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StartseiteBüchermarktOper als Heilmittel30.11.2011

Oper als Heilmittel

Peter Henisch: "Großes Finale für Novak". Residenz Verlag

Der österreichische Schriftsteller, Journalist und Musiker Peter Henisch meint es ernst mit der Ironie. Sie ist ihm Motor der Erkenntnis und steht auch im Zentrum seines neuen Buchs "Großes Finale für Novak".

Von Michaela Schmitz

Feine Leute in der Wiener Staatsoper (AP)
Feine Leute in der Wiener Staatsoper (AP)

Wer nicht fühlen will, muss hören. Oper zum Beispiel. Für manch einen ist das Strafe genug. Auch für Franz Novak. Zumindest galt das bis zu seiner Gallenoperation. Knapp war es gewesen. Sehr knapp. Er hatte ja nicht auf seine Schmerzen hören wollen. Jetzt lag er also im Spital und hörte Oper. Ausgerechnet Oper! Zum einen war es das einzige, was die akustisch aufdringliche Körperlichkeit seines Bettnachbarn übertönen konnte. Zum anderen war es Schwester Manuela gewesen, die ihm ihre privaten Aufnahmen als akustisches Heilmittel zur Verfügung gestellt hatte. War nicht vielleicht der exotisch sinnliche Charme der indonesischen Schwester der eigentliche Auslöser für die ihm bislang völlig unbekannten Gefühle beim Opern-Hören?

Bei seiner Frau jedenfalls hatte der 55-jährige Postler in den vergangenen dreißig Ehejahren nie Vergleichbares empfunden. Nun zeigte Herta auch deutlich mehr Talent fürs dramatische als fürs lyrische Fach. Nicht selten hob sich ihre Stimme bei regelmäßigen theatralischen Auftritten im ausgebauten Schrebergartenhaus in unangenehm schrille Regionen. Und als Novak auch nach der Rückkehr aus dem Spital nicht von seiner neu geweckten Opern-Leidenschaft lassen will, werden bei der niederösterreichischen Elektra schließlich sämtliche Rachegeister lebendig. Spätestens, nachdem der unerwartet in Früh-Ruhestand versetzte Novak zu Hause auszieht, um endlich ungestört in einer städtischen Pension seiner neuen Passion nachgehen zu können: Opern zu hören und Briefe an Schwester Manuela zu schreiben, ohne sie je abzuschicken.

Von blinder Eifersucht getrieben, überlässt Herta daraufhin ihren Friseursalon den Aushilfen und führt einen unbarmherzigen Rachefeldzug gegen Schwester Manuela. Mit Erfolg. Als Franz Novak bei seinem ersten Opernhausbesuch der "Madame Butterfly" Schwester Manuela im Publikum entdeckt und ihr nach der Vorstellung hinterhereilt, will sie ihn nicht wiedererkennen. Aller Lebensgeister beraubt, zieht sich Novak in seine Pension zurück und verlässt das Bett nicht mehr. Bis Herta ihren seelisch und körperlich verwahrlosten Franz zu sich nach Hause zurückholt. Was dieser erst später erfährt: Hertas Verleumdungen der Schwester im Spital und bei der Polizei haben Manuela Arbeit und Aufenthaltsgenehmigung gekostet.

Als Novak auf die Wahrheit stößt, bricht er auf der Stelle seinen kalten Opern-Entzug ab, legt die nächste CD ein und dreht die schmetternden Arien auf volle Lautstärke. Herta glaubt er allein auf dem Weg nach Teneriffa. Doch ihr Flug wird gecancelt. Plötzlich steht sie vor der Tür. Und tut, was man von ihr erwartet: Sie zieht den Stecker. Ein starker Auftakt zur dramatischen Ouvertüre für Novaks großes Finale. Der Ausgang? Der wird nicht verraten. Nur so viel: Am Ende sieht man Novak mit seinen Opern-CDs unterm Arm den verschneiten Aussichtsturm des Hausbergs ersteigen ...

Peter Henischs "Großes Finale für Novak" ist zweierlei: Libretto für eine dramatisch-komische Oper und Anti-Bildungsroman. Motor der gesellschaftskritischen Roman-Oper von tragischer Komik ist die ironische Konfrontation der sogenannten kleinen Leute mit den großen existenziellen Themen Liebe und Tod. Die bewusst grob geschnitzten Figuren treten - wie bei der Commedia dell'arte - als komische Darsteller bis zur Karikatur überzeichneter Typen auf. Novaks beleibter Spitalnachbar Kratky ist das typische Modell des derben bierseligen Volksvertreters. Der Freund deftiger Witze und scheppernder Volksmusik gibt mit seinen unappetitlichen Körpergeräuschen den Generalbass vor. Schwester Manuela erscheint als rettender Engel. Sie bringt Novak die Oper als Zaubermittel gegen Kratky. Die passionierte Opern-Botschafterin vertritt die Kunst als produktive ästhetische Haltung gegen den Tod. Nicht erst in der Aufführung der "Madame Butterfly" erscheint Novak die zarte Gestalt Manuelas im türkisgrün schimmernden Kleid mit dem aparten Schönheitsmal auf goldfarbener Haut beinahe überirdisch schön. Wie auf der Jagd nach einem exotischen Schmetterling versucht Novak seiner "Madame Butterfly" nach der Aufführung über Treppen und durch Gassen hinterherzueilen. Doch seine Liebesbotin und Schönheitsgöttin fliegt ihm davon. Störenfried ist Novaks Ehefrau Herta. Sie tritt als eifersüchtiger Racheengel auf die Bühne. Mit boshaften Intrigen und unerbittlicher Gattinnenliebe versucht sie jeden Befreiungsversuch Novaks im Keim zu ersticken. Die fremdenfeindliche Haarsalon-Königin steht für die gnadenlose Sanktionierung des Individuums durch die Gesellschaft. Franz Novak schließlich ist der klassische Typ des überangepassten Beamten. Erst mit der Welt der Oper lernt er etwas bislang Unerhörtes kennen. Novak wird hellhörig, im wahrsten Sinne des Wortes. Alltagsgeräusche werden ihm zur Qual. Den Gesängen der Amseln dagegen lauscht er plötzlich mit wachem Ohr. Wer nicht fühlen will, muss eben hören. Wer aber zu hören lernt, kann auch wieder fühlen - die Grundvoraussetzung selbstständigen Denkens und Basis jedes individuellen Handelns.

In Henischs "Großes Finale für Novak" wird Oper zum pädagogischen Heilmittel gegen die herrschenden individualitätsfeindlichen Verhältnisse. Henischs Opern-Krimi ist ironischer Anti-Bildungsroman, dramatisch-komisches Musik-Theater und Räuberpistole in einem. Die Komik der ironischen Dialoge und scherenschnittartigen Figuren überzeugt besonders in der ersten Hälfte. Danach rückt der Humor manchmal ein wenig zu weit hinter die gesellschaftskritische Operndidaktik zurück.

Peter Henisch: "Großes Finale für Novak"
Residenz Verlag 2011. 101 Seiten, 22,90 Euro

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