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Ohne Tiefe

Johanna Straub verfehlt ihren eigenen Anspruch

"Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht" ist ein sehr braver Roman. Die Personen haben keine Tiefe, haben nichts Rätselhaftes, nicht Verstörendes an sich. Sie sind einfach langweilig.

Von Simone Hamm

Leidenschaft, gar Obsessionen, Verrat scheinen den Personen im Roman fremd. (Stock.XCHNG)
Leidenschaft, gar Obsessionen, Verrat scheinen den Personen im Roman fremd. (Stock.XCHNG)

"Noch könnte ich. Aufstehen. Die Zeitung zusammenfalten, langsam durch den Raum zum Abfalleimer, die Zeitung hineinwerfen, einen kurzen Moment stehen bleiben. Durch die Glastür, durch den Flur mit seinem Geruch und mit den Schreien, die nach allem klingen, nur nicht nach der schönsten Erfahrung der Welt. Vorbei an der Rezeption, durch die Tür auf den Parkplatz und in den Volkswagen, der dort auf mich wartet. Nicht zu weit raus, den Choke. Mit Fingerspitzengefühl. Mit ruhiger Hand. Komm schon. Er springt sofort an.

Vor dem Haus in der zweiten Reihe stehen lassen, leise an Bertholds Wohnungstür vorbei, frisches Hemd, paar Socken in die Tasche werfen, einen Brief an Susanne schreiben, wenigstens einen Zettel. Oder auch nicht. Sie wird es sowieso nicht verstehen, sie steht unter Hormonen."

Nur ein einziges Mal blitzt er auf, der Traum von einem andern Leben. Minuten vor Philippas Geburt durchdenkt der werdende Vater die Möglichkeiten.

"Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht" heißt Johanna Straubs Roman. " Das Zebra" ist ein sehr braver Roman, streng chronologisch kommt er daher. Die Leser blicken in keinerlei Abgründe. Einzig der Vater scheint manchmal irritiert, unsicher, kann sich noch ein etwas anderes vorstellen als das, was ist. Doch als er dann ein anderes Leben mit einer anderen Frau beginnt, wird es sich von seinem ersten Leben, wird sich die erste von seiner zweiten Ehe nicht großartig unterscheiden. Ansonsten bleibt alles vorhersehbar.

"Das Zebra" ist die Geschichte von Philippa, erzählt von ihrem Vater, ihrer Mutter, der Schwester, von Freunden und Freundinnen und schließlich von ihr selbst: zwölf Kapitel, zwölf Perspektiven. Alle mögen Philippa. Ein pubertierendes Mädchen schwärmt nachgerade von ihr. Die kleine Schwester bleibt immer die kleine Schwester, die hochguckt zu der größeren, ein bisschen neidisch ist auf sie. Philippas Freund ist ein Mann in den besten Jahren, der nicht weiß, ob er Kinder will oder nicht. Eine andere Freundin hat Philippas Freund geküsst und ein schlechtes Gewissen deswegen. Sie erträgt das perfekte Paar eine ganze Autofahrt lang. Dieser Kuss ist die größte mögliche Unaufrichtigkeit in Johanna Straubs Roman.

Die Personen haben keine Tiefe, haben nichts Rätselhaftes, nicht Verstörendes an sich. Leidenschaft, gar Obsessionen, Verrat scheinen ihnen fremd. Sie sind einfach langweilig.

In einem Kapitel kommt Philippa selbst zu Wort. Dass alles um sie herum in Bewegung sei, alles sich stets verändere. Und wie sie dafür gesorgt habe, dass das Netz, das sie hielt, beweglich geblieben sei. Ihr Freund ist überrascht.

"Wem erzählst Du Deine Geheimnisse, fragte er mich, und ich habe ihm geantwortet, ich hätte sie alle gesammelt und für ihn aufgespart."

Und genau daran mangelt es dem Roman. an Geheimnissen, an Tiefgründigem. Und er wirft auch keine Fragen auf. Selbst die Geschichte der Tante, die nach Übersee auswanderte, ohne irgendjemandem einen Grund dafür zu nennen, lässt den Leser seltsam unberührt. Selbst dann noch, als deutlich wird, dass sie als Kind missbraucht wurde und damit nur fertig werden zu glaubte, indem sie für immer aus dem Kreis der Familie verschwand. Blutleer bleibt auch sie. Keine der Personen hat Tiefe.

Dabei gelingen Johanna Straub doch gute Formulierungen. Aber für einen Roman ist das einfach zu wenig.

"Als ich an den Baum herantrete und die Plastikfigur in die Hand nehme, sehe ich die kurze Mähne und erkenne die verblassten Streifen, die fast nicht mehr zu sehen sind, und ich weiß, dass die Geschichte etwas bedeutet, weil es immer etwas gibt, das man sich dazu denken muss, egal, ob es so gewesen ist oder ganz anders."

Ihrem Anspruch, eine bedeutungsvolle, mehrdeutige Geschichte geschrieben zu haben ist Johanna Straub nicht gerecht geworden.

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