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Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Macht der Gewohnheit23.10.2016

"Ökoroutine" von Michael KopatzDie Macht der Gewohnheit

Eigentlich möchte man ja richtig umweltbewusst leben - aber dann steigt man doch ins Flugzeug, weil die Fernreise zu sehr lockt. Zwar spricht sich die deutsche Bevölkerung für mehr Engagement beim Klimaschutz aus - den Anfang machen jedoch nur wenige. Das möchte Michael Kopatz mit seinem Buch "Ökoroutine - Damit wir tun, was wir für richtig halten" ändern.

Rezension von Dagmar Röhrlich

Hühner in einer Halle auf Todd Chapman's Geflügelfarm in Clermont, Georgia, USA, aufgenommen 2013 (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)
Einem Legehuhn steht heute doppelt so viel Platz zur Verfügung wie 1993. (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)
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Wir wissen inzwischen recht gut, was wir mit der Erde anrichten. Wir haben sogar bemerkt, dass wir durch Klimawandel, Meeresversauerung, Zerstörung von Ökosystemen oder die Ausrottung von Arten so tief in die Regelkreisläufe unseres Planeten eingreifen, dass wir anscheinend zu einem bestimmenden Faktor geworden sind. Und wir wissen, wie wir besser, weil nachhaltiger leben könnten. Wir wollen sogar den Planeten "retten".

Doch wir verhalten uns schizophren: So wünschen sich Befragungen zufolge 80 Prozent der Bürger artgerechte Tierhaltung, doch nur ein Bruchteil dieser Befragten kauft dann auch tatsächlich Fleisch aus dieser Haltung.

Umweltschutz bedeutet meist nicht Verzicht

Um unser Verhalten zu verändern, hat der Sozial- und Umweltwissenschaftler Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut "Ökoroutine" geschrieben: Es geht darum, ökologisches Handeln auf allen Ebenen so selbstverständlich werden zu lassen, wie es heute der Einsatz von Energiesparlampen ist. Weil 95 Prozent unserer Tätigkeiten reine Routine sind, setzt Kopatz auf die Macht der Gewohnheit.

Strukturen, so argumentiert er, lassen sich einfacher verändern als Menschen. Seine Vision: Politik und Wirtschaft entwickeln Richtlinien und Standards, die es jedem Einzelnen ohne Nachdenken ermöglichen, seinen Alltag umweltverträglich zu gestalten. Als Bevormundung sieht er das nicht. Denn Umweltschutz bedeutet meist nicht Verzicht, sondern Umdenken.

Platz für Legehennen hat sich seit 1993 verdoppelt

So liegt in der EU der Stand-by-Verbrauch von Elektrogeräten inzwischen nur noch bei einem halben Watt - früher waren es 30 bis 50 Watt. Beispiel Fleischkonsum. Kopatz will keinen Veggietag vorschreiben, sondern die Bedingungen im Stall verändern - wie es, unbemerkt von den Verbrauchern - in den Legebatterien bereits geschehen ist.

Einem Legehuhn steht heute doppelt so viel Platz zur Verfügung wie 1993. Das ist immerhin eine erste Verbesserung. Möglich ist da noch sehr viel mehr. Würde der von Kopatz vorgeschlagene Weg beschritten, käme das Fleisch in 20 Jahren zu 100 Prozent aus Biohaltung.

Und so formuliert der Autor Handlungsverschläge zu Themen wie Essen, Wohnen, Arbeit, Energie, Konsum, Mobilität. Er denkt über Tempolimits und Obergrenzen für den Luftverkehr nach. Die Geschichte der Zivilisation, erklärt Kopatz, sei eine Geschichte der Fortschreibung von Regeln - und diese Regeln müssen nun in Richtung Nachhaltigkeit verändert werden, um die Natur zu schützen, statt sie zu zerstören. Ein interessantes Buch voller Denkanstöße.

Buchinfo:
Michael Kopatz: "Ökoroutine - Damit wir tun, was wir für richtig halten"
Oekom Verlag München, 416 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-86581-806-5

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