• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInformationen am MorgenMotive des Attentäters sind fast zweitrangig15.06.2016

Orlando nach dem MassenmordMotive des Attentäters sind fast zweitrangig

Orlando gilt in Florida zwar als lebensstiltolerante Stadt, aber viele Treffpunkte der Schwulen- und Lesbenszene gab es auch hier nicht. Dass einer dieser Orte nun Schauplatz eines Massakers mit 49 Toten war, hat viele Menschen tief erschüttert. In den Streit, was die Motive des Attentäters waren, hat sich auch Präsident Barack Obama eingeschaltet.

Von Marcus Pindur

Menschen gedenken (13.6) in Orlando der Opfer des Terroranschlags.   (AFP PHOTO/Mandel Ngan)
Menschen gedenken (13.6) in Orlando der Opfer des Terroranschlags. (AFP PHOTO/Mandel Ngan)
Mehr zum Thema

Ex-Geheimdienstchef Geiger: "Wir können nicht in jeden Kopf schauen"

Attentat in Orlando Ehefrau des Täters soll von Tat gewusst haben

Terrorakte in Paris und Orlando Eine neue Qualität islamistischen Terrors

Journalist Martin Reichert zu Orlando: "Die Mehrheitsgesellschaft ist herausgefordert"

Markus Kaim (SWP) "Abgrenzung ist kein Patentrezept gegen islamistische Anschläge"

Es gibt derzeit täglich Mahnwachen, Trauerfeiern und Gottesdienste für die Opfer des Terroranschlages von Orlando. Tausende von Menschen nehmen daran teil, um Solidarität zu zeigen, in erster Linie mit den Opfern und ihren Angehörigen. Aber auch, um sich zu vergewissern, dass man zueinander steht in Orlando, dass man sich nicht unterkriegen lassen will von Terror und Gewalt, und um zu zeigen, dass Toleranz für die meisten Bürger von Orlando ein Grundwert ist.

Christina Hernandez ist zu dieser Mahnwache im Zentrum von Orlando gekommen, um ihre persönliche Solidarität zu zeigen. "Ich bin hier, weil ich eine stolze Latina bin und weil die meisten Opfer Hispanics waren. Ich bin hier, weil ich und meine Freunde innerlich verwundet sind. Wir müssen zusammenkommen, um uns gegenseitig Unterstützung und Liebe zu geben."

Die Straßen um den "Pulse"-Club, den Tatort, sind nach wie vor abgesperrt. Dutzende von Fernsehteams sind an der Absperrung, einige filmen von Hubschraubern aus.

Ein Stück Gemeindeleben im Club

Tammy Catone lebt seit 23 Jahren in der unmittelbaren Nachbarschaft des Clubs. Sie hätte ein Verbrechen solchen Ausmaßes nie erwartet. Die Gegend und die Anwohner seien entspannt mit den Partygängern umgegangen. Es herrsche ein Klima der Toleranz und Nachbarschaftlichkeit. "Als ich davon hörte, habe ich den ganzen Nachmittag geweint. Ich habe Freunde, die wiederum einen Freund dort im Club hatten. Er liegt jetzt im Krankenhaus."

Corey Lyons leitet eine private Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, über HIV und Aids aufzuklären und bereits infizierten Menschen besonders in der Schwulen- und Lesbengemeinde in Orlando zu helfen. Seine Zielgruppe sind 18- bis 40-Jährige – genau die Altersgruppe, die den Tanzclub "Pulse" besucht. "Wir gehen in diese Clubs und versuchen, mit Menschen in Kontakt zu treten, bevor sie sich auf Sexualkontakte einlassen. Wir versuchen, ihnen klarzumachen, was man tun kann, um sich zu schützen. Dazu gehört der Gebrauch von Kondomen, Safer Sex, dazu gehört es, zu wissen, ob man selber oder sein Partner infiziert ist. Wir machen ambulante HIV-Tests und wir arbeiten sehr eng mit einigen Tanzclubs zusammen. Gerade vor zwei Monaten waren wir auch im 'Pulse' Club."

Die Clubs der Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen, abgekürzt im englischen LGBT, sind einerseits Freizeit- und Unterhaltungsorte, aber auch immer ein Stück Gemeinde, ein Stück Geborgenheit, ein Stück Sicherheit. Dieses Gefühl ist nun schwer erschüttert.

"Wo immer sich die LGBT-Szene trifft, findet auch ein Stück Gemeindeleben statt. Ob das nun Cafés, Restaurants, Clubs oder Bars sind, ist ganz egal. Orlando hat zwar eine große Bevölkerung, aber es gibt nur sehr wenige Bars, in die wir gehen. Der 'Pulse'-Club war einer von nur drei Clubs, wo sich die LGBT-Gemeinde trifft."

Man kennt sich persönlich. Oft schon seit Jahren. Orlando ist nicht nur ein attraktiver Wohnort, bietet viele Arbeitsplätze, besonders in der Tourismusindustrie, sondern gilt im ansonsten oft extrem konservativen Florida auch als lebensstiltolerant.

Kruder Schwulenhass und islamistische Gewaltideologie

Corey selbst erlebte den Morgen nach dem Attentat wie einen langen Schockzustand. Er wachte auf, weil sein Freund neben ihm weinte. "Wir hörten die Nachrichten im Radio. Wir leben etwa zwei Straßenzüge vom 'Pulse' Club entfernt, wir hörten die Sirenen und die Hubschrauber. Wir konnten kaum glauben, dass das alles wirklich war. Erst war von 20 Toten die Rede, dann von 49, wir waren entsetzt, das waren unsere Brüder und Schwestern, das war furchtbar."

Mittlerweile wird in den USA heftig darüber gestritten, ob es sich um ein islamistisches Attentat oder um ein Verbrechen aus Schwulenhass handelt. Donald Trump erneuerte seine Forderung, allen Muslimen ein Einreiseverbot zu erteilen. Präsident Obama antwortete ungewöhnlich scharf und nannte die Worte Trumps wörtlich "leeres Geschwätz" und nicht mit der amerikanischen Verfassung vereinbar.

Das FBI ermittelt noch. Immer mehr kommt eine Mischung aus krudem Schwulenhass, islamistischer Gewaltideologie und einer gestörten, gewalttätigen Persönlichkeit des Attentäters ans Licht. Corey Lyons meint, der politische Streit über die Motivlage sei für die LGBT-Gemeinde in Orlando nachrangig. Der Täter sei offensichtlich psychisch gestört gewesen. "Niemand, der psychisch gesund ist, nimmt ein Gewehr und erschießt 49 Menschen. Es gibt meiner Ansicht nach keine einfache Erklärung für diese Tat. Aber wir sollten als Erstes damit anfangen, den Erwerb von Waffen einzuschränken. Dann brauchen wir bessere psychische Gesundheitsvorsorge. Und dann braucht es ein gesellschaftliches Klima der Toleranz. Das brächte uns einer Lösung des Problems näher."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk