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Ökonomie - Sozialwissenschaft wider Willen?

Teil 2 der Serie "Wirtschaftsweise ratlos?"

Der Wirtschaftswissenschaftler André Orléan im Gespräch mit Stefan Fuchs

Börsenkrise: Verzweiflung an der Wall Street in New York
Börsenkrise: Verzweiflung an der Wall Street in New York (AP)

Als im Herbst 2008 die größte Weltwirtschaftskrise seit 1929 hereinbrach, stand die überwältigende Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler nackt da. Kaum einer hatte die Katastrophe kommen sehen. Die moderne Volkswirtschaftslehre mit ihrem Glauben an die Rationalität der Wirtschaftssubjekte wurde zum ersten Opfer der Krise.

Nach der Krise wissen wir, dass von Vorhersagen und quasi Naturgesetzen nicht die Rede sein kann. In unserer Gesprächsserie "Wirtschaftsweise ratlos" will Stefan Fuchs die Versäumnisse der Nationalökonomie und die politischen Folgen zur Sprache bringen. Sein heutiger Gesprächspartner ist der französische Ökonom André Orléan. Dieser hält den neoklassischen Wirtschaftstheorien vor, das Versagen der Märkte und die Entstehung von Spekulationsblasen nicht hinreichend erklären zu können. Im Mittelpunkt seines alternativen Ansatzes stehen eine Abkehr vom Modell der effizienten Konkurrenz und eine Neubegründung der Wertbildung in der Wirtschaft.

André Orléan ist Mitverfasser der Streitschrift "Manifest der bestürzten Ökonomen", in dem die Finanzmärkte für die Eurokrise und die Fluktuation an den Börsen verantwortlich gemacht werden.

Stefan Fuchs: Herr Orléan, die schweren Turbulenzen, das Auf und Ab von Ängsten und Hoffnungen, mit denen die Finanzmärkte nun schon seit gut drei Jahren die Menschen in Atem halten. Das Rätselraten, das fortgesetzte Stochern im Nebel, ob die Krise überwunden oder ob uns das Schlimmste vielleicht erst noch bevorsteht.

Die Dauerkrise des Euro schließlich, die Ohnmacht oder Unfähigkeit der Politik. All das zeigt das nicht überdeutlich, dass die Wissenschaft, die sich um die Analyse des Wirtschaftsgeschehens bemüht, auch dreihundert Jahre nach ihrer Gründung noch in den Kinderschuhen steckt?

André Orléan: Ganz sicher stellt diese Krise drängende Fragen an die Wirtschaftswissenschaftler. Umso mehr als die Disziplin sie nicht hat kommen sehen. Die Theorie hat vor der globalen Dominanz der Finanzmärkte nicht gewarnt. Ganz im Gegenteil: Noch kurz vor der Krise schwelgen die Berichte des Internationalen Währungsfonds noch in Optimismus. Man glaubte, die Weltwirtschaft durchlaufe eine Periode großer Stabilität. Man hatte die Krise nicht nur nicht vorhergesehen, man hatte selbst die Möglichkeit von systemischen Krisen verdrängt.

Heute ist der Abgrund zwischen den theoretischen Modellen, den daraus resultierenden politischen Rezepten und dem, was tatsächlich passiert, unüberbrückbar. Die Disziplin hat die Vorherrschaft der Kapitalmärkte aktiv unterstützt. Dass auf diese Weise optimale Effizienz erreicht werden könne, war ihre ureigenste Vorstellung.

Ich denke, die meisten Volkswirtschaftler sind heute bereit, das Versagen ihrer Disziplin anzuerkennen. Uneinigkeit gibt es über die Frage: Wie muss sich die Theorie ändern? Da gibt es unterschiedliche Haltungen. Viele Wissenschaftler an den Universitäten und in der Forschung wollen am bestehenden Theoriegebäude der Neoklassik festhalten. Sie sind überzeugt, dass es auch innerhalb dieses Rahmens die Möglichkeit gibt, das Versagen der Märkte und das Entstehen von Spekulationsblasen zu erklären. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ist der prominenteste Vertreter dieser Fraktion. Man versteht, dass eine Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler dieser Denkrichtung folgt, erspart sie ihnen doch die Revision ihrer Grundannahmen. In Frankreich, in Deutschland in den USA glaubt eine Mehrheit der Forscher, dass man im Prinzip das neoklassische Standardmodell retten kann.

Ich dagegen bin überzeugt, dass wir einen Neuanfang brauchen. Ich bin mir der Tragweite dieses Vorsatzes durchaus bewusst. Wenn mir jemand sagen würde, wir müssen die Physik neu begründen, würde ich ihn für einen Illuminaten halten. Das Lehrgebäude der Physik ruht auf soliden Grundlagen. In den Wirtschaftswissenschaften aber gibt es diese Notwendigkeit einer Neugründung, weil die Grundannahmen unsicher sind. Und wenn wir diese nicht grundlegend ändern, können wir die Wirklichkeit nicht angemessen verstehen.

Fuchs: Es scheint so, dass die neoklassische Theorie immer noch dem Vorbild der Naturwissenschaften nachhängt. Man hat den Eindruck, der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream kann sich nur schwer mit der Vorstellung abfinden, sich im Feld der Sozialwissenschaften zu bewegen. In Ihrem gerade erschienen Buch zeigen Sie diese Tendenz zur Verdinglichung gesellschaftlicher Phänomene am Beispiel der Theorie zur Preisbildung. Anhand der Modellbildung des französischen Volkswirtschaftlers Léon Walras beschreiben Sie die Konstruktion einer behaupteten Objektivität der Preisbildung. Ist dieser wissenschaftliche Positivismus ein Grundzug der klassischen und neoklassischen Orthodoxie?

Orléan: Man muss zwischen Wert und Preis unterscheiden. Der Wert ist für die klassische Theorie die Basis des Preises. Preisschwankungen finden vor dem Hintergrund des Wertes statt. Auch für die Neoklassiker gibt es einen Unterschied zwischen Wert und Preis. Wenn sie zum Beispiel davon sprechen, dass der Preis einer Aktie zu ihrem Wert zurückfindet. Sie sind sich dieser Differenz allerdings nicht bewusst. Sie glauben eine Theorie der Preisfindung aufzustellen und vermeiden den Begriff des Wertes, obwohl sie implizit von der Objektivierbarkeit des Wertes ausgehen.

Mein Ausgangspunkt ist einfach. Es gibt wirtschaftliche Werte aber auch ethische, religiöse und ästhetische Werte. Die Sozialwissenschaften interessieren sich für die Frage, wie Individuen Werte entwickeln, wie sie ihre Wertvorstellungen über die Welt stülpen. Man kann sogar sagen, es gibt verschiedene Sozialwissenschaften, weil es verschiedene Werte gibt. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird durch gemeinsame Werte überhaupt erst möglich. Sie sind der Kitt der Gesellschaft.

Die Wirtschaftswissenschaften aber lassen sich nicht in diese Einheit der Sozialwissenschaften einordnen. Sie haben eine radikal andere Vorstellung, wie ein Wert entsteht. Für sie ist er keine von den Mitgliedern einer Gemeinschaft geteilte Überzeugung, keine kollektive Vorstellung wie in den Gesellschaftswissenschaften, sondern eine objektive Größe, die den Dingen quasi als vorgesellschaftliche Substanz eignet.

Diese Substanz hat in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften verschiedene Formen angenommen. Bei den Klassikern Adam Smith, Ricardo und Karl Marx war sie die Arbeit, die man brauchte, um einen Gegenstand herzustellen. Bei den Vertretern der Neoklassik William Stanley Jevons, Carl Menger und Léon Walras wurde daraus der Nutzen, den ein Gegenstand für seinen Eigentümer haben kann. Die Dinge haben einen Wert, weil sie nützlich sind. Klassik und Neoklassik gemeinsam ist also die Vorstellung einer objektiv messbaren Substanz der Dinge, die ihnen ihren Wert verleiht. Der wirtschaftliche Wert hat in dieser Sicht die Objektivität einer physikalischen Messgröße. Insofern stellt er eine Verdinglichung dar.

Er unterscheidet sich radikal von der sozialwissenschaftlichen Erkenntnis, dass Werte durch ein variables Geflecht gesellschaftlicher Beziehungen entstehen. Ich bin überzeugt, man muss das Schisma revidieren, das die Wirtschaftswissenschaften von den übrigen Sozialwissenschaften trennt, und sich von der Vorstellung vom Wert als einer Substanz der Dinge verabschieden.

Fuchs: Ist in diesem Versuch, die unklaren, die opaken Wertvorstellungen der Ästhetik oder der Religion oder der Ethik, diese gesellschaftlichen Vorstellungen von Wert in objektivierbare Gegenstände zu verwandeln, ist das nicht ein Ausdruck dieser positivistischen Verdinglichung, die die gesamte Haltung der Wirtschaftswissenschaften durchzieht als eine Wissenschaft, die gesellschaftliche Gegenstände zu objektivieren sucht?

Orléan: Diese Verdinglichung findet auch in der Realität statt. Zweifellos präsentieren sich religiöse und wirtschaftliche Werte den Menschen auf sehr unterschiedliche Weise. Der wirtschaftliche Wert kommt ganz konkret als berechenbarer Preis daher. Daraus darf man aber nicht schließen, dass er die Objektivität einer physikalischen Messgröße besitzt. Prinzipiell ist auch der ökonomische Wert eine gesellschaftliche Konvention. Die wirtschaftliche Sphäre ist in diesem Sinne integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in seiner Gesamtheit. Das Wirtschaftsleben ist grundsätzlich von der gleichen Beschaffenheit wie andere gesellschaftliche Bereiche auch.

Fuchs: Jetzt müssen wir aber über Ihre Neubegründung des Wertes, der Wertbildung in der Wirtschaft sprechen. Sie schlagen eine "mimetische Hypothese" vor: Das heißt, der Wert entsteht aus einer wechselseitigen Interaktion von gesellschaftlichen Beziehungen der Individuen.

Orléan: Die Bedeutung dessen, was ich "mimetische Hypothese" nenne, erschließt sich vor dem Hintergrund der neoklassischen Auffassung, dass der Wert durch den Nutzen entsteht, den die Gegenstände für ein Individuum haben. Dieser Nutzen ist in diesem Modell den wirtschaftlichen Akteuren bereits bekannt, bevor sie sich überhaupt auf den Markt begeben. Sie wissen schon vorher, welchen Wert Autos, Computer oder dergleichen haben. Das ist nicht völlig falsch. Unter bestimmten Voraussetzungen kann das durchaus so ablaufen. Aber die eigentliche Frage wird ausgeklammert. Wie kommen die Marktteilnehmer zu dieser Einschätzung des Nutzens? Das Entstehen von Präferenzen wird durch die Neoklassik überhaupt nicht erklärt. Man interessiert sich für die Preisbildung auf der Grundlage einer bestehenden Einschätzung des Nutzens einer Ware, ohne sich zu fragen, woher diese Einschätzung kommt. Dabei ist diese direkt abhängig von der Interaktion der Marktteilnehmer. Sie ist nicht etwas der Wirtschaft Vorgegebenes. Das Wirtschaftsgeschehen selbst erzeugt diese Präferenzen. Die Marktteilnehmer werden bei ihrer Einschätzung durch die Werturteile der anderen Marktteilnehmer und durch das Marktgeschehen beeinflusst. Man wünscht sich nicht aus dem Nichts heraus ein iPhone, einen bestimmten Computer, eine bestimmte Waschmaschine. Diese Wünsche sind ein Produkt der Waren produzierenden, der kapitalistischen Gesellschaft.

Dass die gesellschaftliche Dimension in der gängigen neoklassischen Theorie ausgeklammert wird, ist kein Zufall. Sie geht von der absoluten Autonomie der Subjekte aus. Der Homo oeconomicus ist souverän in dem Sinne, dass seine Wünsche nur durch ihn selbst bestimmt werden. Er kennt seine Ziele, er ruht in sich. Aber die wirkliche Natur des Wirtschaftssubjekts ist ganz anders. Es ist beeinflussbar, unwissend, voller Zweifel. Es weiß nicht, was es will. Es bewegt sich in einer unsicheren Welt. Wie reagiert es darauf? Es sucht nach Vorbildern. Es beobachtet das Verhalten der anderen, wie sie den Nutzen eines Dings einschätzen. Und es kopiert dieses Verhalten.

Die mimetische Hypothese erlaubt es, das Wirtschaftssubjekt als soziales Wesen zu verstehen. Der Preis ist das Ergebnis einer Vorhersage, die schließlich Wirklichkeit wird, weil alle an sie glauben. Das ist ein Mechanismus, den es in der Warenwirtschaft gibt, vor allem aber auf den Kapital- und Devisenmärkten.

Fuchs: Wenn man dieser Interpretation einer gesellschaftlichen Konstituierung von Wert folgt, gibt es eine andere Interpretationsmöglichkeit für Anomalien im Bereich dessen, was man in den Volkswirtschaften "Grenznutzen" nennt.

Orléan: In der neoklassischen Theorie steht der Nutzen, das heißt die Befriedigung, die ein Gut für den Einzelnen haben kann, von vornherein fest. In diesem Modell antwortet die Warenproduktion auf quasi objektive Bedürfnisse der Marktteilnehmer. Zugleich verringert sich der Nutzen, das heißt der Wert von Produkten, deren Produktionsmenge die Bedürfnisse der Akteure übertrifft. In meinem Modell dagegen werden die Bedürfnisse gesellschaftlich erzeugt. Die Waren haben eine zentrale gesellschaftliche Dimension. Sie dienen der Unterscheidung des einen Individuums von den anderen, sind Instrumente einer permanenten Auseinandersetzung um gesellschaftliche Differenzierung. Das bedeutet, dass ständig neue Bedürfnisse produziert werden müssen, denen neue Objekte entsprechen. Der Grenznutzen nimmt nie ab, sondern immer weiter zu. Der Grenznutzen ist in der Volkswirtschaftslehre definiert als der Nutzen der letzen zur Verfügung stehenden Einheit einer Ware, die den letzten Rest eines Bedürfnisses befriedigt. Die fortgeschrittene Waren produzierende Gesellschaft aber ist auf die Erzeugung immer neuer Bedürfnisse angelegt, sonst kommt sie zum Stillstand. Diese Unendlichkeit der gesellschaftlich erzeugten Bedürfnisse hat die bekannten Folgen für die Ökologie unseres Planeten.

Die gesellschaftliche Erzeugung immer neuer Werte, denen neue Bedürfnisse entsprechen, kann weder die klassische noch die neoklassische Theorie erklären. Einer der Ersten, der das erkannt hat, war der amerikanische Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen mit seiner "Theorie der feinen Leute", in der er beschreibt, was er "Geltungskonsum" nennt. Die mimetische Hypothese und die Vorstellung einer sozialen Konstitution des Wertes erklärt diese ständige Erzeugung von Bedürfnissen und Waren, wie sie für die Waren produzierende Gesellschaft typisch ist.

Fuchs: Wenn wir jetzt noch einmal zurückgehen auf diese "fundamentalistische" Weise den Wert zu verstehen, wie sie die Neoklassik prägt, das heißt als eine tatsächlich objektive Gegebenheit, die mit den Dingen verbunden ist, so erscheint deutlich, dass damit ein bestimmtes Gesellschaftsbild verbunden ist, ein bestimmtes Bild auch der Individuen als wirtschaftliche Akteure. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser neoklassischen Modellbildung und der oft beklagten Atomisierung der Gesellschaft und ihrer Fixierung auf materielle Gegenstände?

Orléan: Der wichtigste Aspekt des Modells, das die neoklassische Theorie von der Gesellschaft entwirft, ist das Gleichgewicht, das sie zeichnet. Alle Akteure sind zufrieden, weil auf allen Märkten die Nachfrage genau dem Angebot entspricht. Es stellt sich ein allgemeines Gleichgewicht ein, mit dem alle Bedürfnisse aller Akteure befriedigt werden. Wir befinden uns in einem gleichsam befriedeten konfliktfreien Wirtschaftssystem. Die neoklassische Theorie rechtfertigt zudem die vorrangige Bedeutung der Beziehung zwischen Individuum und Ware, das heißt die Ideologie des Konsums. Der Ethnologe Louis Dumont führt den westlichen Individualismus darauf zurück, dass die Beziehung des Einzelnen zu den Dingen wichtiger ist als die Beziehung zu anderen Menschen.

Im neoklassischen Modell laufen tatsächlich alle gesellschaftlichen Beziehungen über die Vermittlung durch die Waren. Nur so werden individuelles Glück und sozialer Frieden möglich.

Voraussetzung ist eigenartigerweise die Austauschbarkeit der Gegenstände. Man kann sich eine Orange wünschen, aber auch mit einem Apfel zufrieden sein. Der Homo oeconomicus ist das Gegenteil des Kunstliebhabers, der ein ganz bestimmtes Gemälde besitzen will und kein anderes. Wenn die neoklassischen Wirtschaftssubjekte sich wie Kunstliebhaber verhalten würden, wäre es mit dem Gleichgewicht und dem sozialen Frieden vorbei.

Und noch ein anderer wichtiger Aspekt wird vom neoklassischen Modell ausgeblendet. Es geht im Wirtschaftsgeschehen vor allem ums Geld. Die Waren sind Mittel zur Akkumulation von Liquidität. Das Erstaunlichste für einen Laien ist sicher, dass in der Mainstream Wirtschaftswissenschaft dem Geld überhaupt keine Bedeutung zugemessen wird. Man sieht in ihm ein neutrales Instrument, mit dem der Erwerb nützlicher Gegenstände leichter fällt als beim direkten Tauschhandel. Wir alle wissen aber, dass in der Wirklichkeit das Verlangen nach Geld den alles dominierenden gesellschaftlichen Konflikt darstellt. Es ist also ein gravierender Mangel der neoklassischen Werttheorie, dass sie von der Nützlichkeit der Dinge ausgeht und das Streben nach Geld ausschließt, obwohl dieses doch konstitutiv für die Waren produzierende Gesellschaft ist.

Fuchs: In einem anderen Buch haben Sie sogar von der Gewalt des Geldes gesprochen. Eine archaische Gewalt des Geldes, die verdrängt wird durch dieses neoklassische Modell von objektivierbaren Werten. Wie wirkt sich diese Gewalt in der Wirtschaft und in der Gesellschaft aus?

Orléan: Ich habe diesen Begriff der Gewalt des Geldes eingeführt, weil sich die Beziehungen zwischen den Wirtschaftssubjekten nicht auf dieses distanzierte Kalkül reduzieren lassen. Nach dem Motto ich begehre diese Sache, weil sie mir in dieser Art nützlich sein kann. Es gibt eine Leidenschaft im Wirtschaftsleben, die einen ganz bestimmten Gegenstand begehrt und die sich zur Manie verstärken kann, weil ein anderer ihn besitzt. Diese potenziell gewaltsame Dimension der gesellschaftlichen Beziehungen kann jederzeit zu extremen Reaktionen führen. Das Geld ist in den Waren produzierenden Gesellschaften die Institution, in der sich diese emotionale Energie in konzentriertester Form wiederfindet. Dem entspricht ein Gesellschaftsbild, das nichts mehr mit diesem befriedeten Gleichgewichtszustand der Neoklassik zu tun hat, wo alles in einer gleichsam unterkühlten, emotionsfreien Atmosphäre abläuft. Schließlich ist dort alles austauschbar. Wenn der eine Gegenstand nicht verfügbar ist, lässt sich ein vergleichbarer Nutzen auch mit einem anderen erreichen. Im Kapitalismus dagegen gibt es dieses Verlangen nach dem Geld als Verkörperung der gesellschaftlichen Dynamik. Wir sind fasziniert vom Geld, weil es eine Erscheinungsform gesellschaftlicher Macht ist.

Fuchs: Das heißt, das neoklassische Modell ist Verdrängung der archaischen Gewalt in der Gesellschaft und gleichzeitig aber auch Verdrängung der Unsicherheit, was die Zukunft betrifft?

Orléan: Ja. Und beides ist eng verbunden. Denn es ist die Unsicherheit angesichts der Zukunft, dass man nicht weiß, was sie bringen wird, die uns eine Strategie der Macht aufzwingt. Die Macht des akkumulierten Geldes erlaubt es, sich dem Unbekannten zu stellen, sich immer aufs Neue an unvorhergesehene Umstände anzupassen. Das Geld ist die wichtigste Strategie des Umgangs mit der Unsicherheit. Das bleibt im neoklassischen Wertemodell ausgeblendet. Es geht davon aus, dass die Zukunft immer beschrieben werden kann, dass man zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine Liste möglicher zukünftiger Ereignisse anfertigen kann. Es gibt keine Überraschungen. Das trägt ebenfalls zu diesem eigenartig unterkühlten Gesellschaftsgemälde der Neoklassik bei. Ist es doch die Unsicherheit, die Angst des Arbeitnehmers etwa vor einer ungewissen Zukunft, die das Bedürfnis nach Geld verstärkt. Das Geld ist unter den Bedingungen der nicht befriedeten Gesellschaft ein Instrument der Macht, der Freiheit, der Verfügungsgewalt, der Souveränität par excellence.

Fuchs: Ihr Modell eines mimetischen Entstehens von Wert und die Interpretationen, die wir da angeschlossen haben, passt sehr gut auf die Finanzmärkte. Kann man sagen, dass die Finanzmärkte der Bereich der Wirtschaft sind, in dem dieses am besten funktioniert, am reinsten funktioniert?

Orléan: Tatsächlich sind die Prozesse, auf die es mir ankommt, in der Welt der Finanzmärkte so klar zu erkennen, wie die Nase in der Mitte des Gesichts. Finanzprodukte haben keinen objektiven Wert. Der objektive Wert einer Aktie wäre die Summe zukünftiger Dividenden. Der objektive Wert einer Schuldverschreibung wäre die Summe zukünftiger Zinserträge. Die Zukunft aber ist unbekannt. Es gibt so viele Vorstellungen von der Zukunft, wie es Individuen gibt.

Das ist der Unterschied zur Kritik des neoklassischen Modells, wie sie von Joseph Stiglitz vorgetragen wird. Stiglitz geht von Informationsasymmetrien aus. Die Vorstellung aber, dass manche Marktteilnehmer den wahren Wert einer Aktie kennen und manche eben nicht, setzt voraus, dass es diesen objektiven Wert gibt. In Bezug auf die Subprime-Krise beispielsweise geht Stiglitz davon aus, dass die Verkäufer den wahren Wert ihrer Papiere kannten, nur die Käufer nicht. Für mich gibt es keinen "wahren" Wert. Auch die Verkäufer wussten nicht, was sie da verkauften. Sie kannten die Konstruktion, aber sie konnten den Absturz der Immobilienpreise, den abrupten Anstieg des Zinsniveaus nicht vorhersehen, all die Umstände, die zur Krise führten. Deshalb bin ich skeptisch, wenn mehr Transparenz gefordert wird. Transparenz macht nur Sinn, wenn man das Problem in einer Asymmetrie der Information sieht.

Wie funktioniert die Preisfindung auf den Finanzmärkten? Was für einen Investor zählt, ist der zukünftige Preis. Der wird nicht durch irgendwelche Fundamentaldaten bestimmt, sondern durch die Einschätzung der anderen Markteilnehmer. Das sogenannte "Herding", der Herdentrieb auf diesen Märkten funktioniert durch Nachahmung. Was werden die anderen machen? Wie kann ich die Marktbewegungen vorwegnehmen, bevor die Meute sich in Bewegung setzt? Das sind mimetische Verhaltensweisen. Und es kommt unweigerlich zu sich selbst verstärkenden Übertreibungen in die eine oder andere Richtung, weil der Wert eben Produkt kollektiver Überzeugungen und nicht etwa etwas Substanzielles ist.

Das mimetische Modell gilt, wie wir gesehen haben auch für die Warenwelt. Dort haben sich kollektive Überzeugungen aber in den Vorstellungen einer bestimmten Nützlichkeit einer Ware gleichsam institutionalisiert. Das erlaubt eine gewisse Stabilität dieser Märkte im Sinne des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage. Wenn die Preise für eine Ware steigen, geht die Nachfrage zurück, weil die Käufer versuchen werden, die teure Ware durch eine andere mit vergleichbarem Nutzen zu ersetzen. Das ist das Herzstück der neoklassischen Vorstellung von der stabilisierenden Wirkung der Konkurrenz auf den Märkten. Sie begrenzt den Preisanstieg. Niemand wird eine Waschmaschine kaufen, wenn der Preis doppelt so hoch ist wie der einer vergleichbaren Maschine der Konkurrenz. Die Finanzmärkte funktionieren ganz anders. Wenn der Preis steigt, nimmt die Nachfrage nicht ab. Sie steigt, weil die Konkurrenz auch am Preisanstieg teilhaben will. Wenn der Preis fällt, geht auch die Nachfrage zurück. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage ist außer Kraft gesetzt. Die Instabilität der Finanzmärkte ist also systemisch bedingt. Die Konkurrenz auf diesen Märkten funktioniert ganz anders als auf den Warenmärkten. Sie hat keine stabilisierende Wirkung. Sie verstärkt im Gegenteil die extremen Ausschläge. Als in der Krise die Preise der Hypothekenpapiere in den Keller gingen, wollte niemand sie kaufen. Allein der Ankauf durch die Staaten, durch die Zentralbanken hat einen Kollaps der Preise verhindert.

Fuchs: Um das noch einmal ganz klar zu machen. Wenn man diesem Modell folgt, dieses autoreferenzielle Modell, dieses autoreflexive Modell, muss man sich verabschieden von der Vorstellung, dass die Finanzmärkte eine optimale Verteilung der zur Verfügung stehenden Ressourcen darstellen können.


Orléan: Man kann diesen autoreferenziellen Märkten nicht vertrauen. Sie täuschen sich ständig. Sie zur entscheidenden Instanz in der Wirtschaft zu machen, wie das im gegenwärtigen finanzgesteuerten Kapitalismus geschieht, ist völlig absurd. Die Finanzmärkte über die Verschuldungsraten der verschiedenen europäischen Staaten entscheiden zu lassen, ist schlicht abwegig. Sie mäandern von einer Übertreibung zur anderen. Vor 2007 haben die Finanzmärkte das Risiko der Staatsschulden systematisch falsch eingeschätzt. Sie haben allen Staaten der Eurozone die gleichen Zinsen berechnet. Portugal und Griechenland bewegten sich auf dem gleichen Zinsniveau wie Deutschland oder Frankreich. Heute täuschen sie sich wieder allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Die Zinsen, die Italien heute berechnet werden, sind astronomisch.

Damit kommen wir zu Ausgangsfrage der Verantwortung der Wissenschaft zurück. Die Vorstellung, dass die Konkurrenz auf den Finanzmärkten zur Effizienz führe, dass sie so wie die Konkurrenz auf den Warenmärkten funktioniere, wie die Konkurrenz, die Adam Smith beschreibt, dieses moderne Konzept der effizienten Konkurrenz hat uns in diesen Finanzkapitalismus geführt. Das war die Kernbotschaft der Wirtschaftswissenschaftler in den letzten 20 Jahren, das ist der große Irrtum der wirtschafts- und finanzwissenschaftlichen Theorie.



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