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StartseiteEuropa heuteOligarchie vor Demokratie18.01.2006

Oligarchie vor Demokratie

Ein russisches Dorf muss sich Industrieinteressen beugen

Dass ganze Dörfer weichen müssen, um Industrieprojekten Platz zu machen, das kennt man auch aus Deutschland und Westeuropa. Dabei gelten aber die Prinzipien des Rechtsstaates und sei es um den Preis langer Prozesse. Anders in Russland: Hier zählen die individuellen Rechte gemessen an den übergeordneten Interessen des Staates und der Wirtschaft immer noch wenig. Gesine Dornblüth erzählt die Geschichte eines Dorfes am westlichen Ural, dem die Behörden jetzt einfach die Versorgung abschnitten.

Was im ländlichen Ural passiert, interessiert die Politiker wenig.
Was im ländlichen Ural passiert, interessiert die Politiker wenig.

Leonid Suchanov öffnet die Tür zum Stall. Nur drei Schritte sind es von der ofenbeheizten Stube, in der der Rentner mit seiner Frau wohnt, bis zur Behausung des Jungbullen Mischka. Liebevoll tätschelt der alte Mann dessen schwarz-weiß gefleckten Nacken.

Die Wasserstelle ist mehrere hundert Meter entfernt. Bis vor kurzem hatte Suchanov auch noch eine Kuh. Die hat er abgeschafft, wegen der mühsamen Wasserschlepperei. Jetzt muss sich der Bulle Mischka mit der Gesellschaft eines rosaroten Ferkels begnügen.

Leonid Suchanov ist 72 Jahre alt und schon im Dorf Sibirien geboren. Ein Vierteljahrhundert hat er in einer Sodafabrik gearbeitet und währenddessen in einer Werkswohnung gelebt, dann zog es ihn wieder zurück in sein Heimatdorf. In der Stadt müssten sie sich mit ihrer kleinen Rente zu sehr einschränken, sagt Suchanov.

"2000 Rubel kriegen wir. Sie wissen doch, wie teuer Lebensmittel sind. Eine Wurst zum Beispiel. Und ich esse nun mal gern. Vielleicht würden wir in der Stadt über die Runden kommen, aber da müssten wir wohl vor allem Schwarzbrot essen. Wurst ist teuer, Fleisch auch, Fisch auch, alles... "

Deshalb nimmt er auch die Stromausfälle in Kauf. Die seien nicht so schlimm, sagt Suchanovs Frau Evgenija, ihr macht die fehlende Verkehrsanbindung Sorgen. Bis zum nächsten größeren Ort, Berezniki, sind es etwa 18 Kilometer. Die einzige Straße dorthin führt über das Gelände des benachbarten Kalibergwerks, von dort fährt ein Werksbus, den durften die Bewohner bisher kostenlos mitbenutzen. Doch der Wachdienst des Konzerns Uralkali hat angekündigt, die Dorfbewohner nicht mehr auf das Gelände zu lassen. Evgenija Suchanova lächelt zahnlos.

" Gestern war bei der Kantine noch ein Tor offen. Das ist ein Umweg. Im Winter wollen sie auch das Tor schließen. Keine Ahnung, wie wir dann in die Stadt kommen... Ich habe gestern Lebensmittel gekauft, die gibt es ja hier nicht: Brot, Butter, Fisch für die Katze... Und wir holen ja auch unsere Rente in der Stadt ab. "

In der Firmenleitung von "Uralkali" in Berezniki breitet Sergej Diakov die Kopie einer Landkarte von 1965 aus. Diakov ist technischer Direktor des Konzerns und zugleich Abgeordneter des Gebietsparlaments. Das Kaliwerk ist rot eingekreist. Sibirien ist ein grüner Fleck außerhalb. Sie seien niemals für das Dorf verantwortlich gewesen, betont Diakov, deshalb seien sie auch nicht verpflichtet, die Bewohner in irgendeiner Form zu unterstützen. Außerdem gäbe es das Dorf ja gar nicht.

" Wenn Sie von hier zum Werksgelände fahren, dann kommen Sie an mindestens acht Kleingartengenossenschaften vorbei. Worin sollte sich Sibirien von diesen Kleingartengenossenschaften unterscheiden? In nichts! Das ist nicht unser Problem. Wir haben mit diesem Land nichts zu tun und werden das auch künftig nicht. "

Im übrigen, lässt die Konzernleitung wissen, hätten sich die Bewohner von Sibirien gar nicht beschwert. Stimmt nicht, sagt Nikolaj Schibanov, der Dorfvorsteher von Sibirien, und holt einen Stoß Papiere aus einer Klarsichtfolie. Zig Briefe habe er geschrieben. Der 45-jährige bekommt eine Aufwandsentschädigung von der Bezirksstadt. Der entsprechende Ausweis klebt zwischen Pappdeckeln und ist am 04.02.2003 abgestempelt.

" Vorsitzender des Komitees vom Dorf Sibirien. Das hat mir die Stadtverwaltung von Berezniki ausgestellt. Aber dieses Dokument sagt ja zweifellos aus, dass das Dorf existiert und lebt. Ich versuche seit 4 Jahren, etwas für das Dorf zu tun, aber ich schaffe es nicht. "

So fühlt sich der ganze Ort der Behörden- und Firmenwillkür ausgeliefert.

Alle Bewohner von Sibirien sind auf den Werksbus angewiesen, vor allem aber die Ovchinnikovs. Es ist die einzige Familie mit Kindern, die noch in dem Dorf lebt. Drei der fünf Sprößlinge kauern auf einem Bett unter einem alten Pelzmantel.

" Noch nimmt der Bus uns mit. Im Winter werden sie den Schnee auf dem Weg zum Werk nicht räumen. Ich weiß nicht, was wir dann machen. Im Winter gibt es hier heftige Schneestürme. Da kommen wir gar nicht mehr aus unseren Häusern. "

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