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StartseiteBüchermarktOft unscheinbare Situationen14.12.2009

Oft unscheinbare Situationen

Helmut Lange: "Der Abgrund des Endlichen"

1965 verließ der junge Autor Helmut Lange die DDR. Er war knapp 30 und ging in den Westen. Bald geriet er in eine Krise. Er spricht von "freiem Fall", den er selbst erfuhr. In seinen Büchern versucht er den zu bannen - ein Lebensthema.

Von Matthias Kußmann

Langes Bruder wurde tatsächlich in einem Wald ermordet.  (Stock.XCHNG / Gerla Brakkee)
Langes Bruder wurde tatsächlich in einem Wald ermordet. (Stock.XCHNG / Gerla Brakkee)

"Am 30. November 2008 bekam ich folgenden Brief: 'Sehr geehrter Herr', schrieb da jemand, den ich nicht kannte, 'erinnern Sie sich an das Jahr 1948 und an jene Juninacht, in der Ihr Bruder tot im Wald aufgefunden wurde! Nun, ich bin sein Mörder, und ich habe allen Grund, mich Ihnen anzuvertrauen'."

Wenn das kein Anfang für eine Novelle ist! Hier heißt sie "Der Abgrund des Endlichen" und ist die Titel-Novelle aus Hartmut Langes neuem Buch. Sie erzählt, wie es zur Gattung gehört, in kurzer Form eine "unerhörte Begebenheit". Schon der Anfang ist "unerhört" genug, baut Spannung auf - aber Lange erhöht die Spannung noch. Der Mann, der den Bruder tötete und nie gefasst wurde, kommt aus Kanada nach Berlin; 60 Jahre nach der Tat. Der Ich-Erzähler, der anfangs an einen schlechten Scherz glaubt, trifft ihn und erkennt anhand mehrerer Fakten, dass er wirklich der Mörder ist. Der Mann hat sich inzwischen ein neues Leben aufgebaut, doch seine Tat ließ ihn nie los. Er fürchtet, ohne Sühne nicht in Frieden sterben zu können – und richtet eine nun wirklich unerhörte Bitte an die Ich-Figur:

"Auge um Auge, Zahn um Zahn. Sie allein sind verpflichtet, verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen dies in aller Offenheit sage, den Mord an ihrem Bruder zu sühnen."

Der Ich-Erzähler geht darauf nicht ein. Er hält nichts von später Rache und will schon gar nicht selbst zum Mörder werden; außerdem ist die Tat längst verjährt. Aber die Begegnung verstört ihn. Und, das sei verraten: Am Ende der Novelle stirbt der Mann aus Kanada doch.

So unglaublich es klingt: Lange erzählt mit dem Text auch aus seinem eigenen Leben. Den Bruder, der im Wald erschlagen und in einem Bombentrichter verscharrt wurde, gab es wirklich:

"Das ist mein Bruder, er ist mit 18 Jahren ermordet worden, vor 60 Jahren. Die ganzen Fakten in der Novelle sind authentisch. Das einzige, was nicht authentisch ist: Wenn der Mörder auftaucht und gesühnt werden will, das ist eine Sache, die hab ich eingebracht. Aber das ist auch ein Transzendenzentwurf, das ist die Metaphysik an der Novelle."

Die Szenerie ist typisch Lange: Berlin im November, dunkle Tage, Wind und Regen, abgelegene Orte und seltsame Ereignisse: Wir sind mitten im literarischen Kosmos des Autors. Er ist bevölkert von Menschen, die sich in unserem kruden, vernunftbestimmten Alltag nach Metaphysik sehnen, auf Erlösung hoffen, aber nicht erlöst werden. Nirgends eine Stimme "von oben", wie in Goethes "Faust", die "gerettet!" ruft. Von "transzendentaler Obdachlosigkeit" sprach Georg Lukács, und von ihr erzählt Lange. Oft sind es ganz unscheinbare Dinge oder Situationen, denen seine Figuren begegnen – und langsam gerät ihr Leben aus der Spur, werden sie sich selbst und andern fremd.

Lange spricht vom "freien Fall", den er selbst erfuhr und in seinen Büchern zu bannen sucht – ein Lebensthema. 1965 verließ der junge Autor die DDR, mit knapp 30, und ging in den Westen. Bald geriet er in eine Krise:

"Ich hatte den Hegelschen Rationalismus und die Soziallehre von Marx losgelassen und konnte mich nicht mehr halten. Bei mir ist es immer so, dass Lebenshilfen aus der Philosophie kommen. Da fing ich an, Kierkegaard zu lesen und Schopenhauer, und hab dann in Briefen von Nietzsche den "freien Fall", in dem ich mich selber befand, wiedererkannt. So hat man sich langsam zur Existenzphilosophie durchgearbeitet. Diese Art von Irritation, die man dann hat, die "Geworfenheit", die keine Gründe für die eigene Existenz geltend machen kann – das konnte ich dann in meinen Novellen gut ausdrücken.

Aber nicht nur ausdrücken. Das Schreiben geriet ihm zur Therapie:

""Aus der Grundbefindlichkeit, der Existenzangst, kommen Sie ja nicht mehr raus. Freud sagt, der Schriftsteller, Künstler ist ein Selbstheiler, der kann seine existenzielle Umgetriebenheit zur Poetik erheben. Es ist eine Art von Therapie durch Ästhetik."

Lange war eigentlich Dramatiker, fand im Westen aber zur Prosa und, vor allem, zur Novelle. Die Gattung, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine Königsdisziplin war, ist in der aktuellen Literatur fast vergessen. Zu unrecht, wie Lange beweist. Sein Kunstgriff ist es, Irritation und Verlorenheit des modernen Menschen gerade nicht in "moderner", fragmentarischer, irritierender Prosa zu zeigen. Seine Novellen sind perfekt dramaturgisch durchgearbeitet, in sich rund. Alle Orte, die genannt und oft akribisch beschrieben werden, bis hin zu konkreten Straßen und Häusern, hat der Autor zuvor besucht. Seine Sprache ist konzentriert, entschlackt. Manchmal gibt es gewagte Konstruktionen mit Nebensätzen und Einschüben, aber auch sie wirken klar, nicht unnötig verschachtelt. Gerade diese Spannung zwischen beherrschter, quasi "rationaler" Prosa und irrationalem Stoff macht Langes Novellen aus.

"Ich bin unglaublich rationalistisch veranlagt und mache mir Sachen immer begrifflich klar. Bis ich drauf gekommen bin, dass dieses Klarmachen letzen Endes dazu führt, dass man nur erkennt, dass man nichts erkennen kann! Aus dieser "Unerlöstheit" kommt man dann zu so einem Stil. Sie können ein Gespenst nicht poetisch beschreiben, das wird Kitsch. Sie können es nur so beschreiben, dass man glaubt, es gibt keine Gespenster - und dann kommen sie doch."

Die zweite Novelle handelt von einem Lehrer, der im Leben kaum zurechtkommt. Er war verheiratet, erkannte aber seine homosexuelle Neigung und trennte sich von seiner Frau. Danach geht es ihm nicht besser. Er hat flüchtige Affairen, in seiner Wohnung stapelt sich der Müll. Auf dem Areal einer Autowerkstatt entdeckt er eine verfallene Remise aus der Belle Epoque und deren Portalfigur: einen anmutigen Frauenkopf aus Gips. Langsam steigert er sich in den Wahn hinein, die Figur retten zu müssen, die ihm für Schönheit und Kultur steht. Er bringt seine Schüler zur Remise und versucht, sie für die Büste zu begeistern; er geht den Automechanikern auf die Nerven; schließlich versucht er gar bei der Stadt Berlin, die Remise unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Auch in dieser Novelle gibt es keine "Erlösung" für die Hauptfigur. Allerdings merkt der Lehrer, dass er, im Gegensatz zur Büste, zumindest reagieren kann auf die Zumutungen der Zeit:

"Für sie gab es kein Mittel, sich zu trösten oder abzulenken, und wo [er] vielleicht noch die Möglichkeit gehabt hätte, seine gegenwärtige Lage zu überwinden, war sie dazu verurteilt, in ein und derselben Haltung zu verharren, und sie musste, was auch immer sich an ihr vollzog, ohne Widerspruch geschehen lassen.""

Die dritte Novelle ist, bei aller Melancholie, die hoffnungsvollste. Es geht um einen Historiker in Potsdam, der – wie es Hartmut Lange von sich selbst sagt – ein starkes "Transzendenzbedürfnis" hat. Er beschäftigt sich mit Hildegard von Bingen, vor allem mit ihren Antiphonen, religiösen Gesängen. Als er schwer erkrankt, versucht seine Freundin, eine Ärztin, ihm zu helfen. Wieder eine unerhörte Begebenheit: Er lehnt ab:

"Der Historiker beschäftigt sich mit dem Totenreich. Und nur mit dem Totenreich. Also sollte er sich, wenn es so weit ist, nicht weigern, es zu betreten."

"Wenn mich Gott nicht trösten kann, weil ich sicher bin, dass es ihn nicht gibt, dann kann mich vielleicht trösten, dass es ein unendliches Totenreich gibt, an dessen Ufer ich, wenn ich sterbe, landen muss. Da hab ich mir gedacht, wo möcht ich da eigentlich landen? Es hat mich immer beruhigt, wenn ich sagte: Ich möchte das Totenreich da betreten, wo Schubert zuhause ist, weil mich seine Musik so beruhigt und fasziniert. Oder eben bei Hildegard von Bingen, weil das Mittelalter aus Mangel und Not eine direkte Gottesnähe hatte. Aber das sind Transzendenzspiele, die einen nur beruhigen können, die können einen nicht zur Gewissheit führen."

Rationalismus klärt auf, während Metaphysik nur beruhigt – doch was wäre ein Leben ohne Metaphysik? Hartmut Langes großartige, ebenso klare wie dunkle Bücher halten diese Spannung aus.

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