Millionen Menschen in Deutschland ohne Wohnung sein könnten.

Zeit fürs Frühstück im Tagestreff des Diakoniehauses am Kölner Salierring. Hier können Wohnungslose und Bedürftige jeden Tag von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr essen, duschen, Wäsche waschen und die Kleiderkammer nutzen. Es gibt Brötchen, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee liegt in der Luft. Lachen, lautes Reden, man kennt sich. Die Treppe hoch im zweiten Stock ist die Krankenstation, hier werden wohnungslose Menschen behandelt und können übernachten.

Auch der 49-jährige Christian wohnt hier zurzeit, er leidet unter einer schweren Lungenkrankheit. Er ist blass, er hat sich länger nicht rasiert. Sein grüner Fleecepullover hat schon einige Waschgänge hinter sich. Er würde gerne wieder in eine Wohnung ziehen, aber er findet keine, die er bezahlen kann.

"Die Wohnung verloren habe ich aufgrund einer Entmietung, die da stattgefunden hat. Und zwar sind überhöhte Nebenkosten über einen Zeitraum von fünf Jahren aufgetreten, die nicht bezahlt wurden, und dann wurde ich zwangsgeräumt. Ich hab‘ das selber persönlich erlebt, wenn man sich auf kleine Wohnungen bewirbt, ist das teilweise von Wohnungsbaugesellschaften, die gehen mittlerweile über das Wohnungsamt, da kommt man auf eine riesen Warteliste und da überhaupt eine Chance zu haben, in diese Wohnung zu kommen, das ist fast unmöglich."

Konkurrenzkampf auf dem Wohnungsmarkt

Gegenüber der Krankenstation sitzt Rolf Tolzmann in seinem Büro, er ist Leiter des Diakoniehauses Salierring. Er hat eine Erklärung für die Wohnungsnot.

"Da gibt es einen Konkurrenzkampf, dass Studenten, auch Flüchtlinge sich bemühen und dann auch Menschen, die einfach nicht viel Geld haben natürlich, solche Wohnungen suchen. Und Menschen, die wohnungslos sind, vielleicht ein paar Jahre auf der Straße gewohnt haben, die sind da sicherlich in der Hierarchie an letzter Stelle. Also das ist ja leider auch so, dass die staatliche Wohnungsbaupolitik sich ja verändert hat, indem weniger Sozialwohnungen zur Verfügung stehen und das müsste richtig verstärkt werden. Weil auf dem freien Wohnungsmarkt ist das kaum möglich für unsere Leute, das ist ein Kampf für jeden Einzelnen."

Das Leben auf der Straße ist hart, aber am schlimmsten ist für viele Obdachlose das Gefühl, nicht dazuzugehören - sich ausgeschlossen zu fühlen. Das macht auch Christian sehr zu schaffen.

"Also man wird eigentlich übersehen. Die wollen einen eigentlich gar nicht sehen. Also auch Gespräche finden nicht statt. Man isoliert sich mehr oder weniger."

Wachsende Gewalt gegen Obdachlose

Schlimmer als die Gleichgültigkeit ist die wachsende Gewalt. Viele Obdachlose werden belästigt, verprügelt, oder sogar angezündet. Die Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sprechen eine deutliche Sprache: Über 500 obdachlose Frauen und Männer sind seit 1989 ums Leben gekommen oder durch Gewalt auf der Straße gestorben.

"Das sind natürlich Taten, die sehr selten aufgedeckt werden. Übergriffe auf Obdachlose werden halt auch strafrechtlich selten verfolgt. Viele nehmen es dann auch irgendwie so hin"

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