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StartseiteMusikjournalMitreißender "Fliegender Holländer" im Passionsspielhaus03.07.2017

OberammergauMitreißender "Fliegender Holländer" im Passionsspielhaus

In Oberammergau wird alle zehn Jahre die Passionsgeschichte aufgeführt. Inzwischen werden auch abseits der Passionsspiele meist biblische Stücke unter dem Intendant des Münchener Volkstheaters, Christian Stückl, aufgeführt. In diesem Jahr zum ersten Mal der "Fliegende Holländer" von Richard Wagner. Für unseren Kritiker eine spaktakuläre Inszenierung.

Von Dieter David Scholz

Das undatierte Probenfoto zeigt eine Szene aus dem Stück "Der fliegende Holländer", das am 30.06.2017 im Passionstheater in Oberammergau (Bayern) aufgeführt wird. (picture alliance/dpa - Arno Delair/Passionstheater Oberammergau /dpa)
Wer den großen Apparat unter und auf der Bühne energisch zusammenhält, ist der 29-jährige lettische Dirigent Ainars Rubikis. (picture alliance/dpa - Arno Delair/Passionstheater Oberammergau /dpa)

Musik: Richard - Wagner Fliegender Holländer  

Es ist ein gewaltiger Chor, der auf der blau ausgeschlagenen und überdachten Cinemascope-Breitwandbühnde des Oberammergauer Passionsspielhauses agiert. An die 180 Sängerinnen und Sänger sind es, überwiegend Laien aus dem Ort und der Region. Unter der Leitung von Markus Zink singen sie erstaunlich präzise und - ehrenamtlich. Auch die Neue Philharmonie München, ein Projektorchester mit jungen Musikern, zumeist Hochschulabsolventen aus dem Raum München, spielen, als säße Ihnen der Teufel im Leib. Was dem Stück gut tut, in dem es ja um einen Seefahrer geht, der den Naturgewalten nassforsch trotzt und deshalb von Satan verflucht wird, auf ewig die Weltmeere zu umsegeln. Nur durch die Treue einer aufopferungsvollen Frau kann er erlöst werden.

Ainars Rubikis ist Glückfall für Oberammergau

Wer den großen Apparat unter und auf der Bühne energisch zusammenhält, ist der 29-jährige lettische Dirigent Ainars Rubikis, bis 2014 war er Musikdirektor des Opernhauses im russischen Nowosibirsk, seitdem steigt er bei seinen Gastdirigaten in die Oberliga der europäischen Dirigenten auf. Ab 2018 wird er der neue GMD der Komischen Oper Berlin. Er ist ein Glücksfall für Oberammergau:

"Ich begann schon als kleiner Junge als Chordirigent in Lettland, wir haben ja eine große Chor-Tradition. Ich habe 20 Jahre mit Laienchören gearbeitet. Da habe ich viele Erfahrungen gesammelt, diesen Chören in einer anderen Sprache als der ihnen nicht so verständlichen professionellen, Dinge abzufordern. Man muss da manchmal einen emotionalen Weg einschlagen."

"Herrmannszeiten, lass uns doch Mal Wagner machen"

Ainars Rubikis ist der Mann, auf den Christian Christian Stückl, der Künstlerische Leiter der Passionsspiel GmbH, gewartet hat, denn:

"Unsere Idee war: Es muss ganz viel um die Nachwuchsförderung gehen. Und wir haben mit Schauspielern losgelegt, Chorförderung, Orchesterförderung, 2004 war hier ein junges Orchester da, die Neue Münchner Philharmonie, und die haben hier ein Konzert gegeben, und ich habe mir gedacht, Herrmannszeiten, lass uns doch Mal Wagner, eine Oper machen. Und dann haben wir uns überlegt, wir machen es mit einem eigenen Chor, mir machen es mit dem jungen Orchester, dem Studentenorchester und holen uns gute Sänger dazu. Und dann plötzlich lag "Der Fliegende Holländer": viele Chöre, vom Studentenorchester machbar, vom Sängeraufwand machbar, einigermaßen bekannter Titel."

Ainars Rubikis hat zwar die Oper den "Fliegenden Holländer" noch nie komplett aufgeführt, aber er hat Ausschnitte aus Wagner-Opern schon in einem sibirischen Konzertsaal dirigiert. Als in Riga gebürtiger Lette hat er ohnehin ein besonderes Verhältnis zu Wagner, der am dortigen Theater einmal Kapellmeister war.

"Meine Beziehung zu dieser Oper ist natürlich geprägt davon, dass Wagner sie schrieb, als er Riga verließ."

Wagner geriet bei seiner Flucht aus Riga vor seinen Gläubigern, er war hochverschuldet, mit dem Schiff in einen Meeressturm, der ihn zu der romantischen Oper inspirierte. Mit Verve geht Rubikis diesen "Fliegenden Holländer" an, für den ein handverlesenes, rundum überzeugendes Solisten-Ensemble engagiert wurde, im Zentrum der junge ungarische Heldenariton Gábor Bretz, ein viriles, dämonisches Mannsbild in der Titelpartie und die somnambul wirkende, hochdramatische lettische Sopranistin Iliene Kinca.

Musik: Richard Wagner "Fliegender Holländer"

Spektakuläre Inszenierung zwischen Romantik und Gegenwart

Die vom Premierenpublikum umjubelte Oberammergauer Aufführung darf als spektakulär bezeichnet werden, denn sängerisch und musikalisch übertrifft sie alle Erwartungen, und auch szenisch bietet sie Außergewöhnliches: eine handwerklich höchst professionelle, ganz und gar nicht laienhafte oder "oberammergauhafte" Inszenierung. Sie ist mitreißend, sowohl was die Massenchorbewegung, als auch die individuelle Personenführung angeht, eine gut erzählte, raffinierte Mischung aus Romantik und Gegenwart, Märchen und Ironie, die beispielsweise alles Unbehagen der Spinnerinnenszene mit ihrem "Summ und brumm-Chor" wegwischt, indem dieser als köstlich tantenhafte Konzertdarbietung gegeben wird, ganz ohne Spinnräder oder Singer-Nähmaschinen. Christian Stückl:

"Also was ich glaub' ich nicht mehr sehen kann in der Oper, alles immer ins 'Dritte Reich' verlegt, das interessiert mich nicht. Wir haben also wirklich eine Drehbühne gebaut, wo plötzlich Wellen losgehen können und wir siedeln diese Norweger eigentlich so an, man kommt heute an irgendeinen alten, verlassenen norwegischen Hafen und man sieht eigentlich Menschen, die ganz im heute sind, und plötzlich bricht da auch Märchen herein und plötzlich taucht da ein Segelschiff auf. Ich habe jetzt nicht eine wahnsinnige Interpretation gesucht."

Im Mittelpunkt der extrem breiten, blauen Bühne von Stefan Hageneier dreht sich ein mit Meereswellen bemahlter Zylinder, der sich in einigen Szenen öffnet und ein Segelschiff zeigt, mal auch nur das Vorderschiff mit Steuerrad, und am Ende des Stücks springt Senta auf das Steuerdeck und versinkt mit dem Holländer im Meer. Keine Erlösung, obgleich aus dem Orchestergraben die Fassung Wagners mit der Erlösung durch Harfenklang ertönt. Christian Stückl:

"Ich weiß nicht, was das ist, die Erlösung. Also ich habe in 30 Jahren Passionsspiel einen Begriff für mich, was Erlösung ist, aber ich kann mich nur selbst erlösen."

Doch Ainars Rubis bekennt:

"I am a romantic."

Und er ist verliebt in Oberammergau, wo er ganz sicher nicht das letzte Mal am Pult steht.

Ein ganzes Dorf lebt fürs Theater

"Ich komme wieder, weil die Menschen, die hier leben und arbeiten, und nicht nur im Theater, sondern im ganzen Ort, sich für das Theater verantwortlich fühlen, ihr ganzes Herz einbringen in diese Beziehung zwischen Einwohnern, Musikern und Künstlern."

Das ist vielleicht das Geheimnis des besonderen Musiktheaters in Oberammergau, dass ein ganzes Dorf fürs Theater lebt, nicht nur das geistliche. Dieser Oberammergauer "Fliegender Holländer" ist eine Reise Wert, vor allem für all diejenigen, die genug haben von sogenanntem Regietheater mit Kommentaren, Dekonstruktionen, Trash oder Aktualisierungen.

Musik: Richard Wagner "Fliegender Holländer"

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