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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein Grund zum Jubeln12.09.2017

OECD-Studie Kein Grund zum Jubeln

Das reiche Deutschland liege bei den Bildungsausgaben international hinterher und leiste sich eine soziale Schieflage, in der jährlich wieder eine neue Schicht Bildungsverlierer heranwachse, kommentiert Christiane Habermalz. Dies habe hohe soziale Sprengkraft: Denn Bildung bedeute Teilhabe, Glück und Auskommen.

Von Christiane Habermalz

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Ein Professor und seine Studenten bei einer Vorlesung an der FH RheinAhrCampus. (imago)
Fachhochschulen haben große Schwierigkeiten, ihre Professorenstellen zu besetzen. (imago)
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Über Zahlen lässt sich trefflich streiten. Das wird jedes Jahr wieder bei der Veröffentlichung des Bildungsberichts der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (*) deutlich. Die OECD veröffentlicht Statistiken über die Leistungsfähigkeit der Bildungssysteme im internationalen Vergleich. Sie misst, wie hoch die Teilhabe an Bildung ist, wie viele Menschen höhere Abschlüsse erreichen, wie durchlässig die Systeme für Kinder aus bildungsfernen Familien.

Starkes duales System, aber wenig Investitionen in Bildung

Manchmal heißt es, Äpfel mit Birnen zu vergleichen: Wo Krankenschwestern oder Hotelfachangestellte an Hochschulen ausgebildet werden, hat das Einfluss auf die Absolventenquote. Und arme Länder können schnell mal 20 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Bildung ausgeben, während das reiche Deutschland trotz steigender Bildungsausgaben seiner boomenden Konjunktur hinterherhinkt.

Dennoch legt der OECD-Bildungsbericht immer wieder seinen Finger auf Schwachstellen des Bildungssystems. Und auch dieses Jahr gibt es einige Punkte, über die wir so leicht nicht hinweggehen sollten. Dem gut funktionierenden dualen System sei es zu verdanken, so die OECD, dass es in Deutschland nur 10,8 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 24 Jahren ohne Job oder Berufsausbildung gebe.

Gute Konjunktur beschönigt die Lage

Allerdings lag diese Quote im Jahr 2008 hierzulande noch bei 17 Prozent – und damit höher als im internationalen Durchschnitt. Es liegt also nahe, dass die Zahl der Abgehängten ohne die gute Wirtschaftslage weitaus größer wäre  - und nicht das deutsche Berufsbildungssystem, sondern die gute Konjunktur hier die Lage beschönigt.

Grund zum Jubeln gibt es also nicht: Das reiche Deutschland leistet sich eine soziale Schieflage, in der jedes Jahr wieder eine neue Schicht Bildungsverlierer heranwächst – mit entsprechend hoher sozialer Sprengkraft, denn Bildung bedeutet Teilhabe, Glück und wirtschaftliches Auskommen.

Chronisch unterfinanzierte Hochschulen

Und der Jubel über die hohen Studienanfängerzahlen  - über 58 Prozent eines Jahrgangs gehen an die Uni – darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele unterwegs auf der Strecke bleiben. Die Zahl der Absolventen liegt mit 31 Prozent immer noch unter dem OECD-Durchschnitt.  Zwar hat sich in den letzten Jahren einiges getan, um Studienabbrechern den Übergang in den Beruf zu ermöglichen, aber noch nicht genug.

Und die schlechte Betreuungsquote tut ein Übriges, um junge Leute von der Spur abzubringen. Überhaupt, die Hochschulen: die bleiben chronisch unterfinanziert. Bund und Länder haben in den vergangenen Jahren milliardenschwere Finanzpakete geschnürt – doch die Effekte wurden durch die steigenden Studierendenzahlen geschluckt.

Möglichst früher Zugang zur Bildung für alle

17.000 Dollar gibt Deutschland laut OECD-Bericht pro Kopf für seine Studierenden aus. In den USA sind es knapp 29.000, in Großbritannien über 24.000 Dollar, ein guter Teil stammt aus privater Hand. Auf lange Sicht wird Deutschland so nicht zum Sehnsuchtsort für die Spitzenforschung aus aller Welt.

Langfristig muss Deutschland doch darüber nachdenken, ob es Studiengebühren von den Studierenden verlangt, die zum großen Teil, siehe soziale Undurchlässigkeit, ohnehin Akademikerkinder sind, und dafür die Kinderbetreuung gratis stellt, um allen möglichst früh den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Das wäre sozial.

(*) Die Abkürzung OECD war in einer ersten Version falsch wiedergegeben.

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

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