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StartseiteKultur heuteOrwell-Roman "1984" als Oper04.05.2005

Orwell-Roman "1984" als Oper

Maazel-Komposition erlebt Uraufführung in London

Als Dirigent hat der 75-jährige Lorin Maazel bei so gut wie allen bedeutenden Orchestern und Opernhäusern gearbeitet. Nun hat er seine erste Oper geschrieben. Bei der Uraufführung von "1984" stand Maazel selbst am Pult des Londoner Covent Garden Opera House.

Von Susanne Lettenbauer

Lorin Maazel hat mit "1984" seine erste Oper komponiert. (AP)
Lorin Maazel hat mit "1984" seine erste Oper komponiert. (AP)

Lorin Maazel hat die Diskussion wieder angefacht: Wie viele Anregungen und Einflüsse braucht die Oper von außen, wie viel verträgt sie. Blickt man zu den Anregungen, die eine Doris Dörie oder ein Bernd Eichinger der deutschen Opernlandschaft gegeben haben, muss man schlussfolgern: Das verträgt sie nicht.

Bei Lorin Maazel ist es nicht ganz so einfach und läuft doch auf dasselbe hinaus. Der heute 75-Jährige ist unbestritten ein Dirigent von Weltformat, das Wunderkind am Pult von Bayreuth, ein Wunderkind auch auf der Violine. Musikalisches Verständnis liegt ihm viel näher als es Filmregisseure je aufbringen könnten.

Da ist nun diese Oper nach dem horriblen Roman des Georges Orwell: 1984. Eigentlich ein Zahlendreher aus dem Jahr, in dem sich der Stalinsatiriker todkrank auf einer schottischen Insel seinen Hass auf totalitäre Strukturen aus dem Leib brüllte.

1984: Ein Synonym für die gleichgeschaltete Zukunft, das - schaut man nach Korea - auch im 21. Jahrhundert gilt. Die Rechtfertigung also für Londons Covent Garden Oper, Maazel in die Riege der Uraufführungsarbeiten einzureihen, mit denen sich das Haus seit 2002 eine Zukunft geben will. Einst war der Zweiakter in einem vertraulichen Zwiegespräch von dem 1999 verstorbenen Theatergenie August Everding angeregt worden, jetzt holte man sich für die Oper 1984 den Broadway-Poeten Thomas Meehan als Librettisten, den Franko-Kanadier Robert Lepage als Regisseur - Debütanten im Opernfach wie der Komponist Maazel. Süffisant schreibt der Guardian von den hunderttausenden von Euro, die Maazel in die Produktion gesteckt hat, lästert über die eigens gegründete Firma Big Brother Production des Regisseurs Lepage. Eine Theatergruppe, die weiterzieht, wenn sie denn jemand haben will.

Dabei ist das Konzept durchaus bestechend. Beeinflusst von seinen Lieblingskomponisten Verdi und Puccini bricht Maazel die ausschweifende Romanhandlung Orwells runter auf die zwischenmenschliche Ebene. Winston und Julia sind Teil der Einheitsmasse, die Airstrip One bevölkern, das früher einmal London hieß. Das Einheitsparteiprogramm heißt Kampf gegen das verfeindete Eurasien. Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.

Erstaunlich nah hält sich das Libretto am Original. Bis hin zu den beiden Hauptpersonen, Winston und Julia. Eine Romeo und Julia Story, die glücklicherweise nicht in altbekanntem Stil den Liebes-Verlust durchdekliniert, sondern mit der Ambivalenz schließt, dass Menschen unter totalitären Verhältnissen keine Beziehung zueinander aufbauen können. Die totale Überwachung erlaubt keine Rückzugsorte. Maazel lässt Winston und Julia in eine Falle tappen, die sie ins Gefängnis bringen und zerbrechen wird. Kein Happy-End, sondern eine Totally Horror-Picture-Oper samt Folterszenario. Bühnenbildner Carl Fillion steckt Simon Keenlyside, Diana Damrau und Nancy Gustafson in klaustrophobische Räume. Maazel am Pult jagt sie durch Koloraturarien mit Walzertakten, Bluesmusik mit Musicalklängen, oft mit einem Augenzwinkern. Er irritiert das Publikum während der dreieinhalb Stunden mit schmalzigen Harmonien, z.B. bei den ersten Liebesversuchen. Später jedoch, nachdem die angeblichen Saboteure unter Folter wieder gleichgeschaltet, also "neutralisiert" sind, wirkt das Zitat dieser Melodien sarkastisch.

Maazel hat eine infantile Freude daran, als weltbekannter Dirigent auch die letzte Bastion der Opernjobs auszuprobieren. Er muss sich niemandem mehr beweisen. Er zitiert die Musikgeschichte vom Barock bis zum Jazz, langweilt den Zuhörer stellenweise bis ins Unerträgliche und kriegt dennoch zum Schluss wieder den Bogen hin, dem Publikum eindrücklich die Gefahren eines totalitären Überwachungsstaates vor Augen zu führen. Hatte es zur Pause noch Buh-Rufe gegeben - nach dem letzten Ton des dreieinhalbstündigen Mammutwerkes feierte das Londoner Publikum gestern Abend den 75-jährigen Künstler - und war erleichtert, so unbeschadet davon gekommen zu sein.

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