Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteBüchermarktOlga Forever18.02.1999

Olga Forever

Der mexikanische Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II, international bekannt durch seine Kriminalromane und eine herausragende Biographie des Ernesto "Che" Guevara, ist 1949 in Spanien geboren, kam jedoch mit acht Jahren nach Mexiko. Sein Vater, der im spanischen Sprachraum nicht minder bekannte Gelehrte Paco Ignacio Taibo I, hatte Franco-Spanien 1958 endgültig den Rücken gekehrt. In dem jetzt in deutscher Übersetzung erschienenen "Olga Forever" betitelten Buch, das zwei Kurzkrimis enthält, ist ein weiteres Mitglied der Familie kennenzulernen, da Taibo II den zweiten Roman mit einer Verszeile aus einem Gedicht seines Bruders, Benito Taibo, überschrieb.

Rosemarie Bollinger

Die Originale der zwei Romane, vom deutschen Verlag als ein Krimi "in zwei Fällen" präsentiert, wurden 1994 und 1995 in Mexiko ediert. Sie entstanden Ende der 80er Jahre und verdanken ihr Entstehen, wie den Vorbemerkungen des Autors zu entnehmen ist, im Wesentlichen seinem selbstkritisch konstatierten "manischen Widerspruchsgeist". Einem unter mehreren hervorstechenden Charakterzügen, die er seiner Tochter im Geiste, Olga Forever, vererbt.

Setzt man seine besagten Geist demonstrierende stetige bissige Gesellschaftskritik als Selbstverständlichkeit voraus, so wirkten sich im Fall der vorliegenden Geschichten zwei Meinungen in besonders folgenschwerer Weise aus. Zum einen die Ausführungen eines Kollegen, der glaubte, Taibo II müsse, in Anbetracht seiner international anwachsenden Leserschaft, nun "universalere Romane" schreiben. Was dazu führte, daß die mexikanische Kapitale nicht mehr nur der Schauplatz, sondern die eigentliche Hauptperson in diesen Texten ist. Zum anderen hatte, so der Autor, "irgend jemand (...) einmal gesagt, daß ich niemals ein Buch mit meiner Frau als Hauptfigur schreiben könnte. Gut, sagte ich mir. Es wird nicht nur eine Frau sein. Sondern eine Frau, die durch und durch eine Provokation ist".

Das Novum im Oeuvre des Paco Ignacio Taibo II heißt Olga Lavanderos. Das ist ein Name, den sie nicht haben wollte. Sie studierte Kommunikationswissenschaften, was sie auch nicht wollte, und wurde Journalistin, was sie unter gar keinen Umständen wollte. Ihr Spitzname dagegen gefällt ihr; so sehr, daß er als Tätowierung eine ihrer Pobacken ziert: "Olga Forever", "umgeben von einer Rose mit immergrünen Blättern". Sie wohnt in einer Hochhaussiedlung, im 26. Stock. Eine "durchgeknallte" Tante und deren vierjähriger Sohn im Nachbar-Appartement sind ihre einzigen Verwandten. Olga ist Waise. Außerdem ist sie 23 Jahre alt, von extrem kleiner Statur, aber mit einem Organ und einem Vokabular ausgestattet, die man vor Erfindung der Waschmaschine den Waschweibern nachsagte. Da die meisten Flüche und Invektiven im spanischen Sprachraum bekanntlich in der Sexualsphäre nisten und Horst Rosenberger sehr nah am Original übersetzt, bietet sich jedem, der möchte, also reichlich Gelegenheit seinen Wortschatz zu erweitern. Auf die Dauer büßt die Ballung von Obszönitäten allerdings an Sprengkraft ein. Selbst wenn man konzertiert, daß Taibos "Olgachen", Moralistin und Romantikerin, als die sie sich entpuppt, die Maskierungen braucht, um in Stadt und Beruf zu überleben. Bei allem ist sie natürlich nicht ungebildet. Betrachtet man die zahllosen reizvollen, oft witzigen Anspielungen aus Musikszene, Film und vor allem der Literatur in den Texten, ist sie vielleicht sogar ein bißchen zu belesen für ihr Alter.

Ein kurzer Blick auf die Inhalte: Der Titel des ersten Romans, "In der Meinung, daß das Schlachtfeld...", ist Trotzki entlehnt, der in der Geschichte der Stadt vermutlich präsenter ist als irgendwo sonst auf der Welt, da er dort Asyl fand und, durch Stalins Häscher, den gewaltsamen Tod. Das Titelzitat im Wortlaut: "In der Meinung, daß das Schlachtfeld ihr gehörte, begann sie, aus ihren eigenen Mitteln heraus zu handeln." Olga Forever arbeitet als Reporterin einer Tageszeitung; einem Revolverblatt, das sinnigerweise den Namen "La Capital", Die Hauptstadt, trägt. Der Kriminalfall, den sie recherchiert und aufklärt: Fünf Tote. Zwei Frauen, drei Männer zwischen 40 und 50; eine Rechtsanwältin, die übrigen Geschäftsleute. Gemeinsam entführt, gefoltert, erschossen, erschlagen. Im zweiten Roman, Olga arbeitet mittlerweile als Kabelschneiderin bei einer Nachrichtenagentur, sind es drei Tote; zwei Männer und eine Frau in etwa dem gleichen Alter, aus denselben Mittelstandskreisen, deren Hände mit nicht abwaschbarer grüner Farbe angemalt sind. In beiden Fällen waren sie als Lebende wenig sympathisch: "Es lagen sehr viel bessere Verstorbene in der Gegend herum. Tote, vor denen man Respekt haben konnte."

Ihre Suche nach den Mördern endet im Polizeipräsidium im ersten und in der Mexikanischen Zentralbank im zweiten Roman. Liest man die Bücher als Radiographien beziehungsweise Portraits von Mexiko-Stadt, kann man die beiden Kriminalfälle als zwei unter den zahllosen verschiedenartigen Verletzungen und Wunden betrachten, die die Züge der Hauptstadt bis zur Monstruosität entstellen. Man erwartet den Alptraum. Und er ist beklemmender als erwartet, im ersten Roman. Völlig unerwartet dagegen ist das Divertimento im zweiten, der, nach Benito Taibo, "Daß alles angeblich unmöglich ist...!" heißt. Das Divertimento ist dem Großväterchen zu danken, das der Autor Olga an die Seite stellt; einer Gestalt, die entscheidende Entwicklungen der mexikanischen Geschichte verkörpert und Taibos große Bewunderung für Alexandre Dumas.

Am Ende läßt aber nicht Dumas, sondern Raymond Chandler herzlich grüßen: Das Großväterchen geht; so plötzlich wie es kam. Die Protagonistin bleibt zurück - traurig, einsam, endgültig. Mit tiefen schwarzen Ringen unter den Augen: "Augenringe(n) der Hoffnung", sagt Olga Forever.

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