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StartseiteEuropawahl 2014Unterwegs für den Abgeordneten24.05.2014

Ohne Assistenten geht es nichtUnterwegs für den Abgeordneten

Sie treffen Lobbyisten, bereiten die Sitzungen vor – und tragen für den Chef die neuesten Details des Ukraine-Konflikts zusammen. Ohne Assistenten wären die Europaabgeordneten völlig aufgeschmissen. Unterwegs mit der Außenpolitik-Expertin von Alexander Graf Lambsdorff.

Von Katrin Michaelsen

Alexander Graf Lambsdorff beim Bundesparteitag der Liberalen in Dresden.  (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Ohne seine Mitarbeiter hätte er ein Problem: Alexander Graf Lambsdorff (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

In einer der oberen Etagen des Parlamentsgebäudes, im Büro von Alexander Graf  Lambsdorff sind alle hoch konzentriert. Die Assistenten des liberalen Abgeordneten besprechen mit ihrem Chef die Termin-Planung, bevor auch er später runter in den Plenarsaal muss.

Alle sind per Du mit dem Chef: Gabriela, Referentin für Außenpolitik, Büroleiter Kris, Pressereferent Christian und Assistentin Denise. Die Runde hat sich um einen kleinen Tisch verteilt. Kein Kaffee, kein Wasser, nur ausgedrucktes Papier. Gegenüber von Alexander Graf Lambsdorff, mit direktem Blickkontakt, ist Simon zugeschaltet, per Skype und Laptop, platziert im hellbraunen Bücherregal. Koordiniert werden müssen die Wahlkampf-Auftritte des FDP-Spitzenkandidaten in Deutschland sowie das Abgeordneten-Pensum in Brüssel und Straßburg.

Wer kümmert sich um die Termine in der kommenden Woche? Wer bereitet was vor? Darum geht´s.  „Working Group findet aber nicht statt? Oder doch?",  fragt Gabriela Keseberg Dávalos ihren Chef. „Ja wenn ich Working Group schaffe, gehe ich hin, da muss aber einer von euch hin, oder die Praktikanten müssen das covern je nachdem welche Themen da drauf gehen."

Keseberg Dávalos ist eine von über 4.000 Assistenten im Europäischen Parlament. 34 Jahre, Deutsch-Bolivianerin. Lange braune Haare, nur wenig Make-Up. Eine aufgeschlossene Person. Sie ist es gewohnt, für ihren Chef Termine im EU-Parlament zu übernehmen. Das gehört zu ihrem Job als außenpolitische Referentin ohnehin dazu. Jetzt, mitten im Wahlkampf, ist ihr Einsatz mehr denn je gefragt. Recherchieren, Kontakte knüpfen und pflegen, Reden und Presse-Mitteilungen schreiben, das sind ihre Aufgaben.

NGOs treffen für den Chef

„Es gibt bestimmte Themen, die ich immer verfolge. Also Türkei, da muss ich jeden Tag wissen, was da geschieht. Genauso Ukraine, das ist eigentlich gerade komplett überwältigend, das ist aus dem Nichts so ein bisschen herausgekommen und jetzt ist es plötzlich Nummer 1", erzählt sie.  Und dann kümmert sie sich noch um all die arabischen Länder, vom arabischen Frühling.  „Libyen, wo er Wahlbeobachter war. Das ist ihm auch sehr wichtig zu wissen, was weiterhin dort passiert. Und in diese Recherche fließt zum Beispiel mit ein, dass ich Leute treffe, die mit diesen Themen zu tun haben. Aktivisten oder Leute der Zivilgesellschaft oder Leute von Stiftungen, die vor Ort arbeiten. Das versuche ich immer zu tun, wenn die Zeit das auch erlaubt."

 EU Parlament (picture alliance / dpa / Foto: Anthony Picore)Ob Plenum oder Ausschuss: die Vorbereitung erledigt Lambsdorffs Assistentin (picture alliance / dpa / Foto: Anthony Picore)

Und an diesem Nachmittag erlaubt ihre Tagesplanung ein Treffen. Die Teamsitzung ist vorbei, Gabriela Keseberg Dávalos packt Ringbuch und Handy in die Umhängetasche und verlässt das Büro. Sie ist verabredet. Vor dem Parlamentsgebäude, mitten im Europa-Viertel, auf der Place Luxembourg.

Doch der Weg dauert länger als geplant. Polizisten und Stacheldraht sichern das gläserne Parlamentsgebäude vor etwa 200 Demonstranten auf der Mitte des Platzes. Eine Exil-Gruppe aus Ruanda, die für mehr Menschenrechte und gegen Präsident Paul Kagame protestiert, der nur ein paar Straßen weiter zum EU-Afrika-Gipfel geladen ist.

Um Menschenrechte geht es auch bei der Verabredung von Gabriela Keseberg Dávalos. Um den politischen Wandel in den Ländern Nordafrikas. Die Assistentin steuert auf eines der vielen Straßencafés zu. Nimmt Platz auf der Terrasse des Altbaus. Im Schatten, denn die Nachmittagssonne ist stark und blendet. Fruchtsaft und Wasser stehen auf dem Tisch. Ihre Verabredung ist schon da.

Einsatz für die Nachbarschaftspolitik

Emilie Dromzee arbeitet für ein Netzwerk, in dem 80 Menschenrechtsorganisationen aus dem euro-mediterranen Raum kooperieren. Gabriela Keseberg Dávalos möchte von ihr wissen, was die Organisationen von der EU erwarten? Und was Deutschland in der Region tun kann? Neben Frankreich?Emilie Dromzee muss nicht lange überlegen. Deutschland solle seine starke Stimme in der EU nutzen, um die europäische Nachbarschaftspolitik aktiver zu gestalten. Die Referentin macht sich Notizen, blättert das Info-Material durch.

Eine kurze, freundliche Verabschiedung, dann gehen die beiden Frauen wieder ihrer Wege. Der von Gabriela Keseberg Dávalos führt zurück ins Parlament. Auch sie hat einmal für eine NGO gearbeitet, für die International Crisis Group. Die Außenpolitik ist der rote Faden ihrer beruflichen Laufbahn, sagt sie. Doch ihr Weg zur EU war eher untypisch. Anders als die meisten Assistenten, die zunächst ein Praktikum bei der EU-Kommission oder im EU-Parlament absolvieren, hat sie sich direkt bei Alexander Graf Lambsdorff beworben.  „Ich wollte wissen wie es ist, so nah an der Politik zu arbeiten, in dem Bereich Außenpolitik und deswegen habe ich gedacht, dass ist die richtige Person."

Wenig los im Ausschuss-Saal

Alexander Graf Lambsdorff ist der stellvertretende Vorsitzende der liberalen Fraktion im Europa-Parlament. Sein politischer Alltag spielt sich in Arbeitsgruppen ab und vor allem in den Ausschüssen. Dort, wo Gesetze vorbereitet werden, dort wo es gilt, sich tief in die Materie einzuarbeiten, um die parlamentarische Arbeit im Plenum vorzubereiten. Ohne Assistenten wie Gabriela Keseberg Dávalos ginge es nicht.

Der Sitzungs-Saal des Auswärtigen Ausschusses füllt sich erst, als die Abstimmungen anstehen. Zunächst aber geht um die südliche Nachbarschaft der Europäischen Union: um Berichte zur Lage in Ägypten, Tunesien und Libyen.

Die vorderen Reihen der Abgeordneten sind fast leer, die Assistenten in den hinteren Reihen sind in der Überzahl. Keiner von ihnen ist älter als Mitte 30. Gabriela Keseberg Dávalos in grüner Strickjacke mittendrin, Handy und Notizblock wie immer dabei. Der Kontakt zu den Kollegen ist ihre Arbeitsgrundlage: „Wir arbeiten sehr eng zusammen, und zwar arbeite ich fast mehr mit Kollegen außerhalb meines Büros als innerhalb. Wenn es um den Türkei-Bericht geht, arbeite ich eher mit Referenten von anderen Abgeordneten, und mit der liberalen Partei insgesamt, weil die auch die Linie der Partei kennen. Und das ist sehr interessant, denn da lernt man natürlich sehr viele Leute kennen aus anderen Ländern, also das ist wirklich spannend."

Mühsame Kompromiss-Arbeit

Dauert aber auch lange. Wieviel Aufwand und wieviel Zeit erforderlich ist, um Kompromisse zu finden und Gesetze auf den Weg zu bringen, wie lange allein die sogenannten Triloge dauern, die Verhandlungen zwischen dem Parlament, dem Rat und der Kommission, das hat die 34-Jährige am meisten überrascht: „Da geht es um jedes Wort, jedes Komma, um jede Nuance, man kann natürlich sagen, das ist gut, dass man zu einer Einigung kommt, und das ausdiskutiert, andererseits Puh soviel Zeit und so viel Aufwand, um untereinander auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen."

Mit welchen Erwartungen blickt sie auf die Europawahl? „Auf jeden Fall mit  der Furcht, dass wir danach Leute hier im Parlament haben, die dieses Projekt kaputt machen wollen", sagt die Assistentin. Mit Leuten, die eher gegen die europäischen Werte wettern würden.  „Aber auf jeden Fall mit der Hoffnung, dass es noch genügend Stimmen geben wird in diesem Parlament, die wirklich an die europäische Idee glauben, auch an die Werte, die wir vertreten, auch an die Freiheiten, wofür so lange gekämpft wurde in Europa. Ich glaube, dass wird zu oft vergessen."

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