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Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Obsessiver Antisemitismus17.10.2005

Obsessiver Antisemitismus

Erste umfassende Biographie zu Alfred Rosenberg

Er führte den "Kampf um die Köpfe" der Menschen in Hitlerdeutschland und schuf mit seinen völkischen Thesen den ideologischen Überbau des Dritten Reiches: Alfred Rosenberg. Er, der unter anderem als Herausgeber des "Völkischen Beobachter" und Chef des "Kampfbundes für deutsche Kultur" fungierte, avancierte nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete und spielte in dieser Funktion auch eine zentrale Rolle bei der ideologischen Legitimierung des Vernichtungskrieges. Nun liegt die erste ausführliche Lebensbeschreibung Rosenbergs aus der Feder des NS-Experten Ernst Piper vor.

von Henry Bernhard

Alfred Rosenberg nach seiner Festnahme in Flensburg im Mai 1945. (AP Archiv)
Alfred Rosenberg nach seiner Festnahme in Flensburg im Mai 1945. (AP Archiv)

Alfred Rosenberg in Nürnberg:
"Ich habe gehört, dass in Kiew eine größere Anzahl von Juden erschossen worden sei, dass aber der größte Teil der Juden Kiew verlassen hätte, aber, dass hier ein Befehl zur persönlichen Vernichtung des gesamten Judentums vorlag, konnte ich nicht annehmen."

Alfred Rosenberg im April 1946 vor dem Nürnberger Tribunal gegen die Hauptkriegsverbrecher. In der Befragung durch seinen Verteidiger versucht er nachzuweisen, dass er von der Judenvernichtung nur sporadisch etwas mitbekommen habe.

Alfred Rosenberg in Nürnberg:
"Und wenn in unserer Polemik auch von der ‚Ausrottung’ des Judentums die Rede gewesen ist, so muss ich doch sagen, dass dieses Wort allerdings einen furchtbaren Eindruck machen muss, unter den damaligen Voraussetzungen aber nicht als eine persönliche Ausrottung, persönliche Vernichtung von Millionen von Juden aufgefasst wurde."


Dass mit "Ausrottung des Judentums" etwas anderes gemeint gewesen sein könnte als Massenmord, nahm das Gericht Alfred Rosenberg nicht ab und verurteilte ihn am 30. September 1946 zum Tod durch den Strang.

Wer war dieser Alfred Rosenberg, den Joachim Fest in den 60er Jahren als weltfremden Trottel und harmlosen Spinner darstellte, der "auch und gerade im Bösen" "unendlich überschätzt" wurde? Der Historiker und Verleger Ernst Piper beantwortet diese Frage auf gut 800 Seiten, ausführlich, klug und umfassend. Es ist die erste ausführliche Darstellung von Rosenbergs Leben. Dies mag erstaunen, gilt Rosenberg doch als Chefideologe der Nazis. 1893 wurde er in Reval, dem heutigen Tallinn, damals Hauptstadt des russischen Gouvernements Estland, geboren. In Riga und Moskau studierte er Architektur.

Zitator:
"Am 30. November 1918 hielt Rosenberg erstmals einen öffentlichen Vortrag in Reval. Das Thema lag ganz auf der Linie seiner lebenslangen Obsession: "Marxismus und Judentum". Die Erlebnisse im Moskau der Revolution hatten ihn in der Überzeugung bestärkt, dass zwischen diesen beiden Mächten, die unaufhörlich auf den Untergang alles Guten und Schönen hinarbeiten, ein unauflöslicher Zusammenhang besteht. Rosenbergs konterrevolutionärer Furor hat seine Zuhörer womöglich kalt gelassen. Jedenfalls bestieg er noch in derselben Nacht den Zug nach Berlin."

Leider kann der Autor nicht zeigen, wo dieser monomane obsessive Antisemitismus Rosenbergs seine Quelle hat. Vielleicht ist die Faktenlage hier zu dünn, wie auch sonst, wenn es um das Private Rosenbergs geht. Demgegenüber schildert Piper äußerst kundig und plastisch die Entwicklung des Antisemitismus und der NSDAP im krisengeschüttelten München nach dem 1. Weltkrieg: die aufgeheizte, revolutionäre Stimmung, die Ablehnung der Republik, die unablässig wiederholte Dolchstoßlegende, die soziale Not. Hitler hielt hier vor Deutschnationalen, emigrierten Balten, Völkischen und Antisemiten seine ersten Reden und erkannte, wie gut er mit radikaler antisemitischer Propaganda Stimmungen in seinem Sinne kanalisieren kann. Rosenberg, der sich suchend in München niedergelassen hat, dagegen tut, was er sein Leben lang tun wird: Er schreibt; viel, radikal und immer über das eine:

Zitator:
"Die Spur der Juden im Wandel der Zeiten
Unmoral im Talmud
Das Verbrechen der Freimaurerei
Der staatsfeindliche Zionismus"

Hier war Rosenbergs Themenkanon ein für allemal festgelegt: antisemitische Stereotypen, vermischt mit absurden Verschwörungstheorien, eingebettet in ein pseudowissenschaftliches, profundes geschichtliches Halbwissen. Ein Weltbild, das die "jüdisch-bolschewistische Revolution" in geheimer Verschwörung mit "jüdischen Bankiers" in New York und Freimaurerlogen in Deutschland sieht, kann letztlich zur Erklärung jeden Übels herhalten. Mit dieser pseudo-philosophischen Nebelwand beeindruckte er Hitler, zu dessen engem Umfeld er bald zählte und der oft Anregungen Rosenbergs in seinen zahlreichen Reden nutzte.

Hitlers eingängige Rhetorik führte der NSDAP schnell viele neue Mitglieder zu und sie selbst bald in die deutschen Parlamente; Rosenberg wurde und blieb ihr Chefideologe: antidemokratisch, antimodern, rassistisch, intolerant und vor allem radikal antisemitisch. Er wurde zum Schriftleiter des "Völkischen Beobachters" und anderer NS-Blätter und vertrat Hitler während dessen Haftzeit als Parteichef. Dies sollte allerdings auf lange Zeit Rosenbergs einziges wichtiges Amt bleiben.

Der Autor Ernst Piper zeichnet äußerst lebendig das Bild der scheiternden Republik schon zehn Jahre vor der Machtergreifung der Nazis, die Krisenjahre 1922/ 23, die Ermordung Walther Rathenaus, die Besetzung des Rheinlandes, aber auch die Jahre `30-`33 in Berlin. Und Rosenberg schreibt, entwirft am Schreibtisch eine neue Weltordnung:

Zitator:
"Die Briten waren zuständig für den Schutz der weißen Rasse in Afrika, Indien und Australien, die Amerikaner in Amerika, die Deutschen in Zentraleuropa, während die Italiener die Aufsicht über das westliche Mittelmeer übernehmen sollten. Rosenbergs Problem war, das nicht alle in der drohenden "Vernegerung" das Hauptproblem der aktuellen Weltlage sahen."

"Deutschland" meinte für Rosenberg und Hitler weniger "Staat" als "Volk und Raum", weniger "Nation" als vielmehr "Reich", deshalb war für Rosenberg die "Wegräumung des polnischen Staates das allererste Erfordernis Deutschlands" zur Kontrolle Russlands. Bis es soweit war, rechnete Rosenberg mit dem Christentum ab: Im "Mythus des 20. Jahrhunderts" versuchte er, seine rassistische Geschichtsdeutung durch Mystizismus religiös zu überhöhen. Er glaubte wohl sogar selbst daran, "dass das nordische Blut jenes Mysterium darstellt, welches die alten Sakramente ersetzt und überwunden hat."

Zitator:
"Die Mariensäulen sollten durch Kriegerdenkmäler ersetzt werden, an die Stelle "zerquälter Heiliger" sollten Statuen großer Deutscher treten. Der Christus des nordischen Abendlandes war schlank, hoch, blond, steilstirnig, schmalköpfig."

Rosenbergs große Welterklärung wurde von katholischer Seite scharf kritisiert, ansonsten aber, bis der "Mythus" nach 1933 zur quasi halbamtlichen Literatur wurde, ignoriert. Rosenbergs Einfluss durch Zeitungen, Schriften und Schulungsmaterialien auf die rassisch-antisemitische Prägung der Deutschen jedoch darf nicht unterschätzt werden.

Er hatte sich für die Zeit nach der Machtergreifung das Amt des Außenministers erträumt, aber der Pragmatiker Hitler wusste den rechthaberischen, paranoiden Ideologen lieber als "Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" abgestellt. Weitere unbedeutende Ämter kamen hinzu. Mit Kriegsbeginn jedoch organisierte er mit seinem "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" die massenhafte Ausplünderung von Bibliotheken und Museen in Frankreich, Holland und Polen. 1940 bereitet er durch seine Kontakte die Besetzung Norwegens vor. 1941 kommt seine große Stunde: Hitler macht ihn zum "Reichsminister für die besetzten Ostgebiete".

Zitator:
"20 Jahre antibolschewistischer Arbeit sollen also ihre weltgeschichtliche Auswirkung erfahren. ... Millionen ... und ihr Lebensschicksal wird damit in meine Hand gelegt. Ob Millionen anderer der Durchsetzung dieser Notwendigkeit einmal fluchen werden, was tut’s, wenn nur ein kommendes, großes Deutschland diese Taten der nahen Zukunft segnet!"

Rosenberg war vorbereitet und überreichte Hitler eine Denkschrift, in der er vorschlug, den "bolschewistisch-jüdischen" Staat ganz zu zerschlagen, ihn wirtschaftlich radikal auszuplündern oder Russland zu zerschlagen und es an Weißrussland bzw. die Ukraine anzugliedern. Außerdem könne man Russland als "Abschubgebiet für unerwünschte Bevölkerungselemente in größerem Ausmaße benutzen". Das Baltikum könnte entjudet und deutsch besiedelt, die Ukraine als Kornkammer genutzt werden. Dass dabei Millionen verhungern würden, war ihm egal.

Die zentrale Frage, die sich stellt, ist, inwieweit Rosenberg in den Völkermord an den Juden involviert war. Er verwaltete Ukraine, Weißrussland und Baltikum von Berlin aus; seine Reichskommissare jedoch führten das Regiment über ihn hinweg, oft genug gegen ihn. Piper macht die für das Dritte Reich so typischen Mehrfachstrukturen und Kompetenzüberschneidungen sehr anschaulich und zeigt, wie Himmler, Göring und Sauckel, vor allem aber Speer ihre Kompetenzen ohne Rücksichten auf Rosenberg nutzten.

Zitator:
"Es gelang Rosenberg nicht, seine neue Machtposition in reale Macht umzumünzen. Er war ein Denker und Planer, aber kein Exekutor. Rosenberg war nicht Himmler, der von Hitler mit der "Endlösung" betraut war. Aber Alfred Rosenberg propagierte und legitimierte dieses Ziel, wann immer und wie immer er konnte, von seinen frühesten Anfängen bis zum bitteren Ende."

Alfred Rosenberg in Breslau:
"Für uns Nationalsozialisten war das Judenproblem nicht ein Spaß, nicht nur eine Agitationsmöglichkeit; sondern es war tatsächlich eine tiefe Überzeugung, dass dieses Problem in dieser geschichtlichen Zeit auch restlos gelöst werden muss. Und für uns ist die Judenfrage in Deutschland erst dann gelöst, wenn der letzte Jude den Boden des Großdeutschen Reiches verlassen hat. - Beifall - Und so scheint uns die Judenfrage Europas auch dann erst gelöst, wenn der letzte Jude Europa verlassen hat." - Beifall

Piper hat viele Belege zusammengetragen, in denen klar wird, dass Rosenberg – auch als längst klar war, dass es real keine Umsiedlungsmöglichkeiten à la Madagaskar oder Sibirien gab – an seinem Ziel eines "judenfreien" Europas bis zum Ural festhielt, um Siedlungsraum für Deutsche und andere "Germanen" zu schaffen. Sein Ministerium war ...

"... auf allen Ebenen – auf der administrativen wie der planerischen, auf der politischen wie ideologischen – an der Umsetzung des millionenfachen Mordprogramms beteiligt."

Gelegentliche Proteste Rosenbergs angesichts bestimmter Maßnahmen zeigen laut Piper nicht, dass er weicher, sondern nur pragmatischer als andere Nazi-Größen dachte. Die Richter in Nürnberg, die Rosenberg in seinen Aussagen mit pseudophilosophischen Ausschweifungen nervte, verurteilten ihn als einen der wenigen in allen vier Anklagepunkten zum Tode. Sie wussten, so der Autor Ernst Piper, warum.

Wenn sich die Rosenberg-Biographie manchmal etwas schwer liest, so liegt es nicht am Autor, sondern an seinem Gegenstand, an Rosenberg und seinen verquasten Theorien. Piper begegnet dem gelegentlich mit feiner Ironie.

Der US-Hauptankläger Robert Jackson schrieb ihm praktisch noch während des Prozesses auf den zukünftigen Grabstein: "Seine verschwommene Philosophie fügte zur umfangreichen Liste der Gräueltaten der Nazis noch die Langeweile hinzu."

Ernst Piper hat ein wichtiges Buch geschrieben, dass vor allem der Forschung und dem sehr interessierten Laien nützen wird. Erstaunlich, dass der wohlinformierte Autor der weitverbreiteten Legende aufsitzt, Baldur von Schirach hätte in Weimar die Hitlerjugend gegründet. Aber dies bleibt unerheblich angesichts dieser Forschungsleistung.

Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. Erschienen im Karl Blessing Verlag München, 646 Seiten plus einem Anmerkungsapparat von nochmals 150 Seiten zum Preis von 26 Euro.

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