Kultur heute / Archiv /

 

Opfern für den Staat

Christoph Willibald Glucks Oper "Iphigénie en Aulide" am Theater an der Wien

Von Frieder Reininghaus

Der deutsche Komponist Christoph Willibald Ritter von Gluck lebte von 1714 bis 1787
Der deutsche Komponist Christoph Willibald Ritter von Gluck lebte von 1714 bis 1787 (picture alliance / dpa)

Die Oper "Iphigénie en Aulide" veröffentlichte Christoph Willibald Gluck 15 Jahre vor der Französischen Revolution. Sie behandelt die Kriegs- und Opfergeschichte um König Agamemnon und seine Tochter Iphigenie. Torsten Fischer inszenierte Glucks Oper als Stück im modernen Krieg.

Christoph Willibald Gluck brachte 1774 in Paris das zur Welt, was ein knappes Jahrhundert später "Kunstreligion" genannt wurde.

Bei und nach der Uraufführung der "Iphigenie in Aulis" entzweite sich das Publikum – vom Hochadel bis in die bürgerlichen Quartiere. "Man bekämpfte sich", schrieb der musikkundige Europareisende Charles Burney als Augenzeuge, "als ob es sich um eine religiöse Angelegenheit handelte". Die Fronten prallten fast so frenetisch aufeinander wie in den Religionskriegen Hugenotten und Katholiken. Gluck, ein Mann des Hofs und Günstling der frisch aus Wien gekommenen Königin Marie Antoinette, war der Katalysator – und was sich im Streit zwischen seinen Anhängern und den gegenüber dem Establishment kritisch eingestellten Piccinisten abspielte, zeichnete die Frontlinien des Jahres 1789 vor.

Jean-François Marmontel, ein scharfer Kritiker des "böhmischen Jongleurs" Gluck, apostrophierte diesen – und es war von der Warte des guten feudalen Geschmacks aus negativ gemeint – als "Shakespeare der Musik". Indem nun die Wiener Symphoniker, historisch informiert und temperamentvoll angeleitet von Alessandro De Marchi, die rhetorischen Ausrufezeichen und überhaupt die intensiven Affekte der Gluckschen Musik herausprozessierten, die Härten nicht abmilderten und die schlichten Klarheiten in ihrer klassizistischen Schönheit ausstellten, plädierten sie dafür, das Stichwort vom "Shakespeare der Musik" ganz und gar positiv zu nehmen.

Torsten Fischer inszenierte in spitzwinklig nach hinten hin sich verjüngenden Herrschaftsarchitektur ein Stück im modernen Krieg – zwischen Betonplatten, Panzerglasfassaden und Spiegeln. Die Ouvertüre bedachte er mit einer Pantomime zum Sterben und zur Repression in tempora belli. Die Modernisierung der Handlung, die nur teilweise aufgeht, verhalf den Zusehern zu einer Wiederbegegnung mit dem Rollstuhl (in diesem Fall für den blinden Seher Kalchas und die Stentorstimme von Pavel Kudinov). Rollstühle und Krankenbetten wurde einst durch Inszenierungen von Götz Friedrich, Günter Krämer und kleinere Lichter des Regisseurstheaters so vertraut, dass wir Anfang der 90er-Jahre eine Quarantäne für diese Möbel fordern mussten. Analoges gilt für den Seziertisch. Auf ihm werden junge Männer mit schönen nackten Oberkörpern aufgereiht. Indem sich die Wiener "Iphigenie"-Produktion auf der Höhe der 80er-Jahre bewegt, ist sie Historismus der Moderne.

Zentrale Figur neben dem in einen NATO-Generalsmantel gesteckten Achill (Paul Groves) ist Bo Skovhus als Agamemnon – ein raubeiniger, grobkörniger Heerführer der vereinigten achäischen Streitkräfte, aufgeboten gegen das kleinasiatische Troja, zugleich fast weinerlich als liebender Familienvater, der die Tochter Iphigenie der Staatsräson opfern soll. Myrtò Papatanasiu, eine schlanke ernste Schönheit, beglaubigt mit luzidem Sopran und tieftraurigem Blick die Opferbereitschaft, die sich zum stark erotisch gefärbten Verlangen steigert. Diese Sängerin ist im schulterfreien schwarzen Abendkleid so attraktiv wie im Outfit einer palästinensischen Terroristin.

Torsten Fischers optische Anreicherungen erscheinen als Zutaten, nicht als analytische Fingerzeige (am Ende zum Beispiel die Tötung der unsterblichen Göttin Diana). Zur Bemühung um Aktualisierung der "Iphigénie" konkurriert ab Montag in Wien Glucks "Alceste" an der Staatsoper – Christoph Loy recycelt eine Produktion aus Aix-en-Provence.



Mehr bei deutschlandradio.de

 

Links bei dradio.de:

Rätselhaft und undeutlich
Erneuerung mit Orpheus

 

Externe Links:

Theater an der Wien

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Salzburger Festspiele 2014Holocaust-Schicksal als revuehafter Bilderbogen

Festspielhäuser an der Hofstallgasse in Salzburg.

Im Zuge der Salzburger Festspiele 2014 wird eine Uraufführung von Marc-Andrés Dalbavies Oper "Charlotte Salomon" gezeigt. Darin geht es um die Lebensgeschichte der gleichnamigen jüdischen Protagonisten, die im Alter von 26 Jahren in Ausschwitz ermordet wurde.

Kandinsky und JawlenskyGemeinsamer Weg zur Abstraktion

Eine Besucherin betrachtet am Freitag (31.08.2012) in der Ausstellung «Ich arbeite für mich, nur für mich und meinen Gott» in der Kunstsammlung in Jena ein Bild des Malers Alexej von Jawlensky.

Das Schloßmuseum Murnau zeigt in seiner neuen Kunstausstellung Gemälde von Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Männerfreundschaft der beiden, die in Murnau zwischen 1908 und 1910 ihren Höhepunkt erreichte.

Manifesta 10Performances als Unterwanderung des Alltags

Männer leeren Beutel mit Schnee für die Performance "Cold Painting" des russischen Künstlers Pavel Braila.

Performances für die Straße sind in Paris oder Berlin bei Kunstfestivals Routine. In St. Petersburg gehören sie jedoch zum heikelsten Teil der Manifesta. Zumal die polnische Kuratorin, Joanna Warsza, dafür vor allem Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Staaten des einstigen Warschauer Paktes eingeladen hat.

 

Kultur

Kinostart: Die Geliebten Schwestern"Ein paar Briefe habe ich auch neu erfunden"

Dominik Graf

Dominik Grafs neuer Film "Die Geliebten Schwestern" erzählt eine Ménage à trois zwischen dem Dichter Friedrich Schiller und zwei mittellosen adlige Schwestern. Welche Erzähltricks er anwendet und warum der ARD-Krimi Tatort Daumenlutschfernsehen ist, verrät er im Corsogespräch.

Manifesta 10Performances als Unterwanderung des Alltags

Männer leeren Beutel mit Schnee für die Performance "Cold Painting" des russischen Künstlers Pavel Braila.

Performances für die Straße sind in Paris oder Berlin bei Kunstfestivals Routine. In St. Petersburg gehören sie jedoch zum heikelsten Teil der Manifesta. Zumal die polnische Kuratorin, Joanna Warsza, dafür vor allem Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Staaten des einstigen Warschauer Paktes eingeladen hat.

Moderne KunstSammlung eines Kunsthändlerehepaars

Blick auf den Eingangsbereich der Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence bei Nizza, ein Museum für zeitgenössische Kunst. Das Ehepaar Marguerite und Aime Maeght gründete die Stiftung 1964, um einen Teil ihrer Sammlung dort auszustellen. Der katalanische Architekt Josep Lluis Sert schuf in Zusammenarbeit mit bekannten Künstlern wie Joan Miro, Georges Braque und Henri Matisse das Gebäudeensemble.

Im Hinterland der Côte d'Azur liegt eine der schönsten und bedeutendsten privaten Kunststiftungen der Welt: die Fondation Maeght. Ihre Gründung am 28. Juli 1964 ist der Freundschaft zwischen dem Kunsthändlerehepaar Marguerite und Aimé Maeght und Künstlern wie Giacometti, Miró, Braque, Calder oder Matisse zu verdanken.