Sonntag, 17.12.2017
StartseiteBüchermarktOriginal und Fälschung24.11.2004

Original und Fälschung

Ulf Stolterfoht: „Fachsprachen XIX-XXVII“

Fachsprachen entstehen aus dem Bedürfnis heraus, einen Sachverhalt präzise mitzuteilen. Für uns Außenstehende gleichen die angewendeten Spezialtermini oft böhmischen Dörfern. Oder wissen Sie, was eine Rauhbank ist? Das ist mitnichten ein unbequemes Sitzmöbel, sondern der überdimensionierte Hobel eines Tischlers, mit dessen Hilfe er große Bretter gleichmäßig glätten kann. Sogenannte Eingeweihte, also Fachwerker oder gar Fachwissenschaftler, sind Informierte erster Hand. Der Sinn vieler Begriffe bleibt für die anderen, die Ausgeschlossenen, im Dunkel des Unverständnisses verborgen. Und das, obwohl man einzelne Worte wiederzuerkennen glaubt.

Von Cornelia Jentzsch

Handwerk braucht Fachsprache (dradio.de)
Handwerk braucht Fachsprache (dradio.de)

Der Berliner Dichter Ulf Stolterfoht nennt seine Gedichtbände ebenfalls Fachsprachen. Zum einen deshalb, weil sie tatsächlich fachsprachliche Begriffe enthalten, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhängen gelöst und in neuen, schwebenden, auf merkwürdige Weise immer noch sinnfälligen Kombinationen wieder zusammengesetzt wurden. Zum anderen aber auch, weil sie gleichermaßen Fachsprachenimitate enthalten. Das sind bizarre Sprachschöpfungen, die den Gestus von Fachsprachen nachahmen, aber in Wirklichkeit der Phantasie des Autors entstammen.

Der Gedanke liegt nahe, daß Ulf Stolterfoht, aus welchen Gründen zunächst auch immer, die für manche kompliziert anmutende Gattung Poesie vorsätzlich verschlüsseln will. Doch im Gegenteil, Ulf Stolterfoht geht es um einen schon lange fälligen Klärungsprozeß:

Wenn mir das keinen Spaß gemacht hätte, dann hätte ich sicher früher aufgehört damit. Viele Teile sind so entstanden, daß ich tatsächlich mir die Literatur besorgt habe aus der Bücherei und dann einige Zeit nur damit verbracht habe, wirklich nur die Bücher durchzulesen und mir dann alles rauszuschreiben, was mir in irgendeiner Form verwertbar erschien. Oft im Freien, im Sommer, oder... also da braucht man keine Ruhe oder so, das kann man auch im Biergarten machen oder so was. Das macht großen Spaß. Ich hab selten so gelacht wie bei diesem, bei dem vielen Rausschreiben. Und dann natürlich dieses Material dann wieder zu verwursten und daraus wieder was zu machen, macht natürlich fast noch größeren Spaß.

In fast anderthalb Jahrzehnten entstanden so drei poetische Fachsprachenkompendien, die es in sich haben. Zunächst war es als zurückhaltende Startposition eines angehenden Dichters gedacht, der sich hinter den Worten verstecken und diese für sich sprechen lassen wollte. Doch was macht man, wenn man aus dieser verborgenen Ecke heraus entdeckt, daß Worte ein Schein- oder Doppelleben führen? Und daß die eindeutig in Worten ausgedrückte, vermeintliche Erkenntnis der Welt demzufolge ein Irrtum sein könnte? Ulf Stolterfoht versuchte zunehmend, diese Entdeckung in die Grundlage seines Schreibens zu verwandeln.

Ich glaube, daß es in Sachtexten, oder in Texten, mit denen man umgeht, natürlich durchaus erlaubt ist so zu tun, als wäre alles klar. Als würde man das und das Wort benutzen und würde den und den Gegenstand und die und die Sache damit meinen. Egal ob es zutrifft oder völliger Unfug gesagt wird, es spielt ja nur der Erfolg die Rolle. Die wichtige Rolle. Also ich sage jemand, das verhält sich soundso oder du hast das soundso zu machen, und wenn das funktioniert, dann ist alles in Ordnung. Aber wenn ich Gedichte schreib, dann spielt diese Kommunikationsebene überhaupt keine Rolle mehr. Gelingen von Lyrik hat damit auch nichts zu tun, ob die Dinge exakt bezeichnet werden. Ganz im Gegenteil glaube ich, daß Erfolg, wenn’s so was gibt, Erfolg von Poesie damit zu tun haben muß, den Zweifel und die Unsicherheit abzubilden, die es gibt, was die Beziehung zwischen Wörtern und Dingen betrifft. Weil, die Dinge ja eben unsicher sind und die Wörter sind sicher.

Ulf Stolterfohts Dichtung schlüpft in die Haut von Fachsprachen, ohne wie diese dem Zwang zur Mitteilung erlegen zu sein. Seine Poesie versucht durch eine Art Mimikry, also Nachahmung, auf die Dissonanz zwischen Welt und Sprache aufmerksam zu machen. Sie verweist auf einen generellen Spalt im Gefüge: die Strukturiertheit und Klarheit von Sprache muß noch lange nicht bedeuten, daß Sprache jederzeit und unmittelbar einer Verständigung dienen kann. Die Welt, um die es in den Worten oft geht, scheint sich nicht selten uneinsehbar ganz woanders zu befinden. Diese Erfahrung läßt sich auch jederzeit im Alltag machen. Es genügt, die in den Medien präsente politische Kommunikation sich einmal näher anzuschauen.

Ich glaube, das ist eher ein erkenntniskritischer Anspruch als ein sprachkritischer. Mir kommt es eben komisch vor, gerade in der Gedichtsprache auf einmal so zu tun, als wäre Referenz etwas ganz einfaches, als wäre das alles geklärt. Man könnte vielleicht sogar sagen, daß die Erkenntnistheorie in den letzen hundert Jahren nichts weiter nachgewiesen hat als die Unsicherheit der Erscheinung und der Dinge. Und wenn mir praktisch die Basis des Schreibens, die Welt, wegbricht durch diese Erkenntnistheorie – das hat jetzt nicht mit dem Sprachversagen oder mit Sprachzweifel zu tun, das ist Weltzweifel oder Erkenntniszweifel, dann kann ich halt... also, mir fehlt praktisch das Thema, also ich habe keinen Referenten mehr für meine Wörter oder für meine Sätze. Also helfe ich mir dadurch, daß ich, ja, daß ich versuche, die Wörter über sich selbst sprechen zu lassen.

Literatur und hier vor allem die Poesie ermöglichen, gewisse Versuchsanordnungen zu starten. Ohne daß die Dichtung von einem Zweck gebunden und reduziert wird, kann sie auf einem losen Experimentierfeld und im Moment schöpferischer Freiheit die unterschiedlichsten Möglichkeiten erkunden. Vor allem die der Sprache selbst – wieweit trägt eine Sprache, wie klar kann sie vermitteln, wo beginnt sie zu täuschen?

Wenn das gelingt, durch diese kleinen Drehungen und Wendungen, die Sprache zu entfunktionalisieren von ihrem normalen Gebrauch und die dadurch wieder fähig zu machen, vielleicht wirklich was zu erschaffen, was vielleicht auf nichts anderes verweist außer als auf sich selbst, das wär schon toll. Ich hab vor allem ein ganz anderes Sinngefüge. Ich kann das im Alltag auch machen, bloß hilft mir das nichts. Aber in diesem verschobenen Sinngefüge, in der Lyrik, kann ich es machen und hab vielleicht sogar irgendeine Erkenntnisgewinn. Im Alltag habe ich eher kein Erkenntnisgewinn, wenn ich anfange zu zweifeln an der Existenz der Dinge.

Was als anfängliches Verstecken hinter den Worten gedacht war, entwickelte sich über die Jahre des Schreibens zu einem Klärungsprozeß über die Eigenheiten von Sprache. Ulf Stolterfoht versucht, hinter die geschlossene Türen der Fachsprachen zu schauen. Deren Unverständlichkeit nach außen wird kurioserweise durch ihr Gegenteil erzeugt - durch Exaktheit innerhalb des geschlossenen Kreislaufes einer Fachsprache.

Faszinierend ist natürlich auch diese Scheingenauigkeit, daß man den Eindruck hat, wenn man solche Texte liest, die treffen die genau den Punkt. Diese Scheingenauigkeit ist natürlich auch was wunderbares, weil ich sicher bin, das Fachsprachen genau die gleichen Probleme haben, Sachen genau zu benennen, wie Alltagssprache. Das ist ja eher so, Fachsprachen geben sich nur den Anschein, so exakt zu arbeiten. Ich hab noch keine Untersuchung gelesen, aber es gibt garantiert Untersuchungen darüber über das Scheitern von Fachsprachen. Oder über die Hybris der Fachsprache wahrscheinlich sogar.

Hybris wurde jener Übermut, Stolz oder gar frevelhafter Trotz bezeichnet, der aus der Selbstüberhebung des Menschen gegenüber den Göttern resultierte. Der Dichter kommt, wenn man so will, in seinen poetischen Versuchsanordnungen modernen Freveleien auf die Spur. Denn was in den alten Mythen noch das Format einer wirklichen Tragödie hatte, kommt im Umgang mit den Fachsprachen oft nur noch als Schlagschatten einer Tragödie, als Slapstick daher.

Hinter dem Wittenbergbergplatz ist die DIN-Zentrale, die Deutsche Industrie Normierung, Normzentrale, also da gibt es diese DIN-Normen, das sind Faltblätter, ... wo es darum geht, wie zum Beispiel neue Suffixe gebildet werden oder wie Wörter eingesetzt werden müssen um anerkannt zu sein für Produkt. Das ist genau vorgeschrieben, .... Von Celan weiß man ja, das er ja diese Wortlisten gemacht hat, wenn er diese Normierungsbögen zur hand gehabt hätte, hätte er da um ein vielfaches mehr sammeln können. Zum Beispiel gibt es ein Normblatt, da geht es nur um: arm, frei und los.... also eisenarm, eisenfrei eisenlos zum Beispiel. Das ist genau festgelegt, ab wann was eisenarm ist und ab wann es dann zum eisenlosen wird. Ab wann man dann los sagen darf, also da dürfen dann natürlich immer noch spuren von eisen drin sein, und alles, alles ist geregelt.

Ulf Stolterfohts Lyrik baut seine Faszination auf dem Spiel mit dem Nichtverstehen auf. Und auf der kuriosen Tatsache, daß das Nichtverstehen gerade dort am größten ist, wo alles bis ins wortwörtliche Detail geklärt scheint.

Dass man wohlgeformte Texte liest und man merkt, die Syntax ist in Ordnung und es gibt eine Semantik und man versteht absolut nichts. Das fasziniert mich immer noch, das finde ich unglaublich. ...Und ich denke, daß dieser Effekt bei den Leuten, die womöglich meine Gedichte lesen, ein ähnlicher ist, daß die denken, das läuft irgendwie alles, wird einmal aufgezogen und rattert da ab, aber verstehen tu ich eigentlich nix. Und die Fachsprachen haben mir eigentlich gezeigt oder den Eindruck gegeben, man darf das trotzdem machen.

Ulf Stolterfoht
Fachsprachen XIX-XXVII" (Gedichte)
Urs Engeler Editor, 126 S., EUR 19,-

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk