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StartseiteKultur heuteMenschheitsgeschichte als Leidensgeschichte28.03.2015

Opern-Doppelabend in KölnMenschheitsgeschichte als Leidensgeschichte

Rechtzeitig vor Beginn der Karwoche bringt die Oper am Dom in Köln eine Doppelpremiere heraus. Luigi Dallapiccolas "Il prigioniero" und Bernd Alois Zimmermanns "Ekklesiastische Aktion". Leidensgeschichten im Kleid moderner Komposition: So lotet Oper den Abgrund aus.

Von Christoph Schmitz

"Ich will dich seh'n, mein Sohn" - singt und klagt diese Mutter in der Finsternis eines Kerkers. "Ich soll dich seh'n. Aber innen sagt mir eine Stimme: 'Heut‘ zum letzten Male!‘" In Dalia Schaechters dunkel glänzendem Sopran schwingen Sorge und Entsetzen. Den Schmerz, die Verzweiflung, den eiskalten Hauch der endgültigen Vernichtung hat ein Orchestertutti zu Beginn förmlich herausgeschrien. Gleich wird die Frau ihrem gefangenen Sohn kurz begegnen. Schwer ist er gefoltert worden auf Befehl der Heiligen Inquisition. Luigi Dallapiccolas 45-minütiger Einakter "Il Prigioniero" aus dem Jahr 1949 ist einziges Lamento, eine Leidensgeschichte, potenziert durch ein Fünkchen trügerischer Hoffnung, die der Kerkermeister dem Gefangenen vermittelt.

Nach literarischen Vorlagen aus dem 19. Jahrhundert stellt Dallapiccola der Titelfigur einen auf den ersten Blick der Empathie fähigen Menschen zur Seite. Mitleid zeigt dieser Kerkermeister und Zuneigung und gibt Hinweise für Hoffnung und Freiheit. Der Gefangene atmet förmlich auf. "Wie seltsam, endlich menschliche Laute zu hören, wo alles so totenstill ist", singt der schwedische Bariton Bo Skovhus. Lyrisch, kraftvoll und intensiv gestaltet er seine Rolle, die an alle Gefangenen und Geschundenen, auch unserer Tage, erinnert.

Mit lichten Klangfarben lässt Dallapiccola die drei dem Stück zugrunde gelegten Zwölftonreihen aufblitzen. Eloquent und mit viel Energie spielt das Gürzenich-Orchester unter Gabriel Feltz. Aber alle Hoffnung ist im Gefängnis vergebens. Hinter dem vermeintlichen Kerkermeister verbirgt sich der Inquisitor höchstpersönlich. Mit seiner Zuversicht wollte er den Gefangenen einmal mehr quälen. Denn sein Ende ist längst besiegelt. Zum Auftakt der Karwoche hat die Kölner Oper die Premiere des "Prigioniero" sinnvoll plaziert. Und sehr passend kombiniert mit Bernd Alois Zimmermanns letztem Bühnenwerk "Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne".

Nahtlos, ohne Pause geht Dallapiccolla in Zimmermann über, der sich im Entstehungsjahr 1970 das Leben nahm. Als "Ekklesiastische Aktion" hat Zimmermann sein Werk bezeichnet. Kombiniert hat er Ausschnitte aus den alttestamentlichen Büchern der Weisheit über das vergebliche Mühen der Menschen und aus dem Großinquisitor-Kapitel von Dostojewskis "Brüder Karamasow". Der Großinquisitor beschimpft hier sein Opfer, das Züge von Jesus Christus hat. So wird der Kölner Opernabend zu einer großen Passion. Er führt uns in die dunkelsten und schlimmsten Situationen menschlichen Lebens, wenn alles sinnlos ist und Schmerz und Rettung ausgeschlossen. Regisseur Markus Bothe und sein Team erzählen die Geschichten der beiden Einakter in einem Einheitsbühnenbild als Menschheitsgeschichte, changierend zwischen konkreter historischer Zuordnung ins katholische Inquisitions-Milieu und ins nazisitische KZ-Ambiente einerseits und abstrakter Verblendung und Ideologie andererseits. Das Verlies ist ein gigantischer Kubus aus schwarzen Buchstaben. In einem schmalen Schlitz in der Mitte haust der Gefangene. Der Kubus öffnet sich wie ein riesiges Tor und gibt später den Raum für Zimmermanns "Ekklesiastische Aktion". Hier singt Bo Skovhus auch die einzige Gesangsstimme und spielt das Opfer einer Gesellschaft, die Fremdes ausgrenzt und malträtiert.

"Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne." Eine Existenz zwischen Zuversicht und Schrecken spannt Zimmermann auf. Gegen Schluss zitiert er aus Johann Sebastian Bachs Kantate "O Ewigkeit, du Donnerwort". Markus Bothes optisch starke und zugleich kluge Regie hatte dieses Bach-Motiv schon zu Beginn aufgegriffen und noch vor Dallapiccolas ersten Fanfaren den Choral "Es ist genug" von einem Chor singen lassen. So hat er auch musikalisch die beiden Einakter miteinander verbunden. Auch wenn Zimmermann selbst den Choral abschließend mit harten Orchesterschlägen förmlich zertrümmert. So lotet Oper den Abgrund aus. Leidenszeit. 

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