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StartseiteEuropa heuteEine Seilbahn spaltet Tirol03.03.2015

ÖsterreichEine Seilbahn spaltet Tirol

Mehr Naturschutz oder mehr Wintertourismus? Darum geht es bei dem Streit in Tirol um eine geplante Seilbahn. Das Projekt ist zum Politikum geworden: Befürworter der Gondelbahn erhoffen sich dadurch mehr Skitouristen. Gegner bangen um das Naturschutzgebiet Kalkkögel. Nun soll die Politik entscheiden.

Von Elena Singer

Blick auf die Kabinen der längsten Einseilumlaufbahn bei Wildschönau in Tirol, aufgenommen 1986. (picture-alliance / dpa / Jörg Schmitt)
Natur pur oder Ski-Eldorado? Nach aufwendigen Gutachten wird nun der Tiroler Landtag entscheiden, ob es eine Sonderregelung für die Kalkkögel-Seilbahn geben wird, oder nicht. (picture-alliance / dpa / Jörg Schmitt)
Weiterführende Information

Bayern - Ein Grüner im CSU-Kernland
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 02.10.2014)

ÖVP verhindert Absturz in Tirol
(Deutschlandradio, Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts, 28.04.2013)

Wettrüsten auf der Skipiste
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 04.01.2008)

Streit um neue Gletscherskigebiete in Tirol
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 15.06.2004)

Mit einer kleinen Sechser-Ski-Gondel geht es hinauf auf die Schlick, einen Berg von 2200 Metern. In den Gondeln sitzen gut gelaunte Skifahrer. Ihnen bietet sich ein beeindruckendes Panorama: Steile Bergwände, spitz zulaufende, monumentale Felsen. Die Kalkkögel.

"Hier drüben im Kessel drinnen ist die Hochtennscharte und da würde dann die Doppel-Stütze hinkommen. Und genau dieses Gebiet ist dann dieses berüchtigte Naturschutzgebiet."

Fabio Tauderer ist 21 Jahre alt. Er trägt einen akkuraten Kurzhaarschnitt, eine modisch-eckige Brille mit schwarzem Rand, auf seinen Zähnen glänzen die silbernen Drähte seiner Zahnspange. Von Kindesbeinen an hat er hier das Skifahren gelernt, er liebt die Berge, die über seinem Dorf im Tiroler Stubaital in den Himmel ragen. Ginge es nach ihm, sollte dort, über diese imposanten Berge, bald eine weitere Seilbahn führen.

Fabio Tauderer ist Geschäftsführer der Jungen Volkspartei Fulpmes, den jungen Konservativen aus dem Dorf. Seine Eltern besitzen eine Gärtnerei, die indirekt auch vom Tourismus lebt:

"Also die Gegner emotionalisieren sehr stark durch die Naturzerstörung. Und keiner will das hören, dass unser Lebensraum zerstört wird, dass mein Lebensraum selber zerstört wird. Aber, er wird nicht zerstört. Ich glaube es ist für alte Leute, für Familien super, wenn man da mal drüber fahren kann, die wunderschöne Aussicht von da oben zu sehen, wie die Kalkkögel wirklich aussehen, also von Zerstörung glaube ich, dieses Argument kann man sehr leicht entkräftigen."

Per Gesetz darf keine Seilbahn gebaut werden

Oben angekommen zeigt Fabio Tauber die steilen Berghänge der Kalkkögel. Seit den 80er-Jahren sind sie offizielles Ruhegebiet. Das heißt: Per Gesetz darf hier keine Seilbahn gebaut werden. Es ist aber nicht nur die Ruhegebietsverordnung, die den Befürwortern einer Gondelbahn im Weg steht. Auch gegen das Tiroler Naturschutzgesetz und gegen die internationale Alpenkonvention würde die Kalkköhel-Seilbahn verstoßen.

Trotzdem: Eine Seilbahn könnte drei Skigebiete verbinden. Mit mehr Pistenkilometern könnte das Skigebiet attraktiver werden. Denn, wie in vielen Skigebieten, wird es auch hier immer schwieriger, Touristen anzulocken. Die Liftbetreiber, so Fabio Tauderer, sehen das so:

"Die sind alle dafür, weil sie sehen, dass dann der Zug nach vorne wieder da ist. Das ist sicher ein Vorteil und das sehen auch die Skibetreiber ganz massiv hier, die brauchen das auch."

In einer neuen Seilbahn sehen die Befürworter den wirtschaftlichen Heilsbringer der Region. Auf der anderen Seite der Kalkkögel sieht man das nicht so. In dem kleinen Dorf Axams fanden in den 60ern und 70ern die Olympischen Winterspiele statt – doch seitdem ist hier nicht viel passiert. Würde die neue Seilbahn kommen, sollte auch das Skigebiet Axamer Lizum wieder auf den neuesten Stand gebracht werden. Doch: Die Axamer Bevölkerung hat daran kein Interesse. Viele Bewohner pendeln ins nur wenige Kilometer entfernte Innsbruck. Vom Tourismus lebt hier kaum noch jemand. Deshalb wollen die Axamer auch keine neue Seilbahn, die sie Millionen kosten würde.

Mächtige Lobby will Ausnahmeregelung

Für Tom Matzak geht es aber um mehr. Der 29-Jährige lebt in Axams, arbeitet in Innsbruck bei einem Energiekonzern. Er zeigt die Kalkkögel von der anderen Seite. Tom Matzak bleibt stehen und fährt sich mit einer Hand über den blonden Dreitagebart. Er ist Mitglied der Gruppe Pro Kalkkögel, die sich gegen den Bau einer Seilbahn einsetzt:

"Die Seilbahn ist eigentlich nur symptomatisch für das, was hier in der Region passiert, nämlich dass wir an einem Scheideweg stehen, wo wir uns entscheiden müssen, opfern wir alles und jede kleinste verbleibende Fläche für Seilbahnen und Wintertourismus oder muss sich der Wintertourismus in eine neue Richtung bewegen, das ganze wirtschaftliche Gefüge in eine andere Richtung bewegen, das ist ja auch übrigens ein globales Thema und das spiegelt sich hier auch in diesem regionalen Aspekt wider."

Doch die Befürworter der Seilbahn werden von einer mächtigen Lobby unterstützt: Große Tiroler Bauunternehmer und Politiker der konservativen ÖVP wollen eine Ausnahmeregelung schaffen, um die Seilbahn zu bauen. Zwischen 60 und 100 Millionen Euro öffentliche Gelder sollen in das Großprojekt fließen.

Tom Matzak kann sich alternativ einen Naturpark vorstellen: sanften Tourismus, mit Wanderwegen und Rangern, die durch die Kalkkögel führen. Natur pur gegen ein Ski-Eldorado – nach aufwendigen Gutachten wird nun der Tiroler Landtag entscheiden, ob es eine Sonderregelung für die Kalkkögel-Seilbahn geben wird, oder nicht.

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