Firmenporträt / Archiv /

 

Orgeln auch aus zweiter Hand

Kürtener Orgelbauer spezialisiert sich auf Restaurierung und Umbau

Von Simon Schomäcker

Orgel des Orgelbauers Schulte aus Kürten
Orgel des Orgelbauers Schulte aus Kürten (Orgelbau Schulte)

Wenn man nach dem Gegenteil für einen Massenmarkt sucht, dann ist das wohl der Orgelbau. Auch innerhalb der Branche der Instrumentenbauer müssen sich die Orgelbauer - vor allem die von Großorgeln - auf einen überaus kleinen Kundenkreis stützen. Und der ist, soweit er in den christlichen Kirchen zu finden ist, auch noch mit einem speziellen Handicap behaftet: Vielfach fehlt es ihm an Geld.

Selbst in den im europäischen Vergleich noch gut ausgestatteten deutschen Gemeinden ist es problematisch, das Geld für den Kauf einer neuen Orgel zusammen zu bringen oder auch nur die Restaurierung der vorhandenen zu finanzieren. Es ist ein also schwieriger, ein sehr spezieller Markt, in dem sich Orgelbauunternehmen bewegen. Orgelbauer Schulte aus dem bergischen Kürten behilft sich auf zweierlei Weise: Er setzt auf Second Hand, auch beim Orgelbau. Und er hat Facebook für sich entdeckt.

So klingt eine englische Orgel von 1907, wenn sie in Kürten im Bergischen Land generalüberholt und in Bonn neu aufgestellt wurde. Ihre "neue alte Orgel" verdankt die Gemeinde Heilig Kreuz in Bonn-Limperich der Orgelbaufirma Schulte. 1978 hat Siegfried Schulte den Betrieb in Kürten gegründet. Seit dem Jahr 2006 führt sein Sohn Oliver das Geschäft. Allerdings etwas anders als sein Vater: Der 35-jährige Orgelbaumeister baut kaum noch neue Orgeln. Sein Spezialgebiet ist die internationale Vermittlung gebrauchter Instrumente sowie deren Instandsetzung, Erweiterung und Installation.

"Der Umgang mit gebrauchten Orgeln hat bei vielen Kollegen und Organisten so ein leichtes - der Schwabe würde sagen - Geschmäckle, dass man da aus Alt versucht etwas Neues zu machen. Aber man muss die ganze Sache einfach ganz realistisch und pragmatisch sehen: Neue Orgeln zu bauen ist oftmals aus finanziellen Gründen nicht mehr durchzuführen für kleinere und mittlere Kirchengemeinden. Der Bedarf ist immer noch da. Insofern mussten wir dann einfach eine Lösung für das Problem finden."

Auf diese Lösung kam der Orgelbauer eher zufällig im Jahr 2007. Die Kirchengemeinde Heilig-Kreuz in Bonn erwarb die in Teilen erhaltene Binns-Orgel von 1907. Das Instrument schlummerte zuvor zehn Jahre lang im Lager eines Wuppertaler Musikalienhändlers. Per Wettbewerb rief die Gemeinde Heilig Kreuz schließlich zu einem Reorganisations-Plan für ihre Orgel auf. Oliver Schulte überzeugte mit seinem Konzeptentwurf und dem Ergebnis.

"Diese Orgel hat in vielerlei Hinsicht einen Nerv getroffen, weil wir hier in der Lage waren, eine wunderbare Klanglichkeit, die wirklich jede musikalische Landschaft bereichert, zu einem verhältnismäßig günstigen Preis anzubieten. Und danach hat sich eben ein Netzwerk entwickelt zu englischen Orgelbauern, zu Orgel-Enthusiasten, zu Organisten. Und wir sind mittlerweile so weit, dass ich immer aus einem Fundus von 30 bis 40 gebrauchten Instrumenten schöpfen kann, je nach Bedarf."

Oliver Schultes internationale Kontakte reichen bereits weit über Großbritannien hinaus. Dank Facebook:

"Ich habe mittlerweile ungefähr 3000 Bekanntschaften auf Facebook, größtenteils Organisten. Und ein großer Erfolg, den ich dank Facebook verzeichnen kann, ist der große Auftrag, den wir im Moment haben. Und zwar die Restaurierung und der Umbau einer englischen Orgel, die wir dann nach Portugal bringen."

In spezielle Holzkisten verpackt transportierten Oliver Schulte und sein Team die Orgel im LKW vom englischen Liverpool in ihre Kürtener Werkstatt. Zwei festangestellte Mitarbeiter und ein Auszubildender kümmern sich als Kernteam um die Bearbeitung der Einzelteile. Mitarbeiterin Sonja Füßmann:

"Was jetzt angesagt ist, halt erstmal alles reinigen, eventuelle Schadstellen reparieren - da sind wir im Moment dran. Es wird mit Sicherheit ein halbes Jahr dauern, dann können wir die Orgel zusammenstellen und hier in der Werkstatt aufbauen. Und wenn man dann damit fertig ist, können wir die Orgel nach Portugal fahren."

Insgesamt kann die Realisierung eines so umfangreichen Projektes ein Dreivierteljahr in Anspruch nehmen; inklusive Recherche, Begutachtung der Instrumente sowie Reise- und Transportzeiten. Doch der Aufwand zahlt sich aus, wie Oliver Schulte betont:

Orgelbauer Oliver Schulte aus BonnOrgelbauer Oliver Schulte (Orgelbau Schulte)"Wenn wir eine Orgel neu gebaut hätten, in der Größe unserer England-Portugal-Orgel, wären wir mit Sicherheit über 400.000 Euro gekommen. So waren wir jetzt in der Lage, ein später quasi neuwertiges Instrument mit unseren 15 Jahren Neubau-Garantie anzubieten. Mit neuem Gehäuse-Design, mit teilweise neuer Technik dahinter - zum Preis von deutlich unter der Hälfte."

Dementsprechend hat sich auch der frühere Jahresumsatz von bis zu 500.000 Euro halbiert. Allerdings ist der Aufwand im Gegensatz zu Neubauten geringer und somit die Rendite höher.

Viel an Unterstützung und Ratschlägen bei der Umsetzung seiner Aufträge bekommt Oliver Schulte von seinem Vater. Der 72-jährige Siegfried Schulte ist seit 2006 im Ruhestand, und hilft aber immer noch, wo er kann. Nach anfänglicher Skepsis zeigt sich der Firmengründer mittlerweile stolz und optimistisch über die Ideen seines Sohnes:

"Es ist manchmal für mich ein bisschen Hoppla. Aber es hat sich herausgestellt, dass es eine gute Idee war, sich mit gebrauchten englischen und amerikanischen Orgeln zu befassen. Auf die Idee wäre ich damals nie gekommen. Aber das ist ein neuer Markt, und das macht er sehr gut, und er hat das voll im Griff. Und ich bin da sehr froh drüber, dass das funktioniert."

Und damit es auch weiterhin funktioniert, heißt es für Oliver Schulte: Viel Zeit im Internet mit Kontaktpflege und Werbung verbringen sowie neue Ideen in sein derzeitiges Konzept einfließen lassen. An Letzteren mangelt es dem rührigen Firmeninhaber nicht. Sein aktueller Auftrag ließ ihn Zukunftspläne schmieden:

"Es kann sein, dass sich auch das Auslandsgeschäft weiterentwickelt. Denn im Ausland hat man genau dasselbe Problem wie hier: Die Kirchen haben mit massiven Problemen zu kämpfen, auch mit finanziellen Problemen. Der Bedarf an Orgeln ist immer noch da. Und wenn ich es irgendwie schaffe, auch international wahrgenommen zu werden, kann ich mir durchaus vorstellen, dass das auch ein Markt für uns sein wird."



Die in der Audioversion verwendeten Musiksequenzen sind:
"Allegro" aus Wolfgang Seifen - Symphonie pour Grande Orgue,
"Andante Cantabile" aus Wolfgang Seifen - Symphonie pour Grande Orgue;
Auszüge aus Wolfgang Seifen - Symphonische Fantasie und Fuge,
"Allegro" aus Wolfgang Seifen - Symphonie pour Grande Orgue.

Alle Stücke wurden vom Komponisten selbst gespielt auf der Binns/Schulte-Orgel in Heilig Kreuz, Bonn-Limperich. Die Aufnahme entstand am 10.2.2008 durch Horst Casper.

Die Verwendung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Komponisten und des Produzenten.



Mehr bei deutschlandradio.de

 

Externe Links:

Orgelbau Schulte

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Firmenporträt

Geischtserkennung"Augen auf" beim Online-Banking

Ein Bildschirm mit der Vorstufe einer Bildverschlüsselungssoftware, zu sehen ein Frauengesicht.

Die Nürnberger Firma BioID GmbH verkauft Programme für die Gesichtserkennung beim Online-Banking und biometrische Zugangssysteme zum Beispiel mit Stimmerkennung. Ein heikler Markt, denn es gibt ungelöste Datenschutz- und Sicherheitsfragen.

Serie: "Wer verdient am Wasser?"Gelsenwasser lehnt Fracking kategorisch ab

Ein Plakat mit der Aufschrift "Stop Fracking".

Wasser, Gas und Strom - die Gelsenwasser AG gehört zu den größten Versorgern Deutschlands. Am Wasser verdient der Konzern aber nur zweitrangig. Trotzdem: Auch wenn vom Fracking profitiert werden könnte, wird es strikt abgelehnt. Die Wasserqualität würde darunter leiden.

Serie: "Wer verdient am Wasser?"Portugiesisches Wasser auf Privatisierungskurs

Wasser fließt durch einen Duschkopf

Das Wasserunternehmen Aguas de Portugal versorgt hunderte portugiesische Gemeinden mit Wasser. Denn die können die Versorgung meist selbst nicht leisten. Viele Kommunalpolitiker trauen dem Staatsunternehmen aber nicht, denn die Gerüchte über eine Privatisierung halten sich hartnäckig.