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StartseiteUmwelt und VerbraucherFreiwillige Selbstverpflichtungen der Staaten besser überprüfen05.11.2015

Ökonom zur CO2-ReduktionFreiwillige Selbstverpflichtungen der Staaten besser überprüfen

Auf dem UNO-Klimagipfel in Paris sollen durch eine neue internationale Klimaschutz-Vereinbarung Regeln über CO2-Reduktionen beschlossen werden. Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung kritisierte im DLF die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Staaten als "sehr vage" und forderte eine Überprüfung der Ambitionen.

Ottmar Edenhofer im Gespräch mit Georg Ehring

Ottmar Edenhofer in der Technischen Universität in Berlin. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung im Interview mit dem Deutschlandfunk. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
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Georg Ehring: Optimismus allerorten - in gut einem Monat soll in Paris ein weltumspannender Vertrag über den Klimaschutz abgeschlossen werden. Es geht um Regeln für die nächsten Jahrzehnte. Doch wenn es so kommt wie geplant, dann hat das Abkommen mindestens einen Schönheitsfehler. Wie stark jeder einzelne Staat seinen Ausstoß von Treibhausgasen senkt, das entscheidet er in Eigenregie. Freiwillige Zusagen statt vertraglich aufgeteilte Pflichten - kann das gut gehen? Diese Frage habe ich vor dieser Sendung an Professor Ottmar Edenhofer gestellt. Er ist Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Ottmar Edenhofer: Wenn man sich mal diese freiwilligen Selbstverpflichtungen anschaut, dann sind die alle im Wesentlichen sehr vage formuliert. Da steht dann zum Beispiel, wir wollen die Emissionen gegenüber einem "Business as usual"-Szenario um X Prozent reduzieren. Es wäre aus meiner Sicht sehr viel besser, wenn die Staaten, anstatt diese vagen Mengenverpflichtungen auf den Tisch zu legen, zumindest gesagt hätten, wie sie sich das vorstellen, welche CO2-Preise sie eigentlich gerne umsetzen würden. Das hätte zwei Vorteile. Erstens: Sie würden uns damit nicht im Unklaren lassen, wie sie die Zukunft sehen. Und zum Zweiten: Alle diese nationalen Selbstverpflichtungen wären vergleichbar.

Ehring: Verpflichtende Ziele, mehr Vergleichbarkeit - darum haben die Staaten seit vielen Jahren gekämpft, zum Beispiel die Europäische Union, aber es ist nicht gelungen. Muss man da nicht einen Schritt zurückgehen?

Edenhofer: Ich glaube nicht, dass man einen Schritt zurückgehen soll. Man muss einen Schritt weitergehen und es wird jetzt darauf ankommen, dass zumindest in Paris eine Klausel festgelegt wird, wie man dieses Ambitionsniveau schrittweise erhöhen kann, aber vor allem, wie überprüft werden kann, glaubhaft überprüft werden kann, ob sich die Staaten eigentlich daran gehalten haben. Denn sonst werden wir sehr schnell feststellen, dass in Paris diese freiwilligen Selbstverpflichtungen als ein großer diplomatischer Erfolg gefeiert werden, am Ende werden sie nicht eingehalten werden und dann verschwinden alle diese Verpflichtungen in der Versenkung, und am Ende werden wir dann dort stehen, wo wir heute stehen.

Und heute stehen wir eben vor einer Situation, dass wir immer noch weltweit etwa 1.000 Gigawatt Kohlekraftwerke geplant haben, und wenn allein von den Planungen nur ein Drittel umgesetzt werden würde - man nimmt zum Beispiel eine Laufzeit der Kraftwerke von 40 Jahren -, dann würden allein dadurch schon mehr als 100 Gigatonnen CO2 in der Atmosphäre abgelagert werden.

Kohle-Renaissance setzt sich derzeit in bestimmten Ländern fort

Ehring: Alle Welt redet vom Aufstieg der erneuerbaren Energien, der viel schneller gehe, als man sich das habe vorstellen können, und Sie reden von der Weiterverwendung der Kohle und weiteren Kohlekraftwerken, die weltweit geplant werden. Was stimmt denn jetzt?

Edenhofer: Ich bestreite nicht, dass es in den letzten Jahren nicht große Fortschritte gegeben hat bei der Fotovoltaik, auch bei der Windenergie. Wir sehen auch, dass der drastische Ausbau der Erneuerbaren auch dazu geführt hat, dass die Emissionen gesunken sind. Aber alle diese Fortschritte wurden bei weitem überkompensiert durch den Bau neuer Kohlekraftwerke. In der vergangenen Dekade war die Kohle-Renaissance im Wesentlichen getrieben durch China. Es ist zwar richtig, dass China jetzt sehr viel weniger neue Kohlekraftwerke baut, aber die Kohle-Renaissance setzt sich jetzt fort in Indien, in Indonesien, in Vietnam, im Übrigen auch in Afrika. Afrika spielt bei den weltweiten Emissionen heute noch keine große Rolle, aber in Afrika sind neue Kohlekraftwerke gebaut. Und auch in Osteuropa will man neue Kohlekraftwerke bauen und auch in der Türkei. Wir sind in einer Situation, wo der Anteil der Erneuerbaren am Strommix weltweit wächst, auch die Investitionen wachsen, aber trotzdem die Kohle weiter genutzt wird und die Emissionen weiter steigen.

Ehring: Dass die Erneuerbaren auf Dauer so billig werden, dass sich das Problem von selber erledigt, sehen Sie nicht?

Edenhofer: Nein, das sehe ich nicht, denn es ist aus meiner Sicht ein Zeitproblem. Natürlich werden irgendwann oder könnten irgendwann die Erneuerbaren billiger werden, sodass es sich nicht mehr lohnt, dass wir Kohle oder Gas aus dem Boden holen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass das so schnell geschieht, dass niemand mehr einen Anreiz, ein Interesse hat, Kohle oder Gas zu nutzen. Wenn jetzt in den nächsten zehn Jahren die 1.000 Gigawatt Kohlekraft installiert sind, oder vielleicht auch nur 300 Gigawatt, dann ist damit ein Emissionspfad festgelegt, von dem man nur noch sehr, sehr schwer herunterkommt. Und wenn Afrika neue Kohlekraftwerke baut, dann werden die sich noch sehr viel schwerer tun, irgendwann einen CO2-Preis zu akzeptieren, denn dann würden sie ja eigentlich die ganzen neuen Kohlekraftwerke abschreiben müssen. Deswegen ist es wichtig, dass wir jetzt den Einstieg in diese CO2-Bepreisung finden und dass wir jetzt der Kohlenutzung, der Gas- und der Ölnutzung den richtigen Preis geben.

Ehring: Soweit Ottmar Edenhofer über Klimaschutz und die Renaissance der Kohle. Das Interview haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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