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StartseiteBüchermarktOffener Denkprozess05.06.2011

Offener Denkprozess

Buch der Woche: Raoul Schrott, Arthur Jacobs: "Gehirn und Gedicht". Hanser

Nach Humboldt ist Sprache das Medium des Denkens. Zentrum des Denken ist wiederum das Gehirn. Wenn sich also ein Dichter, Raul Schrott, und der Psychologe Arthur Jacobs zusammentun, um die Beziehung von Dichtung und Hirn zu erkunden, ist das nicht ungewöhnlich, aber ungemein spannend.

Von Angela Gutzeit

Dichter und Denker (Stock.XCHNG / Miranda Knox)
Dichter und Denker (Stock.XCHNG / Miranda Knox)

Der Auftakt zu diesem schon allein vom Umfang her gewaltigen Werk mutet zunächst einmal überraschend defensiv an. Umso metaphernreicher ist das Vokabular, dass der Schriftsteller Raoul Schrott im Vorwort zur Rechtfertigung dieser neuroästhetischen bzw. neuropoetischen Gemeinschaftsstudie mit dem Psychologen Arthur Jacobs aufbietet.

"Dem Dichter unter den beiden Autoren dieses Buches lag immer schon an einer Standortbestimmung seines Tuns. War er wirklich nur ein Sprachorgan in der Dunkelkammer des Denkens? Ein Gedicht Ausdruck des Unsagbaren, jenseits der Schwelle unserer Erkenntnis? Und die Inspiration so unerklärlich wie das plötzliche Aufschrecken einer Taube vor seinem Fenster? Als Skeptiker sah er in solchen allzu üblichen Poetologien eher Obskurantismus; als Handwerker war ihm klar, dass jede gelungene Zeile ein hohes Maß an Sprachfertigkeit voraussetzt; und als Literaturwissenschaftler mühte er sich seinerseits ab, Strophe um Strophe ins Licht zu halten und das prismatische Spektrum unserer Wahrnehmung zu demonstrieren. Dabei war ihm durchaus bewusst, dass die jahrtausendealte Tradition der Poesie kaum noch einen Stellenwert in der Gesellschaft besitzt - obwohl sich ihre Techniken in allen Bereichen menschlicher Äußerung wiederfinden. Das Bedürfnis nach einer Legitimation für diese Art der Tätigkeit drängte sich deshalb auf."

Nun ist die Beschäftigung mit Sinn und Zweck und Verfahren des poetischen Schaffens so alt wie die Poesie selbst. Und auch die Feststellung, Poesie habe keinen Resonanzboden mehr in der Gesellschaft, wirkt etwas abgegriffen, wenn man ihren Ursachen nicht auf den Grund geht, sondern sie nur als Klage ins Feld führt. Kann denn nun gerade die Neurowissenschaft dem Dichter zur Seite springen, um ihm die Wichtigkeit seines Tuns zu bescheinigen? Sind Messungen und sonstige Beobachtungen unserer Gehirnaktivitäten beim Lesen eines Gedichts oder eines Romans in der Lage ästhetischen Genuss zu erklären? Und kann sie beweisen, dass es ein Verlust ist, wenn wir auf diese Betätigung verzichten? Wird von der Neurowissenschaft nicht zu viel erwartet? Ja, gehen wir nicht das Risiko der Entzauberung des Schöpferischen ein, wie der Philosoph Thomas Metzinger kürzlich meinte, wenn wir unser Tun immer umfassender mit neuronalen Reaktionen und Vernetzungen erklären?

Nun ist die Behauptung, er, der Dichter Raoul Schrott suche "Legitimation" für sein Tun natürlich auch ein wenig Koketterie. Der immer etwas zu emphatische Schriftsteller ist sowieso zutiefst davon überzeugt, dass Poesie unverzichtbar, geradezu überlebensnotwendig ist, wie es dieses Buch ja auf jeder seiner 528 Seiten nahelegt. Aber da die Hirnforschung mittlerweile etliche geisteswissenschaftliche Diskurse beeinflusst, kann man diesem vielsprachigen wie sprachinteressierten Autor sein Interesse nicht verdenken.

Warum also nicht die Neurobiologie, die Neuropathologie und Neuropsychologie, die mittlerweile über reichhaltiges Material verfügen, mit ins Boot holen? Es lässt sich vielleicht sogar sagen, dass diese durch empirische Studien erarbeiteten Szenarien zur Funktionsweise unseres Gehirns eine Beschäftigung mit Sprache und poetischen Sprachbildern auf dieser neuen Grundlage geradezu herausfordern.

Es ist ein kluger Schachzug, dass die beiden Autoren dieses Buches, der Schriftsteller Raoul Schrott und der Psychologe Arthur Jacobs zwar wichtige Fragestellungen gemeinsam verfolgen, es aber nicht darauf anlegen, Erklärungsansätze immer zur Deckung bringen. Auf ihrer Suche nach dem Sinn der dichterischen Wortbildung ergänzen sich poetische Phänomenologie und neurologische Empirie, um dann aber auch mal wieder etwas ratlos nebeneinanderzustehen. Überhaupt ist dieses Buch als Essay angelegt - ein offener Denkprozess, dessen zentrale Punkte nicht linear, sondern kreisförmig reflektiert werden, wobei Arthur Jacobs, der sich als Psychologie-Professor bereits seit Langem mit der neurobiologischen Basis der Sprache beschäftigt, das relevante Forschungsmaterial der letzten Jahre in sogenannten Boxen zur Verfügung stellt.

Dieses Material beruht auf Modellbildungen, sogenannten Als-ob-Konstruktionen, auf Versuchsanordnungen wie Messungen von Hirnaktivitäten und immer wieder auf Ergebnissen, die die Untersuchungen von beschädigten Hirnarealen, sogenannten Hirnläsionen zutage gefördert haben. Bestimmten Regionen im Gehirn lassen sich also bestimmte Funktionen zuschreiben und "Hirnaktivitäten in immer realistischeren Umweltsituationen aufzeichnen - sei es beim Musizieren, bei echten sozialen Interaktionen wie Börsenspekulationen am Computer oder bei der Rezeption von Gedichtzeilen in Echtzeit", so die Autoren. Je tiefer man sich in diese Materie hinein begibt, umso deutlicher wird, dass unser Gehirn jedoch keine klar abgrenzbaren Zentren aufweist, zum Beispiel für soziale und sprachliche Aktivitäten, sondern ein gigantisches Netzwerk darstellt, dessen Areale sich in ihren Funktionen ständig überlappen. Forschungen auf diesem Gebiet können daher nur Annäherungen sein - Konstruktionen eines möglichen Ablaufs nach dem Stand heutiger Erkenntnisse.

Um kulturellen Errungenschaften wie Lesen und Schreiben, die Funktion des Dichtens wie das Erfassen von poetischen Sinngestalten auf die Spur zu kommen, können Raoul Schrott und Arthur Jacobs auf evolutionsbiologische Erklärungsmuster nicht verzichten, die ihrerseits natürlich auch wieder Konstruktionen sind, die in ihrer retrospektiven sprachlichen Darstellung Sinn und Folgerichtigkeit erzeugen sollen. Das hört sich dann so an:

"Die Spiegelneuronen bilden die Grundlage dafür, dass wir das Gesicht verziehen, wenn wir sehen, wie sich jemand in den Finger schneidet - sie erlauben generell jene Empathie, mit der wir Handlungen und Gefühle von Artgenossen nachvollziehen. Es ist eine Art virtueller Realitätsschau im Gehirn, bei der wir das simulieren, was wir sehen: eine Form instinktiver Mimesis. Sie löst einen Prozess aus, bei der wir Wahrgenommenes innerlich nachahmen und gewissermaßen imaginär schauspielern - meist, bevor uns noch bewusst wird, was sich da vor unseren Augen abspielt. (...) So wird Visuelles in Motorisches übersetzt, in einem Akt aktiver Simulation, der es letztendlich auch ermöglicht, uns mit derselben Intensität auch in Filme und Bücher einzuleben. (...) Imitation von Mimik führt nicht nur zu einer Empathie, die die Barriere zwischen Ich und Du aufhebt; sie unterstellt auch jedwedem Gegenüber intuitiv Intentionalität. Das andere wird dadurch zu einem Agierenden, dem wir die unterschiedlichsten Vorsätze und Bestrebungen als zielgerichtetes Verhalten zuschreiben."

Der Sinn dieser Ausführungen ist es zu zeigen, dass Imitation und Erkennen von Absichten anderer eine Überlebensnotwendigkeit darstellte, um Feinden durch Flucht oder Angriff zuvorzukommen. Die Identifikationsarbeit des Gehirns wurde dadurch immer mehr verfeinert. Sie vernetzte Codes wie Mimik, Bewegung, Laute miteinander, um sie in Bruchteilen von Sekunden zu einem imaginierten Ablauf zu formen, das heißt, eine möglicherweise eintretende Situation vorwegzunehmen. Die Forschung nimmt nun an - und Raoul Schrott und Arthur Jacobs folgen diesem evolutionsbiologischen Erklärungsmuster -, dass die Gehirnfunktionen, die für diesen Prozess zuständig waren, mit der Zeit okkupiert wurden durch ein sogenanntes "visuelles Wortform-Areal". Eine Art Umformungsprozess muss also wohl stattgefunden haben, der uns dann befähigte, Worte zu identifizieren, ihnen Sinn und Intention zuzuschreiben und uns auf diese Weise schließlich in eine imaginäre, bildhafte Parallelwelt einfühlen zu können. Ein Vorgang, das betonen die Autoren an verschiedenen Stellen, der letztendlich immer auf Körperbewegung und -erfahrung zurückgeht, auf motorisches Erinnerungsvermögen, auf das, was wir "er- und begreifen" können. Die Einfühlung, die "Immersion", zum Beispiel in einen Text, könne soweit gehen, dass beschriebene Bewegungen beim Rezipienten in Muskeltätigkeit übersetzt werden. Arno Schmidt hat in seinem Text "Was soll ich tun?" diese Imitationsleistung auf drollige Weise veranschaulicht.

"Wenn ich vom Helden höre, daß er sich zum Denken anschickt: '... er runzelt die Stirn und preßte die Lippen aufeinander ...' - schon fühlte ich, wie sich mein Gesicht verformt! Das muss vielen so gehen! Morgens, in der Straßenbahn, sieht man deutlich die Verheerungen, die die Schriftsteller unter uns anrichten; wie sie uns ihre Gedankengänge, die verruchtesten Gebärden, aufzuzwingen. Oh, der Zeitungsroman, der Zeitungsroman! Neulich stand mitten im Text die nichtswürdige Wendung: '... er wandte den Kopf, langsam, wie Löwen pflegen ...' - am nächsten Morgen machte die Hälfte der Mitfahrer den Eindruck, als hätten sie Genickstarre; sie blinzelten und schnarchten verächtlich verzögert."

Die Poesie nun kennt dieses Maskenspiel, weiß um die Möglichkeiten der Einfühlung, mit denen sie aber erst zu spielen vermag, seitdem es sie in schriftlicher Form gibt. Distanz zum Zeichen auf dem Papier ermöglicht Reflexion über das eigene Tun und damit Arbeit an Ausdruck und Gestalt. Der österreichische Dichter Reinhard Priessnitz, der im Buch "Gehirn und Gedicht" zitiert wird, hat das in Worte gefasst, die zum Kern von Schrotts und Jacobs poetologischen bzw. neuropoetologischen Ausführungen führen.

"Schreiben wird selbst zum Thema der Dichtung. Dichtung geschieht an dem Punkt, wo Sprache sich umdreht, um über sich selbst zu reflektieren. Zum reflektiven Moment von Sprache kommt dann noch der konstitutive Aspekt. ‚Realität' ist selbst ein Konstrukt, zum Teil aus Sprache gebildet. Obwohl Sprache ein Teil von Realität ist, ist sie nicht zureichendes Mittel, diese Realität voll auszudrücken."

Sprache ist also mit der Unmenge von Reizen, die das Gehirn zu verarbeiten, einzuordnen, mit sensomotorischen Erfahrungswerten abzugleichen und je nach Relevanz abzuspeichern hat, nicht deckungsgleich. Entsprechend unseren Bewegungserfahrungen, die wir als von A nach B wahrnehmen, formt unsere rationale Logik aus der Fülle unserer Wahrnehmungen notwendigerweise ebenfalls lineare Eindeutigkeiten, bildet Schemata, ohne die wir wohl nicht handlungsfähig wären. Hier nun, so das Autoren-Duo, setzt die Poesie an mit einer Art gegenläufigem Bewusstseinserweiterungsprozess:

"Dass diese Grundkonzepte zahlenmäßig beschränkt sind, wird zur raison d'etre der Poesie. Zum einen bereichert sie die Anwendungsmöglichkeiten dieser Schemata, erweitert und elaboriert sie; zum anderen ist sie stets auf der Suche nach neuen Analogien, mit denen sich unser Denkradius ausweiten lässt. Das Neue, das sie aufspürt, wird - wenn es einsichtig ist - zum selbstverständlichen Bestandteil unserer Sprache und unseres Denkens". (...)

"Das Rationale der Logik stellt somit nur einen Versuch dar, a posteriori Eindeutigkeiten zu schaffen und ein statisches Bild der Welt zu erzeugen, das wir so a priori nicht kennen. Die ratio der Poesie hingegen besteht darin, dieses a priori wieder in unser Denken einzubringen und das dynamisch Mehrdeutige dessen zurückzugewinnen, mit dem die Welt uns begegnet und mit dem wir uns zu ihr verhalten."


Wenn die Kognitionsforscher und Neuropsychologen recht haben mit ihrer Erkenntnis, dass der Wahrnehmungsprozess an sich etwas Stimulierendes hat, wenigstens soweit damit Erwartungshaltungen aktiviert werden, dann sind Abweichungen vom Gewohnten und schon Bekannten notwendiges Futter für unser Gehirn. Wird beispielsweise eine Metapher erfolgreich entschlüsselt, sorgt das für Wohlbehagen, war der Aufwand entsprechend unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten zu gering, langweilen wir uns. Offensichtlich eine Grundbedingung für weiteres Lernen und Interesse. Metaphern oder bildhafte Mehrdeutigkeiten sind Grundelemente der Dichtung und von Literatur überhaupt, bestimmen aber auch unsere Alltagssprache, die Schlager, die wir im Radio hören und - in nicht zu unterschätzender Wirkungsweise - die Werbung. Wie wir eine Metapher verstehen, mit welchen Bildern wir sie assoziieren, darauf weisen Raoul Schrott und Arthur Jacobs nachdrücklich hin, ist individuell und kulturell unterschiedlich. Raoul Schrott verwendet in diesem Zusammenhang gern das Bild des Schachbretts, wobei die Natur das Brett zur Verfügung stelle, die Kultur aber über die Art der Spielzüge bestimme. Keineswegs haben wir es in diesem Buch also mit einer biologistischen Argumentation zu tun, die alles auf Gehirnfunktionen reduzieren will.

Wie wir Gedichte erfassen, was uns zuerst anspricht und warum, dahin führen in diesem Buch alle Gedankengänge. Merkwürdig ist allerdings, und das sei hier vorweggenommen, dass die Autoren in ihrer Schlussbetrachtung neuroästhetische Erkenntnisse zu einem Modell verdichten, das "der Einfachheit halber", wie sie schreiben, gar nicht auf Poesie angewendet wird, sondern auf Prosa. "Poesie", so lesen wir verwundert, stelle eine ungleich komprimiertere Art von Text dar; ob und inwieweit ihre Art der Verdichtung den Lesevorgang spezifisch beeinflusse, müsse aber erst experimentell fundiert werden."

Aber trotz dieser etwas überraschenden Einschränkung wird in den vorherigen Kapiteln durchaus interessantes Material ausgebreitet.


Die Gazelle

Gazella Dorcas

Verzauberte: wie kann der Einklang zweier
erwählter Worte je den Reim erreichen,
der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
Aus deiner Stirne steige Laub und Leier,
und alles Deine geht schon im Vergleich
durch Liebeslieder, deren Worte, weich
wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,
sich auf die Augen legen, die er schließt:
um dich zu sehen: hingetragen, als
wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen
und schösse nur nicht ab, solang der Hals

das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden
im Wald die Badende sich unterbricht:
den Waldsee im gewendeten Gesicht.


Dies ist ein Gedicht von Rainer Maria Rilke. Der Zugang zu einem Gedicht, so lesen wir, wird vom Rezipienten immer zuerst über Rhythmus und Reim gesucht. In diesem Fall klappt das auch. Zumindest anfänglich. Ähnliche Klang- und Schriftbilder können aber nicht lange über die inhaltlichen Mehrdeutigkeiten hinwegtäuschen. Warum steigen Laub und Leier aus der Stirn einer Gazelle und was hat das afrikanische Savannentier überhaupt an einem Waldsee zu suchen? Die Verwirrung und nun einsetzende Suche nach Entschlüsselung ist gewollt. Ob ein Gedicht mit ästhetischen Mitteln wie Gleichklängen oder inhaltlichen Mehrdeutigkeiten, mit Unvereinbarkeiten oder mit assoziativen Bedeutungsfeldern spielt, ob es mit Nachsetzungen oder Vertauschungen arbeitet - immer wird damit unser neurologisches Worterfassungsprogramm ausgebremst, das auf das Erwartbare abzielt. Der Blick geht wieder zurück, wir verharren bei einer Zeile, versuchen uns "einen Reim" auf das Gelesene zu machen, eine Assoziationsmaschine kommt in Gang, die abgelagerte Bilder, Erinnerungen, Sinneseindrücke aktiviert, wobei unsere Emotionen eine wichtige Rolle spielen.

Schwieriger kann es werden, wenn zum Beispiel gänzlich auf den Reim verzichtet wird. Ein weiteres Beispiel:


Fußnote zu Rom

"Ich werfe keine Münzen in den Brunnen,
ich will nicht wiederkommen.
Zuviel Abendland,
verdächtig.
Zuviel Welt ausgespart.
Keine Möglichkeit
für Steingärten."


In diesem Gedicht von Günter Eich, so bringen es uns die Autoren nahe, klingen entfernt zwar noch Reime an und syntaktische Parallelismen, aber eine musikalische Struktur wird hier weitgehend verweigert. Das Rezeptionsverfahren verlagert sich nach dieser Erkenntnis nur noch auf den möglichen Zusammenhang der Bilder.
Zuerst konzentriert sich die Wahrnehmung also auf den Klang. Musik wird vom Gehirn schneller verarbeitet als Sprache. Im Gehirn sind ihnen getrennte Areale zugewiesen, die aber aufeinander reagieren, wenn sich entsprechende Stimuli überlappen. Deswegen sind Gedichtvorträge mit engagiertem Stimm- und Körpereinsatz auch viel eingängiger als das "schweigende" Gedicht auf dem Papier, das erst im Kopf wieder sozusagen zum Leben erweckt werden muss. Poesie gründet von ihrem Ursprung her auf Mündlichkeit, Musikalität und rhythmischer Bewegung. Das beschreibt Raoul Schrott ja auch und verweist in diesem Zusammenhang zum Beispiel auf die Lautmalereien und die Vortragskunst der Dadaisten. Was hier nun aber zu kurz kommt, das ist die zeitgenössische Lyrik und Autoren, die sich auf diese Mündlichkeit konzentrieren, sie wiederbelebt haben. Was ist mit Alexander Nitzberg und mit Thomas Kling? Ihre Art des stimmgewaltigen Rezitierens, des Sprechgesangs, wie es besonders Thomas Kling praktizierte, berührt archaische Muster der Vermittlung. Was lösen diese Gedichtgesänge, dieser körpergestützte Vortragsfuror bei uns aus? Wäre es nicht notwendig, dieser mündlichen Form wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken - gerade wenn man beklagt, dass Poesie nicht mehr recht vermittelbar wäre in unserer Gesellschaft?

"Stimuli zu präsentieren, so ist im Buch zu lesen, gehört zu den fundamentalen Anliegen der Poesie" und die Autoren sind sich einig darüber, dass diese Stimuli, werden sie denn aufgegriffen, die Vernetzungen in unserem Gehirn vorantreiben, unser Gedächtnis trainieren, unser Bewusstsein erweitern, unsere soziale Kompetenz erhöhen und unsere Verständnis von Wirklichkeit erweitern.

Aber kommen wir doch noch einmal auf die Klage zurück, dass diese Stimuli offensichtlich zunehmend ins Leere laufen. Die Ursachen dafür werden im Buch "Gehirn und Gedicht" - wie schon gesagt - nicht thematisiert. Der Philosoph Thomas Metzinger, von dem schon einmal am Anfang die Rede war, berichtet über zwei ganz wesentliche Beobachtungen: Erstens, Kinder würden zunehmend unter einer motorischen Verarmung leiden. Was er damit meint, ist wohl unter anderem, dass immer mehr Kindern die natürliche Umwelt fehlt, in der spielerisch Erfahrungen erworben werden können. Wenn es denn nun so ist, wie im Buch von Schrott und Jacobs betont wird, dass unser Wissen auf Körperlichkeit und Bewegung aufbaut, dann verheißt das nichts Gutes. Zweitens, er beobachte seit einigen Jahren, so Metzinger, dass seine Studenten keine längeren Texte mehr lesen könnten. Die Konzentrationsfähigkeit lasse immer mehr nach. Metzinger bringt diese Beobachtung mit den Neuen Medien in Verbindung. Ähnlich argumentiert der amerikanische Wissenschaftspublizist Nicholas Carr, der sich in seinem Buch "Wer bin ich, wenn ich online bin" mit den Erkenntnissen von Neurologen beschäftigt, die festgestellt haben wollen, dass die tägliche Nutzung von Computern, Smartphones o.Ä. das menschliche Gehirn in seiner Struktur verändere. Das Kurzzeitgedächtnis werde aktiviert, was zur geistigen Fitness älterer Menschen beitragen könne, das Langzeitgedächtnis jedoch blockiert und damit der Tiefgang unseres Denkens geschmälert.

Wenn also die Lesekompetenz zunehmend verloren geht, die Versenkung in ein Gedicht, in einen literarischen Text nicht mehr gelingt, wie verändert sich dann die Wahrnehmung von Welt und unser Bild von uns selbst? Helfen uns die komplexen Versuchsanordnungen und Erkenntnisse der Neurowissenschaften zum Thema "Gehirn und Gedicht", wie sie im Buch von Raoul Schrott und Arthur Jacobs ausgebreitet werden, um Gegenstrategien zu entwickeln? Oder überfordert uns die Hirnforschung mit ihrer Fülle von Daten, wie Thomas Metzinger meint, der zu mehr Demut vor unserem Nichtwissen plädiert.

Das Buch von Raoul Schrott und Arthur Jacobs, so komplex es auch ist, lässt viele Fragen offen - zum Teil notwendigerweise und auch ganz bewusst. Raoul Schrott und Arthur Jacobs zeigen so auch immer wieder die Grenzen des heutigen Wissens über die Funktionsweise unseres Gehirns auf. Sie verstehen es aber andererseits auch unser Interesse zu wecken an der Entwicklung, die wir Menschen genommen haben, seit wir lesen und schreiben können. Dazu schärft dieses Buch unser Verständnis für die Machart von Gedichten lässt uns erahnen, warum wir das eine Gedicht spontan verstehen, das andere uns aber Rätsel aufgibt. Außerdem wird uns Eltern unter den lesenden Menschen bestätigt, wie wichtig es ist, Kindern Welten zu öffnen, indem wir ihnen vorlesen. Und das - alles zusammen - ist doch wahrlich nicht wenig.

Raoul Schrott/Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren.
Hanser Verlag. 528 Seiten, 29.90 Euro.

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