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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Oliver Gehrs: Der Spiegel-Komplex. Wie Stefan Aust das Blatt für sich wendete27.06.2005

Oliver Gehrs: Der Spiegel-Komplex. Wie Stefan Aust das Blatt für sich wendete

Verlag Droemer Knaur, München 2005. 334 Seiten, 19,90 Euro

Das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" war über Jahrzehnte ein Unikat in der deutschen Medienszene. Seit Stefan Aust das Regime vor zehn Jahren übernommen hat, wird dem Magazin allerdings zunehmend zeitgeistiger Konformismus vorgeworfen. Oliver Gehrs, selbst einst Spiegelredakteur, hat die Entwicklung des Blattes unter der Herrschaft von Aust in seinem Buch "Der Spiegelkomplex" untersucht.

Von Tom Schimmeck

Stefan Aust, Chefredakteur des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL (AP Archiv)
Stefan Aust, Chefredakteur des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL (AP Archiv)

Woraus besteht die Macht der Presse? Sie klärt auf, lichtet den Wortnebel, debattiert die drängenden Fragen. Im Idealfall deckt sie auf, was Mächtige lieber verschwiegen. Tatsächlich?, werden nun viele fragen, die sich mit ihrer Fernbedienung gelegentlich durch die schrille Fernsehfülle arbeiten oder die kunterbunten Auslagen an ihrem Kiosk inspizieren. Ist der Zweck der allermeisten Medien nicht vielmehr, die Menschenhirne mit trendigem Tralala und Fürstengeflüster zu füllen?

Mag sein. Nur eines galt von Anbeginn der Bundesrepublik als sicher: Der Spiegel wird es aufdecken. Wenn Deutschland montagmorgens zur Tat schritt, war das Magazin schon da und spiegelte manch hässliches Bild. Oft begann dann irgendein Gewichtiger – ein Minister, ein Vorstandsvorsitzender, auch mal ein Gewerkschaftsboss oder Erzbischof – zu stammeln. Der Spiegel wachte über das politische Reinheitsgebot. Wer allzu zwielichtig, dreist oder bigott war oder sich schlicht die Taschen füllte, den stellte er vom Platz. Stolz stilisierte sich das Blatt selbst zum "Sturmgeschütz der Demokratie". Und war es manchmal sogar.

Es ist also mehr als eitler Medienklatsch, wenn sich ein Autor daran macht, Vita und Wesen des Stefan Aust auszuleuchten –jenes Mannes, der dieses wichtigste deutsche Magazin seit zehn Jahren lenkt. Die Aufgabe ist doppelt reizvoll. Zum einen, weil dieses Journalistenleben eng verknüpft ist mit der Republikgeschichte seit 1968. Zum anderen, weil sich der Autor über den Spiegel-Chef Stefan Aust dem geheimvollen Innenleben der Institution Spiegel nähern kann.

Doch die Sache ist auch heikel. Es hat immer einen Beigeschmack, wenn Journalisten über Journalisten schreiben. Man kennt sich ja. Oft viel zu gut. Obendrein hat der inoffizielle Biograf Oliver Gehrs einst selbst beim Blatt gearbeitet. Doch dieser Umstand schadet dem Buch nicht. Im Gegenteil. Man muss wohl eine Weile auf der goldenen Spiegel-Galeere gedient haben, um ihr Innenleben verstehen zu können; muss die Rituale dieser eigentümlichen Burschenschaft am eigenen Leibe erlebt haben – dieser Männer, die sich Wunden zufügen, die sie alsdann stolz herzeigen.

Gehrs führt uns durch ein wildes Leben, schildert uns Austs Nebenrolle bei der Studentenrevolte 1968 wie auch seine Kämpfe mit Ulrike Meinhof beim linken Magazin "konkret". Besonders unterhaltsam gelingt ihm die Beschreibung von Austs journalistischen Pioniertaten bei den "St. Pauli Nachrichten" – jenem Blatt, das Sex und Slogans wild mischte und einen Heiratsmarkt hatte, der unter der Überschrift "Seid nett aufeinander" erschien. Unter dem Pseudonym "Hein" kämpfte Kommentator Aust dort wacker gegen Springer.

"Wer von rechts kommt wie Springer, hat nicht das Recht, Recht zu haben."

Doch dieser Aust war immer verdächtig ordentlich angezogen. Die Kollegen nannten ihn deshalb "die linke Bügelfalte". Die Karriere entwickelte sich schnell. Im Zeitraffer: 1971 kam Aust zum Fernsehen, streifte mit einem NDR-Team durch Hamburg. Er liebte spektakuläre Themen: Die Rote Armee Fraktion, Anti-Atom-Demonstrationen, Hausbesetzungen, Geheimdienst-Stories. Sein Wirken beim Politmagazin "Panorama" erregte Christdemokraten wie Gerhard Stoltenberg aufs Äußerste. 1988 dann der erste Schritt ins Spiegel-Reich. Aust baute im Auftrage Rudolf Augsteins das neue "Spiegel-TV" auf. Später übernahm er gegen heftigen Widerstand der Redaktion auch das Mutterschiff, den "Spiegel". Vereinzelt blitzt in Gehrs Biographie Hochachtung für den tüchtigen Aust und dessen Spürnase auf. Manchmal spekuliert er allerdings allzu schwungvoll über die Sehnsüchte des "kleinen Königs". Die zentrale Frage des Buches aber ist eine hochpolitische: Wie viel haben Charakter und Neigungen des Chefs mit den Wandlungen des Spiegel zu tun? Sehr viel, sagt Autor Gehrs. Und sucht zu erklären, warum dieser "streitbare Journalist", der einst mit viel Elan gegen Atomkraft, die Politik der USA und die Springer-Presse antrat, heute ein Blatt mache, das ein großes Herz für die Wirtschaftskapitäne habe und ein eher kleines für Minderheiten.

Gehrs hat eine freche These dazu. Aust berichtete auch über alles, was irgendwie "links" war. Doch nicht die politische Auseinandersetzung habe ihn gereizt, sondern die Action. Aust habe über Jahrzehnte links agiert, aber wohl nie gedacht. Das Buch sucht diese These mit vielen Geschichten zu belegen, zu zeigen, dass dieser Aust ein Anti-Intellektueller ist, den nicht die politische Debatte reizt, sondern der Lärm. Der wach wird, wenn Rot- oder Blaulicht flackert, wenn Uniformierte aufmarschieren, Terroristen oder Geheimagenten auf den Plan treten.

Nun war der Spiegel auch vor Aust kein linkes Organ. Hans Magnus Enzensberger hat schon vor bald 50 Jahren herausgearbeitet, dass dieses Blatt eigentlich keine Position hat.

"Die Stellung, die es von Fall zu Fall zu beziehen scheint, richtet sich eher nach den Erfordernissen der Story, aus der sie zu erraten ist: als deren Pointe. Sie wird oft wenige Wochen später durch eine andere Geschichte dementiert, weil diese einen anderen ,Aufhänger' verlangt."

Das gilt noch heute. Seit dem Tod des Gründers Rudolf Augstein ist der Spiegel obendrein das wohl einzige Politmagazin der Welt, das ohne eigene Kommentare erscheint. Das heißt: ohne eine klar formulierte Position. Gleichwohl war das Magazin mit seinem respektlosen Rechercheeifer lange "im Zweifel links", wie Augstein einst sagte. Heute hingegen ist es schwer auszumachen, wo der Spiegel eigentlich steht. Umweltbewegte, linke Sozialdemokraten und Gewerkschafter jedenfalls werden montags jetzt verlässlich heruntergeputzt. Die Essenz vieler großer innenpolitischer Artikel scheint oft geradewegs vom Industrieverband zu kommen. Stefan Aust selbst zeigt eine auffällige Schwäche für mächtige Manager.

"Die Redakteure nehmen auf das Faible ihres Chefs für Männer mit großer Brieftasche nobel Rücksicht. Als grobe Arbeitsmaxime gilt, dass man lieber nichts Schlechtes über Menschen schreibt, die mehr verdienen als Aust oder sogar ein eigenes Flugzeug haben. "

Welch ein Wandel. Selbst Austs Nähe zum einst bekämpften Springer-Verlag ist heute groß. Kritik am Kampfblatt "Bild", im "Spiegel" einst Pflicht, kommt kaum mehr vor. Stattdessen findet sich Aust in "Bild"s Klatschspalte. Sein Protegé, der Berliner "Spiegel"-Büroleiter Gabor Steingart, wird auf der Titelseite des Boulvardblattes schon mal als "Gewinner des Tages" gerühmt.

Der Autor dieser kurvenreichen Biographie hat mit vielen gesprochen, auch mit einem widerwilligen Stefan Aust. Aus dem Hause Spiegel aber wollte kaum jemand zitiert werden. Die kritischen Stimmen, bilanziert Gehrs, seien verstummt, das Magazin sei "innen hohl". Nur selten gäbe es noch ein Aufbäumen. Wie etwa im Frühjahr 2004, als eine flotte Titel-Story "Der Windmühlenwahn" erschien – eine höchst einseitige Philippika gegen die Windenergie, angesichts derer selbst frustrationstoleranten Mitarbeitern die Augen überquollen. Im Hause gab es offenen Protest, ein Fachmann kündigte.

Gehrs Buch ist eine flüssig geschriebene Fleißarbeit auf schwierigem Terrain. Denn bei deutschen Chefredakteuren endet die Pressefreiheit meist. Sie wachen über ihr gemeinsames Wohl, wie das sonst wohl nur Chefärzte können. Genüsslich beschreibt Autor Gehrs im Vorwort, wie sich, als er in Sachen Aust zu recherchieren begann, Büroleiter Steingart nach seinen Plänen erkundigte und dann, nach einer dramatischen Kunstpause, den Rat fallen ließ: "Ich würde es nicht machen." - "Es war", notiert Gehrs amüsiert, "ein bisschen wie in dem Film Der Pate."

Tom Schimmeck besprach Der Spiegelkomplex von Oliver Gehrs, erschienen im Droemer Verlag. Es hat 335 Seiten für 19.90 Euro.

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