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Ohne voreilige Schlüsse

Andres Veiel legt Lehrstück über Gewalt vor

Von Ralph Gerstenberg.

Einwohner von Potzlow trauern während einer Gedenkfeier für den von Rechtsradikalen erschlagenen Marinus Schöberl.
Einwohner von Potzlow trauern während einer Gedenkfeier für den von Rechtsradikalen erschlagenen Marinus Schöberl. (AP Archiv)

Der Psychologe und Regisseur Andres Veiel wollte sich nach einem Mord im Brandenburgischen mit einfachen Antworten nicht begnügen. Viele Monate hat er in Potzlow und Umgebung recherchiert, hat Interviews mit den Tätern geführt, mit ihren Angehörigen und Bekannten gesprochen. Herausgekommen sind ein Theaterstück, ein preisgekrönter Film und nun auch das Buch "Der Kick - ein Lehrstück über Gewalt".

Potzlow sei ein ganz normales Dorf, betont der Bürgermeister in Andres Veiels Buch "Der Kick". Die Einwohnerzahl sei in den Jahren nach der Wende von 500 auf 600 gestiegen, es gebe einen Taubenzüchterverein und eine Freiwillige Feuerwehr. Doch gerade diese scheinbare Normalität war der Grund dafür, dass der Mord an dem 16-jährigen Marinus Schöberl nicht nur wegen seiner entsetzlichen Grausamkeit Fragen aufwarf, denen der Dokumentarfilmer Andres Veiel zunächst mit der Kamera nachgehen wollte.

"Wie kommt es, dass drei junge Leute mit so einer Intensität und Dauer jemand erst über Stunden quälen und dann auf diese Weise umbringen, indem einer auf den Kopf von Marinus springt. Das war die eine Frage, die zweite, die damit zusammenhing: Es gab Zeugen, es gab in der Nacht drei Dorfbewohner, die bei den Quälereien dabei waren, die nicht eingeschritten sind, die auch nicht die Polizei gerufen haben in den nächsten Tagen. Da war ein Anfangsverdacht, der sich so nachher nicht bestätigt hat, aber der Anfangsverdacht war eben da: Es gibt hier im Dorf eine Zone des Mitwissens, des Mitahnens, des Duldens vielleicht sogar. Und das war etwas, was mich noch viel mehr beunruhigt hat."

In Potzlow stieß Andres Veiel zunächst auf eine Mauer des Schweigens. Sein Plan, einen Dokumentarfilm zu drehen, scheiterte an der Gesprächsverweigerung der Dorfbewohner. Gemeinsam mit der Dramaturgin Gesine Schmidt suchte er dennoch den Kontakt zum Umfeld des Opfers und der Mörder und gewann nach und nach sogar das Vertrauen zweier Täter. Insgesamt interviewte Veiel 40 Personen ausführlich. Aus Passagen dieser Interviews sowie aus psychiatrischen Gutachten, Verhörprotokollen, Anklageschriften und Urteilen, montierte er ein Theaterstück, das im Berliner Maxim Gorki Theater aufgeführt und später verfilmt wurde. Nun ist es im ersten Teil des vorliegenden Buches nachzulesen. Darin artikuliert die Mutter des Opfers ihren Unmut nach den Mitleidbekundungen des brandenburgischen Ministerpräsidenten Platzeck.

"Was nützt uns das Mitgefühl? Denken die Leute vielleicht, bloß weil Herr Platzeck da war, dass wir vielleicht unterstützt worden sind oder was? Auf die Besuche hätt ich verzichten können. Da wird so viel Wirbel veranstaltet, so viel Wirbel. Und dann wird man noch als Sozialfall hingestellt. Kam ein Schreiben vom Wohnungsamt. Is ja jetzt einer weniger bei uns, wir leben auf zu viele Quadratmeter, schreiben die, wir ham kein Anrecht mehr auf die Wohnung, sollen uns nach ner anderen umsehen. Ja, und wir können ja nich mal die Beerdigung bezahlen, wir können ja den Grabstein nich bezahlen. Is ´n Deutscher weniger wert als ´n Ausländer?"
"Woher kommen diese Ressentiments gegenüber Ausländern, gegenüber Fremden, gegenüber Menschen, die aus anderen Gründen am Rande stehen, die nicht nur von einer kleinen Gruppe, die rechtsradikales Denken hat, getragen werden, sondern das geht in die Mitte der Gesellschaft? Das ist uns schon bei der Mutter des Opfers aufgefallen, die mit einer Selbstverständlichkeit eben darüber spricht, dass für die Ausländer sehr viel getan wird und für sie als Familie so gut wie gar nichts, sie haben nicht mal Geld für einen Grabstein bekommen, und mussten dann, nachdem Marinus umgebracht wurde, aus der Wohnung raus , das heißt eine Demütigungssituation, eine Unrechtssituation kippt um ins Ressentiment gegen vermeintlich diejenigen, die alimentiert werden, denen es viel besser geht, also sprich in dem Fall die Ausländer."

Im zweiten Teil des Buches nähert sich Andres Veiel auf über 200 Seiten aus verschiedenen Richtungen dem Phänomen der Gewalt, die so schockierend brutal in der brandenburgischen Provinz ausgebrochen ist. Er stellt Fragen und sucht nach Antworten, die ihm meist nicht ausreichen. Also fragt er weiter. Die Textmontage von Dokumentarmaterialien, die Einblicke in die Denk- und Handlungsweise von Tätern und Beteiligten gibt, wird ergänzt durch eine umfassende Analyse des Tatumfeldes. Andres Veiel erzählt die Lebensgeschichte der Täter und des Opfers, er taucht ein in deren familiäres Milieu, rekonstruiert den Tathergang und begnügt sich nicht mit einem flüchtigen Blick hinter die Fassade dieses "ganz normalen" Dorfes, sondern bleibt hartnäckig. So erfährt er in der Sommerhitze bei geschlossenen Fenstern und Türen Dinge, über die in Potzlow seit Jahrzehnten hartnäckig geschwiegen wurde.

"Beispielsweise die Großmutter der Täter, die ist vergewaltigt worden von Russen. Die hat das Kind dann ausgesetzt, das ist gestorben. Der Großvater hat miterleben müssen, wie seine eigenen Eltern stranguliert wurden, die Schwester der Großmutter hat Gift genommen, ist im Winter aufs Eis gegangen und hat sich und die Kinder dann ertränkt, die halb betäubt waren. Der Mann hatte sich erschossen, der war SS-Mitglied bei Kriegsende. Eine Verkettung von Gewalt, die eigentlich schwer erträglich ist. Und die spannende Frage ist: Was passiert damit? Welche Art von Selbstzweifel oder Abwertung oder Scham geht einher mit so einer Gewalterfahrung. Wie gebe ich das weiter an die nächste Generation? Oder wie geben die Kinder der Großeltern das an ihre eigenen Kinder weiter?"

In der Dorfgeschichte der vergangenen 60 Jahre stößt Andres Veiel auf ein Machtkontinuum, das eine Tabuglocke erzeugt hat, unter der Minderwertigkeitsgefühle, Scham und Selbstzweifel gedeihen konnten. Die Nation der ehemaligen Vergewaltiger wurde zur Brudermacht des neuen sozialistischen Staates, der größte Peiniger polnischer Zwangsarbeiter in der Nazidiktatur neuer LPG-Vorsitzender. Über die Verbrechen, die im Nationalsozialismus und nach Kriegsende passiert sind, und die damit verbundenen persönlichen Demütigungen wurde fortan nicht mehr geredet. In den 40 Jahren der SED-Herrschaft wurde eine weitere Zone des Schweigens geschaffen. Unter den knapp 500 Einwohnern von Potzlow gab es 30 Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit.

"Und auch darüber wird bis heute nicht geredet. Tatsache ist, dass in der Großgemeinde ein Bürgermeister sitzt, wo Mitte der 90er Jahre bekannt wurde, er war Inoffizieller Mitarbeiter. Er ist dann als Amtsdirektor erstmal zurückgetreten und dann als Bürgermeister von Seehausen, zunächst, glaube ich, mit 70 und dann sogar mit 80 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Er macht seine Arbeit gut, das soll hier unbestritten sein. Ich denke, trotzdem ist es ein Phänomen, mit welcher Selbstverständlichkeit auch da ein Kontinuum da ist, und das eben nicht drüber geredet wird."

Das Spannende an Andres Veiels Buch ist, dass er immer weiter bohrt, Widersprüche formuliert, neue Perspektiven ausprobiert. Er sucht die Brüche, gleicht seine Thesen mit der Realität ab und betont die Differenzen zu den gängigen Klischees, die sich über das soziale Umfeld rechtsradikaler Straftaten in den Köpfen festgesetzt haben. Psychologische Fragestellungen werden durch soziologische relativiert, so ergibt sich kein vollständiges Bild. Der Leser muss mit seinen eigenen Erfahrung und Gedanken Leerstellen füllen. Für den eruptiven Ausbruch diffuser Gewalt findet er keine monokausalen Erklärungsangebote. Das Buch ist vor allem deshalb so wichtig, weil Andres Veiel die Hintergründe dieses gesellschaftlich brisanten und erschütternden Falles auslotet, ohne nach Politikerart voreilige Schlüsse zu ziehen. Er bietet einen Überblick über seine Überlegungen und Erfahrungen, die ihn bei seiner zweieinhalbjährigen Beschäftigung mit dem Mord in Potzlow beschäftigt haben. Das Klima, in dem die Gewalt explodiert ist, wird in seiner Studie spürbar, weil sie die Denkprozesse und Verdrängungsmechanismen der Protagonisten zum Vorschein bringt. So lautet die Unterzeile des Titels zurecht "Ein Lehrstück über Gewalt".

"Lehrstück begreife ich im Brechtschen Sinne, dass es eben anregen soll zum eigenen Denken, also nicht im klassischen Sinne: Ich habe jetzt eine Lehre, die ich weitergebe und die der Leser begreifen soll, sondern im Gegenteil. Ich begreife meine Arbeit im Buch als Denkabenteuer, weil ich immer wieder Thesen aufstelle, die ich selbst in Frage stelle. Das ist das, was mir an der Arbeit an diesem Buch so großen Spaß gemacht hat, diese permanente neue Herausforderung, und in dem Sinne begreife ich auch diese Unterzeile 'Ein Lehrstück über die Gewalt - Der Kick!'"

Andres Veiel: Der Kick - ein Lehrstück über Gewalt
Deutsche Verlagsanstalt, 285 Seiten, 14,95 Euro



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