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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Ohne Fisch keine Fischerei und keine Arbeitsplätze"05.02.2013

"Ohne Fisch keine Fischerei und keine Arbeitsplätze"

WWF-Expertin fordert schnelle Reform von Fangmethoden

Es sei wichtig, dass ab 2014 ein Rückwurfverbot von gefangenem Fisch eingeführt werde, sagt Anne Holl. Die Fischereiexpertin von WWF betont, dass zudem selektive Fangmethoden gefördert werden müssten. Sie räumt jedoch ein, dass eine EU-Reform das weltweite Überfischungsproblem nicht lösen werde.

Anne Holl im Gespräch mit Jule Reimer

Das EU-Parlement stimmt am Mittwoch über eine Fischereireform ab (AP)
Das EU-Parlement stimmt am Mittwoch über eine Fischereireform ab (AP)

Jule Reimer: Jeder vierte Fisch, der sich in Netzen verfängt, wird wieder ins Meer geworfen und ist dann meistens tot, schätzt die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO. Eine riesige Verschwendung und eine Gefahr für die Welternährung als solche, warnt ebenfalls die FAO. In der Europäischen Union wurden die Fischfangflotten bisher mit großzügigen Subventionen unterstützt. Das soll sich jetzt ändern mit einer groß angelegten Reform. Über diese müssen die Abgeordneten des Europäischen Parlaments morgen abstimmen. Aber schon heute laufen hitzige Debatten im Parlament.

Ich bin jetzt verbunden mit Anne Holl, Fischereiexpertin bei der Umweltschutzorganisation WWF. Frau Holl, was muss sich aus Ihrer Sicht ändern in der europäischen Fischereipolitik und was plant die EU derzeit?

Anne Holl: Ja guten Tag. Nach 30 Jahren verfehlter EU-Fischereipolitik muss endlich ein Kurswechsel gelingen. Zunächst brauchen wir unbedingt eine gesetzliche Grundlage dafür, dass sich die Fischbestände in der EU endlich erholen können und die Überfischung gestoppt wird. Denn wenn wir jetzt nicht handeln, dann wird es in zehn Jahren nur noch in acht von 136 Beständen möglich sein, dass die nachhaltig befischbar sind. Außerdem, wie Sie ja schon erwähnten, muss die Verschwendung von Fisch dringend gestoppt werden. Das heißt, wir brauchen ein schnell in Kraft tretendes Rückwurfverbot und die Förderung von selektiven Fangmethoden.

Reimer: Welche Maßnahmen plant denn jetzt die Europäische Union, wenn jetzt so auch abgestimmt wird wie vorgeschlagen?

Holl: Wenn so abgestimmt wird, wie jetzt vom EU-Fischereiausschuss vorgeschlagen, dann soll ab 2014 ein Rückwurfverbot in Kraft treten, und das würden wir unbedingt unterstützen. Leider gibt es dennoch von einigen Abgeordneten noch kritische Stimmen, aber wir sind vorsichtig optimistisch, dass das morgen klappen wird.

Reimer: Gibt es weitere Maßnahmen?

Holl: Ja, selektive Fangmethoden sollen gefördert werden und die Flottenfangkapazität soll auch in Einklang mit den Fangmöglichkeiten gebracht werden. Wir haben ja immer noch in einigen Fischereien in der EU eine Überkapazität. In einigen Fischereien ist die Fangkapazität zwei- bis dreimal größer, als es für die Einhaltung der Fischfangquoten geboten wäre. Das heißt, zu viele Fischer jagen immer noch zu wenige Fische. Da plant die EU auch, die Fangkapazitäten in Einklang zu bringen mit den Fangmöglichkeiten.

Reimer: Die EU-Mittelmeerländer sind ja sowieso von einer großen Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit betroffen. Dort gibt es unter anderem große Fangflotten. Ist denen eine solche Reform zumutbar?

Holl: Ja die Situation im Mittelmeer ist tatsächlich dramatisch. Es sieht so aus, dass fast 90 Prozent der Mittelmeerbestände derzeit überfischt sind. Es gibt also dringenden Handlungsbedarf und wir müssen die Überfischung dort stoppen, denn ohne Fische gibt es auch keine Fischerei, keine Fischereiindustrie und auch keine Arbeitsplätze. Eine kurz- bis mittelfristige Verringerung der Fangintensität wird langfristig dafür sorgen, dass sich auch im Mittelmeer die Fischbestände erholen können, und wenn sich die Bestände dort erholt haben werden, wird auch wieder gefischt werden können. Das heißt, es gibt eigentlich gar keine andere Chance im Moment als zu handeln - keine andere Wahl.

Reimer: Wenn das EU-Parlament jetzt für die Reform stimmt, ist sie dann beschlossene Sache?

Holl: Nein, das ist leider noch nicht so. Das EU-Parlament, der Vorschlag vom EU-Parlament greift die wesentlichen Gründe fürs bisherige Versagen des Fischereimanagements in der EU auf und bildet eine wirklich gute Grundlage für eine umfassende Reform. Jedoch wird diese, wenn es morgen verabschiedet wird, noch mit den Fischereiministern und der EU-Kommission noch mal verhandelt werden und wir hoffen, dass dann bis Mitte des Jahres die Reform verabschiedet ist und dass auch die Fischereiminister die guten Vorhaben, die das EU-Parlament jetzt hat, nicht weiter verwässern werden.

Reimer: Was hilft es, wenn die Europäer zukünftig nachhaltig fischen - und die Reform soll ja auch nicht für EU-Gewässer, sondern auch für die EU-Flotten vor den Entwicklungsländern gelten? Was hilft es, wenn die Europäer nachhaltig fischen und die großen asiatischen Fangflotten sich nicht daran halten?

Holl: Das ist eine gute Frage und sicher auch nicht so leicht auflösbar. Zunächst ist es mal wichtig, dass jetzt in der EU tatsächlich diese Reformvorschläge angenommen werden, die da besagen, dass eben EU-Schiffe in Zukunft auch in Nicht-EU-Gewässern sich an die gleichen Regeln halten müssen wie in heimischen Gewässern. Das würde zumindest einen Fortschritt bringen für die EU-Partnerschaftsabkommen. Aber Sie haben natürlich recht, dass weltweit dennoch ein großes Problem weiterhin bestehen bleibt, wenn andere Nationen nicht nachziehen.

Reimer: Vielen Dank! - Das war Anne Holl, Fischereiexpertin bei der Umweltschutzorganisation WWF, derzeit in Straßburg bei der Abstimmung des Europäischen Parlaments.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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