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StartseiteSprechstundeBegrenzte Hilfe aus dem Netz09.02.2016

Online-TherapieBegrenzte Hilfe aus dem Netz

Einige Krankenkassen übernehmen inzwischen die Kosten für eine Online-Psychotherapie. Das heißt, der Praxisbesuch entfällt, alles wird via Bildschirm abgewickelt. Manchmal kommuniziert der Patient auch nur mit einem Programm, das vorgefertigte Textbausteine liefert. Bei einer Raucherentwöhnung mag das klappen, eine klassische Therapie ersetzt das nicht.

Von Wolfgang Noelke

Eine Person tippt auf der Tastatur eines Laptop Computers. (imago / Jochen Tack)
Eine Person tippt auf der Tastatur eines Laptop Computers. (imago / Jochen Tack)

Vollautomatische Onlineangebote, die von einigen Krankenkassen inzwischen finanziert würden, seien als Ersatz für eine echte Therapie ungeeignet, kritisiert Dr. Peter Tossmann, bei der Psychotherapeutenkammer Berlin zuständig für Berufsordnung, Ethik, Wissenschaft und Qualität:

"Ich glaube, das größte Problem, mit dem, was die Kassen jetzt machen mit diesen vollautomatischen Programmen, ist tatsächlich, es wird eine Scheinlösung herbeigeführt, dass Menschen die eigentlich eine psychotherapeutische Behandlung brauchen, dass diese Menschen in Selbsthilfe-Programme geleitet werden, mit denen die Mehrzahl dieser Menschen überfordert sind, weil es nicht eine adäquate Behandlung ist. Darin sehe ich eigentlich das größte Problem."

Dessen Ursache vor allem die Wartezeit auf eine Psychotherapie ist, die auch in dicht besiedelten Gebieten schon mal vier Monate betragen kann. Für den Entscheidungsprozess, so Peter Tossmann wären auch automatisierte Online-Programme geeignet, denn der Therapieerfolg hängt ab vom eigenen Wunsch der Patienten:

Leichter Einstieg in die Therapie

"Das Internet ist natürlich wunderbar geeignet, ambivalente Patienten aufzunehmen. Ambivalent heißt in dem Fall, ich weiß, das ist nicht ganz in Ordnung was mich da kümmert, aber ich bin mir nicht ganz sicher ob ich wirklich eine Psychotherapie brauche oder ob ich es nicht wirklich anders hinkriege. Und genau die Menschen, die würden auch wahrscheinlich zu dieser Zeit nicht in einer psychotherapeutischen Praxis auflaufen, sondern die suchen erst mal im Internet. Und für die Menschen ist es durchaus eine Hilfe, erst mal so ein Prozess der Klärung - was ist damit mehr? - und wie kann ich mir da vielleicht auch selbst helfen - und wie kann ich die Probleme die ich selbst habe lösen? - und meistens ist es so, dass die danach dann sagen, okay ich habe jetzt verstanden, dass ich doch eine Psychotherapie brauche."

Dann wären Programme notwendig, die wenigstens eine Kommunikation von Mensch zu Mensch gestatten:

"Chat-Kommunikation mit der Therapeutin in Echtzeit, also genauso wie wenn Sie einen Termin beim Zahnarzt haben, um 17:00 Uhr verabredet und treffen sich in einem Chatraum, entweder textbasiert oder per Video und kommen da eine Stunde in Kontakt. Das ist natürlich eine Möglichkeit, die man in diesen vollautomatischen Programmen bei Weitem nicht. Hoch individuell! Der zweite Vorteil besteht darin: Die strukturierten Programme bestehen ja meistens aus Tagebüchern und Übungen, wo Protokolle verfasst werden, beispielsweise bei Depressionen geht es darum, Gedankenprotokolle zu schreiben, Ressourcenaktivierung zu betreiben - immer mit dem Wissen, meine Therapeutin wird das Lesen und wird mir dazu eine Rückmeldung schreiben. Da stehe ich im Kontakt mit der Therapeutin. Und das ist eine Ausstattung eines Programms, das bietet das vollautomatische Programm, wo eigentlich nur eine Datenbank dahinter sitzt natürlich nicht, weil da die Individualität fehlt und der persönliche Kontakt."

Ergänzung, aber kein Ersatz

Für die Erstversorgung von Menschen in dünn besiedelten Gebieten und für bestimmte Therapieziele, zum Beispiel Burn-Out oder Entwöhnungstherapien sei man dabei, Online- Programme zu verfeinern. "Teufelszeug" sei das Internet also nicht – aber Therapeuten kann ein Algorithmus nicht ersetzen:

"Ich finde nach wie vor die Idee durchaus brauchbar, darüber nachzudenken wie man das Internet und die bestehenden Programme die es gibt, beispielsweise Videochats und strukturierte evaluierte Programme, wie man die stärker einbinden kann, in die psychotherapeutische Versorgung. Das ist auch kein Allheilmittel aber ich denke das ja die ganzen Prozesse der Psychotherapie etwas Flexibilität werden könnten. Aber am Ende müssen einfach auch mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt werden für die Psychotherapie, weil wir da einfach eine Unterversorgung haben und zwar in praktisch allen Regionen."

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