Kommentar /

 

Oberflächlicher Frieden

Das Gefährlichste an den Protesten in Nordirland sind die Fernsehausstrahlungen

Von Jochen Spengler, Deutschlandfunk

IRA-Wandgemälde in Belfast
IRA-Wandgemälde in Belfast (AP)

Nordirlands pro-britische Politiker entschieden sich, statt zu einem Kompromiss zu stehen, an alte Instinkte zu appellieren. Dennoch sind die Krawalle kein Vorbote eines neuen Bürgerkriegs, kommentiert Jochen Spengler.

Man stelle sich einmal vor, in Bayern würde wochenlang randaliert, weil der Münchner Stadtrat beschlossen hat, die Bundesfahne an städtischen Gebäuden nur noch selten im Jahr zu zeigen. Beides wäre absurd - die Randale wie der Beschluss.

Doch in Nordirland ticken die Uhren leider anders. Die britische Provinz Ulster ist - fast 15 Jahre nach dem formellen Ende des Bürgerkriegs - immer noch keine normale Region im Vereinigten Königreich.

Seit Wochen gibt es dort Demonstrationen und Krawalle mit dutzenden Verletzten und Festnahmen, bloß weil Belfasts Stadtrat beschlossen hat, die britische Flagge nicht mehr wie bislang jeden Tag, sondern nur noch zu 18 besonderen Anlässen im Jahr am Rathaus zu hissen - am Krönungstag der Königin etwa.

Obwohl im Belfaster Stadtbild wahrlich kein Mangel am Union Jack herrscht, erscheint manchen pro-britischen Protestanten ein auch nur einen Tag lang flaggenloses Rathaus als Sakrileg. Sie behaupten, die britische Flagge sei Teil ihrer Identität. Ihre Konterparts, die proirischen Katholiken von Sinn Fein, reklamieren, für sie sei sie das Symbol der Fremdbestimmung, das sie am liebsten ganz verschwinden sähen.

Die Flagge an 18 Tagen - das war ein vernünftiger Kompromiss, wie er vom nordirischen Parlament schon lange ohne Probleme praktiziert wird. Doch statt dafür mutig vor ihren Anhängern einzustehen, entschieden sich Nordirlands pro-britische Politiker mal wieder dafür, an alte Instinkte zu appellieren. Sie riefen Protestanten auf den Plan, denen die ganze Richtung nicht passt und die alten Zeiten hinterher trauern, als sie noch den Ton angaben und es für eine Lehrstelle reichte, den Onkel anzurufen. Heute dagegen müssen sie mit jungen Katholiken konkurrieren, die oft ehrgeiziger und besser ausgebildet sind.

Dennoch sind die Krawalle kein Vorbote eines neuen Bürgerkriegs. Die überwältigende Mehrheit der 1,7 Millionen Nordiren will Teil Großbritanniens bleiben, aber auch nicht zurück in die Zeiten der protestantischen Alleinherrschaft und der brutalen britischen Unterdrückung der Katholiken, in die Zeiten des täglichen Terrors durch paramilitärische Banden, der mehr als 3500 Tote forderte und erst 1998 mit dem Karfreitagsabkommen ein Ende fand.

Seither ist vieles geschehen: politische Institutionen wurden gebildet, in denen Protestanten und Katholiken gleichberechtigt vertreten sind; eine überkonfessionelle Polizei sorgt für Ordnung, es gibt einen stetigen Wiederaufbau, einen bescheidenen Wirtschaftsaufschwung und wachsende Zahlen neugieriger Touristen.

Doch das alles wird nun gefährdet durch die weltweit ausgestrahlten Fernsehbilder, die vor allem eines zeigen: Der nordirische Frieden ist oberflächlich - eine ehrliche, tief reichende Versöhnung zwischen den Volksgruppen lässt noch immer auf sich warten - noch ist Nordirland keine normale Region.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kommentar

Der BND in der TürkeiSpionieren mit gutem Recht

Graues Schild mit blauer Aufschrift "Bundesnachrichtendienst" vor einer grauen Mauer und blauem Himmel

Geheimdienste heißen Geheimdienste, weil sie geheim arbeiten, kommentiert Brigitte Fehrle von der "Berliner Zeitung" im DLF. Der Vorwurf mancher Parlamentarier gegenüber dem BND, man sei in Sachen Türkei-Spionage nicht informiert worden, ist abwegig.

Waffenlieferung in den Irak Bundestag sollte abstimmen

Ein Panzergrenadier reicht dem Kommandanten eines Schützenpanzer vom Typ "Marder" eine Startvorrichtung für eine Panzerabwehrwaffe vom Typ "Milan".

Wenn Deutschland Soldaten ins Ausland schickt, muss unser Parlament darüber entscheiden; werden Waffen geliefert, hat es jedoch nichts zu melden. Höchste Zeit, dies endlich zu ändern, kommentiert Frank Capellan.

Russischer HilfskonvoiAlle Hoffnungen zerstört

Ein russischer Hilfskonvoi macht sich in der Nähe von Moskau auf dem Weg in die Ostukraine.

Russland hat seinen umstrittenen Hilfskonvoi ohne Zustimmung der Ukraine über die Grenze geschickt. Moskau bemüht sich nun nicht einmal mehr um den Anschein, die Souveränität der Ukraine zu achten, kommentiert Florian Kellermann. Ziel von Vermittlungen sollte deshalb eine internationale Kontrolle der russisch-ukrainischen Grenze bleiben.