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StartseiteBüchermarktOhne viel Worte27.03.2008

Ohne viel Worte

Kürzesttexte von Stanislaw Jerzy Lec

Stanislaw Jerzy Lec gilt als der größte polnische Satiriker. Neben Aphorismen und Epigrammen hat er zwischen 1933 und 1966 mehrere Bände mit poetischen Werken veröffentlicht. Die Möglichkeit, durch Sprache zu wahren Aussagen zu gelangen, beschäftigte ihn sein Leben lang. Lecs philosophische Verwandtschaft zu den Wiener Sprachpositivisten um Ludwig Wittgenstein und zu dem Satiriker Karl Kraus ist dabei unübersehbar.

Von Beatrix Langner

Durch Verdichtung zur Wahrheit (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Durch Verdichtung zur Wahrheit (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Stanislaw Jerzy Lec hätte wohl seinen Spaß gehabt am Ausgang der kürzlichen polnischen Parlamentswahlen. Zwei äußerlich vollkommen identische Männer traten einander sichtlich schlecht gelaunt gegenüber, wobei der eine als Staatspräsident die Demission des andern als Ministerpräsident entgegennahm. "Wer seine Rolle im Leben gefunden hat, sucht sich beizeiten ein Double." Oder: Geteilte Macht ist doppelte Macht. Wie ein Fleisch gewordener Aphorismus des größten polnischen Satirikers präsentierten sich die Zwillingsbrüder Kaczinski zum letzten Mal der Weltöffentlichkeit und illustrierten eindrucksvoll die Auswechselbarkeit politischer Mandatsträger in der modernen Demokratie.

Leider starb Lec bereits 1966 mit 57 Jahren und erlebte auch nicht mehr den Triumphzug der Solidarnosc-Bewegung. In einer wohlhabenden jüdischen Bankiersfamilie in Lemberg/Lwow geboren, musste er als Fünfjähriger mit den Eltern nach Wien flüchten, als der erste Weltkrieg ausbrach. Im nächsten Krieg sperrten ihn die Deutschen in das Konzentrationslager Tarnopol. 1943 von der Sowjetarmee befreit, schließt er sich der polnischen Untergrundarmee an. Mit gemischten Gefühlen erlebt er die Gründung der sozialistischen Volksrepublik Polen unter stalinistischer Vorherrschaft. 1950 sucht er in Israel eine neue, jüdische Existenz, doch seine polnischen Wurzeln treiben ihn nach zwei Jahren zurück nach Warschau. Seine beste Zeit waren wohl die Jahre der Liberalisierung unter Parteichef Wladislaw Gomulka. 1957 erschien die erste Aphorismensammlung seiner "Unfrisierten Gedanken" in Polen.

Neben Aphorismen und Epigrammen hat Lec zwischen 1933 und 1966 mehrere Bände mit poetischen Werken veröffentlicht. Was bei anderen Autoren Gedicht heißt, firmiert für den Kürzestdichter Lec bereits unter "Kleiner Prosa". Verdichtung, Destillation, Skelettierung sprachlicher Ausdrücke sind seine poetischen Verfahren. Der Aphorismus ist die kürzeste Form der Prosa - während man das Epigramm als Kürzestform der Lyrik bezeichnen kann, da es überwiegend als Distichon auftritt, der zweizeiligen Paarung aus je einem Hexameter und Pentameter. Verdichtung zwingt zur Wahrheit. Die Möglichkeit, durch Sprache zu wahren Aussagen zu gelangen, beschäftigte Lec sein Leben lang. Seine philosophische Verwandtschaft zu den Wiener Sprachpositivisten um Ludwig Wittgenstein und zu dem Satiriker Karl Kraus ist unübersehbar.

"Sage mir, worüber ein Volk lacht, und ich sage dir, wofür es sein Blut zu vergießen bereit ist."
Die Polen hatten in den letzten dreihundert Jahren ihrer Geschichte nicht viel zu lachen. Seine geopolitische Lage machte das Land zum Zankapfel zwischen den Großmächten Preußen und Russland, die es je nach Appetit und Geschmack viertelten, halbierten oder gleich im Ganzen verschlangen. Lec erlebte zwei Kriege, zwei Diktaturen, autoritäre und ideologische Verdummung. Das machte ihn vorsichtig. "Auch leere Galgen verraten, dass etwas in der Luft hängt."

Er sah die vielen Gesichter der Unmenschlichkeit; dennoch hielt an seinen hohen Begriffen von Humanität, Freiheit und Wahrheit fest. "Warum ich diese kurzen Scherze schreibe? Weil mir Worte fehlen." Er glaubte an die Vernunft in der Kunst, so fern sie die Menschen von Illusionen befreit. "Die Kunst musste, um realistisch zu werden, den Menschen zunächst entstellen." Unter dem Sozialismus verlegt er sich auf kritische Opposition. Noch glaubt er: "Die Tinte ist ein Zündstoff." Den Funken schlägt er aus verdichteter Wortmaterie, der auch der letzte Tropfen wässriger Lösung entzogen ist.

Lec war ein Philosoph, der statt kühner Gedankengebäude luftige, dreidimensionale Hologramme lieferte. "Auf einem Giraffenhals beginnt sogar der Floh an seine Unsterblichkeit zu glauben." Denksysteme, die den Wahrheitssucher mit Zäunen aus Definitionen umstellen, lagen ihm nicht. "Moral ist eine Sache der Konvention - oder der sofortigen Bezahlung." Er spielte mit Gedanken wie ein Messerwerfer im Zirkus und traf immer. "Es gibt Zebras, die freiwillig hinter Gittern sitzen, um wie weiße Pferde auszusehen."

Es war die Summe seiner Lebenserfahrungen als linker Intellektueller und als polnischer Jude , die Stanislaw Jerzy Lec zum größten Satiriker der polnischen Literatur werden ließ. "Meine größte Seinsfrage ist, warum ich ausgerechnet in diese Jahre eingeplant worden bin, wo doch die ganze Ewigkeit zur Verfügung stand." Die kleinlichen Bürokraten, die Bespitzelung, die allgegenwärtige Zensur, die kulturpolitische Reglementierung der sechziger Jahre waren nicht , was sich Lec vom Sozialismus versprochen hatte. "Die Kultur ist heute unter das Volk gegangen. Wann kommt sie wieder?" Er verspottet die Geheimpolizei. "Spitzel sind keine Egozentriker." Er kritisiert die Willkür der Justiz, die Verfolgung und Verhaftung von Regimegegnern. "Man sollte den Buchstaben des Gesetzes in das Alphabet aufnehmen."

Seine Aphorismen kursierten in Polen wie Wechselgeld. "Die Verfassung eines Staates sollte so sein, dass sie die Verfassung des Bürgers nicht ruiniert." Als Karl Dedecius 1959 die erste Ausgabe der "Unfrisierten Gedanken" in deutscher Übersetzung herausbringt, ist Lec schon berühmt und in aller Munde. "Ist der Aphorismus ein Urteil? Ja, entweder für oder gegen seinen Autor." Nur nicht zu bescheiden: Für den Autor wie für den Übersetzer fällt das Urteil ohnehin glänzend aus. Diese Aphorismen sprechen vor allem ein unbestechliches Urteil über die conditio humana des 20. Jahrhunderts; es ist vernichtend. "Wenn ich ein zweites Mal geboren werde, lass ich mich gleich unter einem falschen Namen eintragen." Wer nicht auf den ersten Blick erschrickt, wie viele der "Unfrisierten Gedanken" im 21. Jahrhundert noch brauchbar sind, sollte sie zweimal lesen.

Stanislaw Jerzy Lec, Sämtliche unfrisierte Gedanken, dazu Prosa und Gedichte, herausgegeben und aus dem Polnischen übertragen von Karl Dedecius, Sanssouci im Carl Hanser Verlag, München 2007, 512 S.

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