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StartseiteSport am WochenendeBewerber zuhauf07.06.2014

Olympische Spiele 2024Bewerber zuhauf

Während viele Europäer immer weniger Lust haben, die Mammut-Show auszurichten, flackert in den USA immer wieder eine naive Begeisterung für die olympische Flamme auf. Zahllose Städte wollen die Spiele 2024 ausrichten. Doch unter den Experten mehren sich warnende Stimmen.

Von Jürgen Kalwa

Ein Mann hält die Olympische Flagge und die der USA in die Höhe. (dpa/Friso Gentsch)
Washington, Boston: Nicht wenige Städte wollen, dass die olympische Flagge 2024 in den USA weht. (dpa/Friso Gentsch)

Es ist ein Geist, der Präsidenten beseelt. Egal ob die Mission erfolgreich ist oder nicht. So wie in den sechziger Jahren, als John F. Kennedy dem IOC-Kongress von Baden-Baden die damals noch florierende Automobilmetropole Detroit für die Spiele 1968 ans Herz legte.

"Should Detroit be selected as a result of your deliberations in Baden-Baden I want to assure you of the warmest and most cordial welcome in the United States."

Vor fünf Jahren fand sich der Amtsinhaber sogar persönlich bei der Abstimmung ein. IOC-Präsident Jacques Rogge hieß ihn willkommen.

"It gives me great pleasure to welcome in particular the President of the United States, Barack Obama, and First Lady Michelle Obama."

Die Reise hätte sich das Ehepaar Obama allerdings sparen können. Chicago wurde trotz einer attraktiven Planungsofferte schon früh aus dem Wettbewerb für 2016 gekegelt. Rio de Janeiro gewann.

Solche Nackenschläge wirken in den USA jedoch nie lange nach. Selbst mehrfach abgelehnte Bewerber wie Salt Lake City rappeln sich auf und helfen notfalls mit Schmiergeldern nach. Die andere Seite der Medaille: Sind die Spiele erst einmal vorbei, hinterlassen sie so gut wie keine Fingerabdrücke. Ein gutes Beispiel ist Atlanta. Es war und blieb das gesichtslose und geschichtlose Stadtzentrum, das es schon immer war. An Olympia 1996 erinnern nur noch ein paar läppische Fontänen, die das Wasser im Muster der fünf Ringe in einer kleinen Grünzone namens Centennial Olympic Park aus dem Boden heraussprühen.

Schwungrad für den Lokalpatriotismus

Das passt zu dem Kalkül, das sich in den Vereinigten Staaten mit dem Sportspektakel verbindet. Es ist bestenfalls so etwas wie ein Schwungrad, um für eine kurze Zeit den schläfrigen Lokalpatriotismus anzufeuern, scheinbar unbeleckt von Vorbehalten, die sich allmählich in Europa durchsetzen.

Zwar meldeten sich in den letzten Wochen New York und Philadelphia aus der breit angelegten Vorauswahl des National Olympischen Komitees ab. Aber noch gibt es Städte, die es ernst meinen: Das reicht von Washington über San Diego bis hin zu Boston, Dallas, San Francisco und Los Angeles. Am 10. Juni will das NOK hinter verschlossenen Türen den Pool der Kandidaten auf drei reduzieren, die dann bis 2017 in einem inneramerikanischen Vorab-Wettbewerb an den Plänen feilen werden.

Garantien, dass das diesmal funktioniert, gibt es natürlich nicht. Aber berechtigte Hoffnungen. Das liegt zum einen daran, dass das amerikanische NOK 2012 einen neuen Verteilungsschlüssel der in den USA generierten Sponsoreneinnahmen akzeptierte, der dem Rest der Welt mehr vom Kuchen übrig lässt. Und womöglich auch an der Politik des Fernsehsenders NBC, der im Mai seinen Vertrag über die amerikanischen Übertragungsrechte bis ins Jahr 2032 verlängerte. Für eine Garantiesumme von 7,65 Milliarden Dollar. Angesichts solcher Beträge sollten Heimspiele doch eigentlich zu haben sein. Oder nicht?

Kritische Stimmen auch in den USA

Das hält Professor Victor Matheson von der Universität Holy Cross in Worcester in Massachusetts für unwahrscheinlich. Der namhafte Wirtschaftswissenschaftler, der sich intensiv mit den kommerziellen Aspekten von Sport beschäftigt, sagte in dieser Woche dem Deutschlandfunk:

"Das Geld steckt das IOC ein, ohne irgendeine Verpflichtung, etwas davon an die Bewerberstädte abzugeben oder eine amerikanische Stadt auszuwählen, nur weil soviel Geld aus den USA kommt."

Dass amerikanische Lokalpolitiker die Trommel rühren, wundert Matheson übrigens nicht.

"Bürgermeister lassen sich leicht begeistern. Das gilt aber nicht für den typischen Wähler, der die Rechnung bezahlen muss, wenn die Spiele teuer werden. Zum Beispiel die Bewerbung von Chicago: Die hatte zwar die Unterstützung vom Bürgermeister, vom Gouverneur und sogar Präsident Obama. Aber es ist nicht klar, wie ein Referendum ausgegangen wäre."

Matheson, der in Worcester an der Peripherie von Boston lebt, glaubt, dass amerikanische Wähler genauso desillusioniert und kritisch sind wie die Menschen in Europa. Denn die Realität sieht schließlich so aus:

"Boston und andere Städte wären wunderbare Ausrichter. Leider ist sehr unwahrscheinlich, dass Bewerbungen, die für die Städte wirtschaftlich Sinn machen, gewinnen können. Bewerbungen, die gewinnen können, tragen es bereits in sich, dass sie sich nicht rechnen."

Und Rechnen kann man in Amerika noch immer.

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