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StartseiteSport am WochenendeWie Sotschi sein Gesicht verliert19.01.2014

Olympischer GigantismusWie Sotschi sein Gesicht verliert

Die russische Schwarzmeerstadt Sotschi ist vom 7. Februar an Austragungsort der 22. Olympischen Winterspiele. Die Stadt zieht ihre Bekanntheit eigentlich aus ihrem subtropischen Klima. Doch in Zukunft soll die Stadt sich breiter aufstellen und ganzjährig Touristen anziehen, auch im Winter. Ihr Gesicht hat die Stadt schon verändert.

von Arne Lichtenberg

Spaziergänger gehen über die Strandpromenade des russischen Schwarzmeerkurorts Sotschi, in dem 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden. (picture alliance / dpa / ZB / Jan Woitas)
Spaziergänger gehen über die Strandpromenade des russischen Schwarzmeerkurorts Sotschi (picture alliance / dpa / ZB / Jan Woitas)

Die 54-jährige Tatjana aus Moskau hat es sich mit ihrer Schwiegertochter Liliana auf der Terrasse der "Goldene Ähre" bequem gemacht. Die Temperaturen sind noch angenehm mild für diese Jahreszeit. Ihr Abendessen im bekannten Sanatorium von Sotschi können sie draußen einnehmen. Die beiden sind zum Urlaub ans Schwarze Meer gekommen. Tatjana hat sich damit einen Kindheitstraum erfüllt. "Als ich ein kleines Kind war, sind nicht viele Menschen ins Ausland gereist und da habe ich einen Spruch gehört, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat: Wenn Du Dein ganzes Leben nicht in Sotschi gewesen bist, dann war Dein Leben umsonst."

Noch immer ist Sotschi für viele Russen ein Sehnsuchtsort. Strand, Meer, angenehmes Klima, Berge und das alles an einem Ort vereint. Für viele Einwohner aus Moskau oder St. Petersburg bietet der Kurort das, was sie sonst aus ihrem Alltag nicht kennen. Auch die Sanatorien, in denen Tatjana und Liliana ihren Urlaub verbringen, sind typisch für die Schwarzmeerstadt. Zu Sowjetzeiten gehörten die Sanatorien Betrieben, die ihre Arbeiter zur Erholung nach Sotschi schickten. An diese Zeiten kann sich Hamlet Watjan noch gut erinnern. Schon als zwölfjähriges Kind weilte er mit seinen Eltern zur Kur am Schwarzen Meer. Heute trägt der 65-Jährige die Haare schlohweiß. Er steht an seinem Bürofenster in der "Goldenen Ähre". Von hier aus kann er direkt auf das Meer blicken. Unter ihm auf der Straße "Kurortny Prospekt" schlängelt sich der Verkehr lärmend entlang. Mit leuchtenden Augen erzählt er von der Vergangenheit. Aber wenn er auf die jüngere Entwicklung von Sotschi blickt, wird er ernst. "Sotschi hat den Charakter einer Kurstadt verloren. Früher haben hier 350.000 Menschen gelebt. Das war die optimale Bevölkerungszahl für eine ruhige Kurstadt. Jetzt sind es deutlich mehr. Sotschi hat sich zu einer richtigen Metropole am Schwarzen Meer entwickelt."

Die Besucher kommen eher kürzer, weil vieles teurer geworden ist, sagt Watjan. Man konkurriert jetzt mit anderen Urlaubsstädten in der Türkei oder Spanien. Er habe Sorge, sagt der Direktor des Sanatoriums, dass Sotschi auch in Zukunft noch als Kurort funktionieren werde. Denn die großflächigen Bauarbeiten in der Stadt haben Spuren hinterlassen. "Die Dichte der Bebauung hat deutlich zugenommen. Das spürt man überall. Früher kamen auf jeden Einwohner von Sotschi 150 Quadratmeter Grünfläche, heute sind es nur noch 30 Quadratmeter."

Einige Bewohner der Schwarzmeerstadt haben auch schon über die schlechter gewordene Luftqualität geklagt. Kein Wunder: Viele Autos verstopfen das Stadtzentrum und ihre Abgase verpesten die Luft. Dazu soll der Flughafen der Stadt seine Kapazitäten erhöhen. Zukünftig sollen vier, statt 1,5 Millionen Passagiere abgefertigt werden. Und zu guter Letzt werden die Formel-1-Bollidien ab Herbst 2014 im Olympia-Park ihre Runden drehen. Sotschi eine  Kurstadt? Das will nicht mehr richtig zusammenpassen. Auch das Sanatorium "Goldene Ähre" spürt schon erste Anzeichen davon: Die Gästezahlen in den vergangenen Jahren waren rückläufig. Man hofft, sagt der Sanatoriumsdirektor Watjan, dass sich nach den Spielen, wenn alle Bauarbeiten abgeschlossen sind, alles zum Guten wendet.

Daran glaubt auch Zhanna Grigorjewa. Sie leitet in der Stadtverwaltung die Direktion zur Vorbereitung der Olympischen Spiele. Sotschi werde auch in Zukunft noch als Kurort seine Gäste finden, meint sie. "In den Siebzigern war Sotschi eigentlich eine Rentnerstadt. Es gibt sehr große infrastrukturelle Veränderungen, aber das alles ist nötig, weil die Stadt nun den modernen Anforderungen genügt. In der Stadt Sotschi selbst ist eigentlich alles so bequem und gemütlich geblieben, wie es vorher war." 

Bequem und gemütlich ist es in Krasnaja Poljana in den Bergen des Kaukasus - nur 70 Kilometer von Sotschi entfernt - noch lange nicht. Das Bild prägen Laster, Baufahrzeuge und hektische Betriebsamkeit. Hier ist binnen kürzester Zeit ein ganzes Bergdorf aus dem Boden gestampft worden. Während der Winterspiele finden hier die alpinen Skiwettbewerbe statt. Und außerdem soll hier Russlands erstes Skiresort entstehen, welches internationalen Ansprüchen genügt. Denn in Zukunft soll der Olympiaort noch für etwas anderes bekannt werden: Skifahren und Wintersport. Die Russen sollen nicht mehr ins Ausland in den Skiurlaub reisen müssen, sondern ans Schwarze Meer. Die Reisezeit ist kurz: Schon nach zwei Stunden im Flugzeug landet man aus Moskau in Sotschi und ist nach nur weiteren 30 Minuten Zugfahrt in den Bergen des Kaukasus auf 3000 Metern Höhe. Allein 1,7 Milliarden Euro sind in das neue Skiresort Roza Khutor investiert worden. Jean-Marc Farini ist fest davon überzeugt, dass sich das rechnen wird. Der Franzose verantwortet das neue Skigebiet und sieht enormes Potenzial. "Aktuell gibt es in Russland doch nur zwei bis drei Prozent, die Ski fahren. Im Vergleich dazu gibt es in Europa hingegen 15 bis 20 Prozent. Das Potential ist also sehr groß. Wir machen hier keine verrückten Sachen nur für 15 Tage Olympia. Alles was wir hier planen, macht langfristig Sinn."

140 Millionen Menschen leben in Russland. Jeder Zehnte soll in Zukunft Sotschi als Tourist besuchen. Dafür wird einiges geboten. Der G8-Gipfel steigt im Juni 2014, die Formel 1 folgt im Oktober, der erste große Vergnügungspark Russlands soll im Olympia-Park Besucher anlocken, dazu Spiele des Confederations Cup 2017 und als Krönung die Fußball-WM 2018. Mit der Ruhe wird es also definitiv vorbei sein am Schwarzen Meer. Die Frage ist nur, ob das allen so recht ist.

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