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StartseiteKommentare und Themen der WocheNaive Fußballer und knallharte Interessenpolitik14.05.2018

Özil, Gündogan und Tosun treffen ErdoganNaive Fußballer und knallharte Interessenpolitik

Die Fußballer Mesut Özil, Ilkay Gündogan und Cenk Tosun haben in London den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan getroffen und mit ihm für Fotos posiert. Eine Dummheit, meint Friedbert Meurer. Mehr Kritik habe aber ein anderer verdient: Die britische Regierung, die Erdogan einen Empfang erster Klasse bot.

Von Friedbert Meurer

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Recep Tayyip Erdogan (2.v.r.), Staatspräsident der Türkei, steht zusammen mit den Premier League Fußballspielern Ilkay Gündogan (l), Mesut Özil (2.v.l.) und Cenk Tosun (r).  (Uncredited / Pool Presdential Press Service / AP / dpa)
Die deutschen Fußball-Spieler Ilkay Gündogan, Mesut Özil, und Cenk Tosun mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan. (Uncredited / Pool Presdential Press Service / AP / dpa)
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Deutsche Fußballspieler haben schon öfters Torheiten begangen. Ein junger Rebell namens Paul Breitner lief gerne mit der Mao-Bibel herum. Mehmet Scholl fand einmal den Spruch witzig: "Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt!" Am dümmsten aber war der DFB selbst, als er 1978 den Kotau vor der argentinischen Militärdiktatur machte und den Alt-Nazi Hans-Ulrich Rudel ins Spielerquartier einlud. 

Auch Ilkay Gündogan, Mezul Özil – zwei Topstars der Premier League – und Cenk Tosun begingen jetzt eine Dummheit, indem sie sich vom türkischen Präsidenten in dessen laufenden Wahlkampf einspannen lassen. Wenn Fußballprofis heutzutage Interviews geben, haben die Vereine ein scharfes Auge darauf. Ein falsches Wort, eine Kritik am Trainer oder den Mitspielern – und schon wird ihnen eine Geldstrafe aufgebrummt. Die Fußballer werden damit glattgebügelt, letztlich wird ihnen ein goldener Maulkorb verpasst.

Es ist unklar, ob die Vereine wussten, was ihre Spieler tun. Vermutlich verstoßen sie aber gegen keinen Paragraphen in ihren Verträgen. Und die UEFA und Fifa sanktionieren politische Äußerungen nur dann, wenn sie sich im Stadion abspielen. Aber war das überhaupt eine politische Äußerung? Vermutlich eher nicht. Die drei Spieler wurden wohl gefragt und hofiert und haben sich dann naiverweise vor Erdogans Karren spannen lassen.

Wahrlich nicht zu beneiden

Vor allem Özil und Gündogan sind aber erfahren genug, um zu wissen, was sie tun. Sie hätten bei der Gelegenheit Erdogan auffordern können, die Freiheit von Presse und Justiz und die Menschenrechte zu achten. Ein Tweet danach hätte genügt. Gerade Özil ist zwar um seine Lage wahrlich nicht zu beneiden. Er kann es weder den Deutschen noch den Türken recht machen. Gerade deswegen hätte er aber besser Erdogan nicht getroffen.

Mehr Kritik hat aber ein anderer verdient: die britische Regierung. Warum gewährt sie dem türkischen Staatspräsidenten einen Empfang erster Klasse, mit Audienz bei der Queen? Die Einladung erfolgte, heißt es, bevor Erdogan Neuwahlen ausrief. Man habe ihn dann nicht wieder ausladen können. Wirklich nicht? Man hätte auf eine Verschiebung drängen können. 

London will aber mit der Türkei ins Geschäft kommen. Und dann ist auch der MI6 an guter Zusammenarbeit mit dem türkischen Geheimdienst interessiert – London führt immerhin Krieg im benachbarten Irak und Syrien. London und Ankara sind sich traditionell relativ nahe. In London war man lange einem Beitritt der Türkei in die EU gewogen, bevor die Brexiteers das Thema entdecken und vor Heerscharen türkischer Migranten warnten. Es geht um knallharte Interessenpolitik. Drei Fußballprofis aus Deutschland sind da schnell unter die Räder geraten.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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