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StartseiteBüchermarktOnkel Jimmy, die Indianer und ich14.02.2002

Onkel Jimmy, die Indianer und ich

Hoffmann & Campe, 255 S., EUR 17,95

Man stelle sich einmal vor, ein junger deutscher Schriftsteller erfindet einen Mann, der sich von Eisbein, Sauerkraut und Bier ernährt, der nach jeder Mahlzeit rülpst und außerdem ständig über Juden und Franzosen herzieht. Man stelle sich außerdem vor, die Leser lieben diese Figur. Undenkbar? Natürlich, undenkbar. Mit einer kleinen geographischen Verschiebung stellt sich die Sache schon anders dar. Artur Becker, ein junger polnischer Schriftsteller, der seit 1985 in Bremen lebt, hat einen solchen Stammtisch-Polen in die Welt gesetzt. Er heißt Onkel Jimmy, er liebt Wodka, Bier und Russenwitze. Dazu Becker:

Tanya Lieske

Onkel Jimmy ist kein Phantasieprodukt. Viele polnische Kollegen, die das Buch gelesen haben, mochten diese Gestalt gar nicht, weil sie sagten, na ja, das ist doch dieser klassische Pole, der nur rumbrüllt, der über alles bestimmen möchte wie alle Politiker. Dieses Im-Wohnzimmer-Rumsitzen und Große- Weltpolitik-Machen, das meine ich damit. Trotzdem muss man diese Gestalt irgendwie mögen. Damit ist Jimmy eine universelle Gestalt, die vielleicht mit Komikern wie der Soldat Schwejk oder Don Quixote zu tun hat.

Mitte der achtziger Jahre wandert Onkel Jimmy aus. Er lässt seinen Heimatort Rothfließ in Masuren und versucht, sich in Kanada eine neue Existenz aufzubauen. Zwei Menschen begleiten ihn. Onkel Jimmys Neffe, er heißt Teofil, ist 17 Jahre alt und träumt davon, Musiker zu werden. Teofil ist außerdem der Ich- Erzähler von Artur Beckers neuem Roman "Onkel Jimmy, die Indianer und Ich". Mit dabei ist auch die schöne Agnes, die sich Kanada bald absetzt, um all das zu tun, was man von dem Auswanderer erwartet, sie lernt Englisch, studiert, heiratet einen Arzt. Jimmy und Teofil verdienen sich mit Gelegenheitsjobs ihr Brot. Sie sind mal Bestattungsunternehmer, mal Musiker oder Fliesenleger. Mit allem, was sie unternehmen, scheitern sie grandios.

Die Realität ist so, es ist im Grunde genommen unendlich schwierig, ein erfolgreicher Emigrant zu sein. Hier wird im Grund genommen auch eine Kritik an dieser Globalisierung betrieben. Es gibt ja auf dieser Erde immer weniger Plätze, wo man hingehen könnte, und wo man erfolgreich werden kann und wo man glücklich wird. Und diese Suche nach dem Paradies wird immer schwieriger.

Onkel Jimmy und Teofil bewegen sich in historischen Umständen, sie verlassen Polen 1984, mit der zweitletzten Auswandererwelle vor dem Mauerfall. Doch geht es Artur Becker um mehr als um ein realistisch anmutendes Emigrantenschicksal. Jimmy und Teofil vergeuden ihre Talente, ihre Zeit und ihr Geld so systematisch, dass sie als Figuren nicht nur komische, sondern auch poetische Momente bekommen.

Etwa zur Mitte des Romans beginnt man zu ahnen, dass sich so hinter Jimmy und Teofil eine Unbehaustheit auftut, die größer ist, als das, was sie gerade erleben. Dafür hat Artur Becker schon in seinem ersten Roman Dadajsee das Motiv der Vatersuche verwendet. Artur Becker, der 1968 in Masuren geboren wurde, und der seine Laufbahn als Lyriker begonnen hat, sieht sich damit in einer Erzähltradition, die beim Argonautenzug der Griechen beginnt, und mit T.S. Eliot noch nicht beendet ist.

Trotzdem, die Vaterfrage blieb, und die wird wahrscheinlich mein Leben lang bleiben, weil ich als Autor auch so eine Art Bastard bin, weil ich keine Sprache habe, in der ich schreibe. Diese Sprache, in der ich schreibe, ist keine deutsche Sprache, in der die ganzen Ingo Schutzes schreiben, das ist etwas ganz anderes. Diese Suche nach dem Vater ist dann später wie bei Thomas Eliot universell geworden. Das heißt, erst mal sucht man nach seinem Vater, dann sucht man nach seinen Wurzeln, dann sucht man nach seiner Historie, dann guckt man metaphysisch. So sind die "Vier Quartette" aufgebaut.

Onkel Jimmy, die Indianer und ich handelt auch von Wurzeln und den Verlust von Heimat - ein Begriff, den Artur Becker überhaupt nicht mag, der sich in der deutschen Sprache aber eben so schlecht ersetzen lässt. Becker verpackt das Thema so gut, dass es eine Weile dauert, bis man es wahrnimmt.

Er hat einen Roman geschrieben, der seinen Lesern verschiedene Benutzeroberflächen bietet. Zuoberst liegen die komödiantischen Episoden, mit denen Jimmy und Teofil, später auch ihre Freunde, die Indianer Chuck und Babyface, ihren Alltag ausstaffieren. Darunter die ins absurde gewendete Heldensage, der Mythos vom Auszug, den zu bestehenden Prüfungen und schließlich der Rückkehr des Helden. Im Zentrum des Romans trifft man auf die Feststellung, dass der Mensch, wo immer er ist, sich fragen wird, woher er denn eigentlich kommt. Becker legt dem Leser zur Halbzeit einen Köder aus, der ihn auf die Fährte führen soll. Es handelt sich um ein Foto, das Teofil immer bei sich trägt:

Die Indianer sahen sich das Foto an. "Das ist mein deutscher Opa. Glaube ich zumindest, sicher bin ich mir aber nicht", erklärte ich. "Ich dachte, du bist Pole", sagte Big Apple. "Ich bin da auch schon ganz durcheinander", sagte Jimmy. "Niemand weiß ganz genau, wie das damals alles so war! Immerhin hat Teofil ein Foto von seinem Opa, einem echten Wehrmachtssoldaten. Diese Pappnase soll sogar neununddreißig die polnische Grenzschranke durchgesägt haben. Schöne Verwandtschaft!" Chuck sagte: "Ist doch egal! Aber wenigstens kann sich Teo ungefähr vorstellen, wie sein Alter ausgesehen hat" Wenn man es nicht längst wüsste, dann wäre spätestens jetzt klar, dass Teofil zurück muss in das Land, das die Vorväter erobert, und das die Väter zugrunde gewirtschaftet haben. Allerdings muss bis dahin noch einiges an Erzählzeit vergehen. Artur Becker füllt diese Zeit mit weiteren Reisen. Er schickt zunächst Teofil und Chuck nach Calgary, dann die ganze Mannschaft in die Rocky Mountains.

Dieses Road Movie im Buch dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass Artur Becker sich eher der amerikanischen als der deutschen Erzähltradition verpflichtet fühlt. Am Ende ihrer Fahrt landen Jimmy und seine Freunde in einem esoterischen Zentrum für Heilkunde in den Rocky Mountains, doch die rechte Erleuchtung will sich nicht einstellen, auch nicht bei dem Leser, der sich wünscht, man käme endlich zur Sache.

Als es dann so weit ist, sind neun Jahre vergangen. Die Mauer ist gefallen. Jimmy und Teofil stehen wieder am Bahnhof in Rothfließ, viel mehr als eine Plastiktüte mit einigen Souvenirs haben sie nicht dabei. Diese Passagen, die der Rückkehr der Auswanderer gewidmet sind, sind mit Abstand die intensivsten des Romans. Vielleicht gerade darum, weil keiner so genau weiß, warum Jimmy und Teofil eigentlich gegangen, und warum sie zurückgekommen sind:

Gestern Nacht also, nachdem Jimmy Koronko einen Schluck Mineralwasser getrunken hatte, um in aller Unbekümmertheit seinen Nachdurst zu stillen, griff er wieder zu seinem Notizblock, sagte mir, dass er sich vor ein paar Tagen etwas aufgeschrieben hätte, was klar und unmissverständlich unsere Reise nach Roth fließ definierte: "Zigaretten sind zwar in Polen billiger, aber der kleine Mann auf der Straße zieht immer noch den Kürzeren, wie unsere Indianer in Amerika, und ob die Kommunisten heute Kapitalisten heißen, spielt auch keine Rolle.

Artur Becker, ein betont unprätentiöser und lakonischer Erzähler, hat sich schon vor einiger Zeit entschieden, auf deutsch zu schreiben und zu publizieren. Man kann dies nur begrüßen, denn sein neuer Roman stellt eine Bereicherung dar. Becker setzt seinen Humor dort ein, wo andere junge Autoren gern ins Grübeln geraten, bei der Politik und der Metaphysik. Er fügt dem literarischen Kanon der Gegenwart die Themen der Emigration, des Verlusts und der Suche nach den Wurzeln hinzu. Und er zeigt mit der Figur des Onkel Jimmy, wie unterhaltsam ein wenig Folklore doch sein kann.

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