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StartseiteDokumente der Woche"Damals wurde ich nicht verstanden“31.10.2014

Oskar Lafontaine blickt zurück auf 1989"Damals wurde ich nicht verstanden“

Oskar Lafontaine fühlt sich nach 25 Jahren von der Geschichte bestätigt. Mit seinen Warnungen vor den wirtschaftlichen Folgen einer deutsch-deutschen Währungsunion habe er 1989/90 Recht habt, sagte er im Deutschlandfunk. Ein Gegner der Einheit sei er aber nie gewesen, auch wenn er stärker europäisch als national fühle.

Oskar Lafontaine, Vorsitzender der neuen Bundestagsfraktion "Die Linke" im Bundestag (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Oskar Lafontaine ist heute Politiker der Linkspartei. Die Aufnmahme in unserem Berliner Funkhaus stammt aus dem Jahr 2008. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Das Gespräch bezieht sich auf das Dokument der Woche "Interview der Woche" mit Oskar Lafontaine vom 31.10.1989

Prophezeiung eines polnischen Kommunisten

Lafontaine bekennt freimütig, dass er lange nicht an eine Wiedervereinigung geglaubt habe. Im Sommer 1989  habe ihm ein polnischer Kommunist vorausgesagt, dass es so kommen werde. Er habe das nicht für möglich gehalten. Denn er habe nicht geglaubt, dass die Supermacht Sowjetunion bereit sein würde, eine Verkleinerung ihres Machtbereiches zu akzeptieren.

Sein Wahlkampf mündete im Dezember 1990 in der Niederlage gegen Helmut Kohl. Lafontaine macht deutlich, dass dies auch an den Folgen des Messerattentats aus dem April 1990 gelegen habe. Er sei als SPD-Kanzlerkandidat geschwächt gewesen.

Lafontaine bereut nichts

Generell bereut Oskar Lafontaine aber nicht, ehrlich gewesen zu sein. Auch wenn man ihn damals nicht verstanden habe, solle man doch immer versuchen, die eigene Meinung zu vertreten -  auch wenn es erst einmal wenig Beifall gebe. Daraus eine Ablehnung der Einheit zu konstruieren, das sei aber vor 25 Jahren polemisch gewesen.

Hier das Interview in voller Länge:

Birgit Wentzien: Erinnern Sie sich an die Zeit von vor 25 Jahren heute?

Oskar Lafontaine: Ja natürlich erinnere ich mich noch. Aber die Erinnerung ist natürlich nicht mehr vollständig, denn 25 Jahre, das ist doch eine beträchtliche Zeit, und manches vergisst man dann auch.

Wentzien: Wir sind hineingestolpert damals, sagt Wolfgang Schäuble, mit allen Risiken, aber so geht Geschichte, so nach dem Motto, das nächste Mal machen wir es stringenter, geplanter. War das so ein Gefühl aus dieser Zeit vor einem Viertel Jahrhundert?

Lafontaine: Ja, das war so, denn ich erinnere mich noch, dass ich in dieser Zeit im Sommer in Madrid war und mir ein polnischer Kommunist sagte, die Wiedervereinigung wird kommen, und ich habe ihn sehr ungläubig angeschaut. Ich dachte, die Sowjetunion wird niemals zulassen, dass in dieser Form eine Wiedervereinigung stattfindet. Insofern war die Entwicklung schon so, dass wir hineingestolpert sind. Ich glaube, die große Mehrheit hat nicht erwartet, dass die Wiedervereinigung kommt.

Wentzien: Davon gehen Sie aus? Alles was jetzt dann praktisch an Eingeständnissen heutzutage und seither gekommen ist, man hätte es doch in Ansätzen sehen können, wirtschaftlich sowieso, das ist alles etwas nachinterpretiert sozusagen?

Lafontaine: Ja. Wirtschaftlich hätte man natürlich sehen können, dass in der damaligen DDR vieles falsch gelaufen ist, aber man musste ja wissen, dass in der damaligen Zeit die Sowjetunion die andere Supermacht war, und viele haben das schlicht und einfach von der Machtstrategie her analysiert und konnten sich nicht vorstellen, dass die Supermacht Sowjetunion ihren Einflussbereich in Europa aufgibt.

Wentzien: Sie haben gesagt, der wirtschaftliche Aufholprozess Ostdeutschlands wird Jahrzehnte, ja wahrscheinlich sogar mehrere Generationen dauern. Das wollte aber so recht niemand hören. Politik zusammengefasst und sehr kurz gefasst an dieser Stelle haben damals andere gemacht. Sie haben Recht behalten, wenn man so will, und Sie sind als Kanzlerkandidat der SPD gescheitert oder unterlegen. Eine, sagen wir mal, bittere Bilanz für Ihre politische Biographie?

Lafontaine: Ja und nein. Ja, wenn man eben in den Kategorien von Sieg und Niederlage denkt, dass ich damals eine Wahl verloren habe. Das war für mich eine neue Erfahrung. Und es war ja nicht irgendeine Wahl; es war eine Bundestagswahl, in der ich als Kanzlerkandidat angetreten bin. Nein, weil ich dennoch glaube, dass Politiker in schwierigen Situationen das sagen sollten, was sie für richtig halten. Und wenn sie dann im Nachhinein bestätigt werden durch den Verlauf der Geschichte, dann ist das zumindest, wenn man so will, ein gutes Gefühl, weil man doch sagen kann, auch wenn es schwer war, auch wenn der Zeitgeist anders war, ich habe versucht, meinen Verstand einzuschalten, und habe gesagt, das und das wird kommen. Wobei der Ansatzpunkt der war, bei mir immer: Nicht ist die Frage die, ob wir in einem Staat zusammenleben, sondern mein Kernpunkt war immer, wie geht es den Menschen in Ostdeutschland und natürlich auch in Westdeutschland, aber in erster Linie in Ostdeutschland, und ich habe darauf hingewiesen, dass die Einführung der härtesten Währung des Westens - das war die D-Mark damals - in eine Wirtschaft, die eine der schwächsten war der Industriestaaten, dass das nicht gut gehen konnte. Aber damals wurde ich nicht verstanden.

Wentzien: Weitere Vorschläge, die Sie damals im Nachgang dann gemacht haben, waren Wirtschaftshilfen für die DDR, dann administrative Möglichkeiten. Sie wollten zum Beispiel, dass Ihre Staatskanzlei in Saarbrücken prüft, ob die Übersiedlung rechtlich von einem Nachweis von Wohnsitz und Arbeitsplatz im Westen abhängig gemacht werden. Wenn ich in der Summe schaue, Herr Lafontaine, wie haben Sie das, können Sie sich vielleicht erinnern, damals erlebt? Denn so im Nachgang Recht gehabt zu haben oder, sagen wir mal, ein gutes Gefühl aus der Geschichte heraus, das ist das eine. Aber in dem Moment vielleicht auch in die Ecke gedrängt zu sein und ein einsamer Rufer in einer ganz anders gestalteten Wüste, wie geht man damit um?

Lafontaine: Wir hatten damals eine Situation, dass die Turnhallen voll waren. Es kamen Leute aus dem Osten und es gab Begrüßungsgeld und so weiter und so weiter. Und ich habe damals in dieser Stimmung gesagt, ja das kann doch so nicht weitergehen, wir sollten jetzt das Geld, das wir haben, im Osten investieren, nicht die Leute hier herlocken und unsere Turnhallen überbelegen, und habe dann gesagt, vielleicht wäre es eine Möglichkeit, dass die Leute erst kommen, wenn sie eine Wohnung und einen Arbeitsplatz haben, dann brauchen wir sie nicht in Turnhallen unterzubringen. Aber auch das war damals in der Bevölkerung durchaus populär, aber die Politik, die wenn man so will auch zur damaligen Zeit ziemlich ideologisch ausgerichtet war, die Politik hat anders reagiert, und insofern läuft das auf dieselbe Fragestellung hinaus, ob man Positionen vertreten kann, wenn die Mehrheit in der Politik anderer Auffassung ist. Ich halte das nach wie vor für richtig. Im Grunde genommen kann man das auch so argumentieren: Man muss immer versuchen, in politischen Fragen seine Überlegungen gelten zu lassen und dann auch eine Meinung zu vertreten, wenn sie nicht unbedingt auf großen Beifall stößt.

Wentzien: Französische Küche und italienische Strände seien für ihn - gemeint sind Sie, Herr Lafontaine, und gesagt hat dies Marianne Birthler, die Bürgerrechtlerin - interessanter als Brüder und Schwestern im Osten. Trifft Sie das?

Lafontaine: Nein, das hat mich nicht getroffen. Es ist natürlich so: Ich lebe ja hier an der Grenze. Ich habe natürlich, wenn man so will, mit Franzosen damals viel, viel mehr zu tun gehabt und heute auch noch - man kann ja nur einkaufen gehen hier, dann wimmelt es nur von Franzosen - als etwa mit Leuten aus Ostdeutschland. Das war eine polemische Bemerkung von Frau Birthler, die nicht verstanden hat, dass wir natürlich im Westen der Republik, insbesondere meine Generation mehr oder weniger in der westeuropäischen Kultur groß geworden ist, und insofern ist das richtig. Ich nehme an, dass heute Frau Birthler, oder hoffe es, die italienische Küche schätzt und die Strände.

Wentzien: Ist Ihnen Paris näher als Berlin?

Lafontaine: Das ist allein kilometermäßig schon so. allerdings spreche ich die deutsche Sprache besser als die französische Sprache. Aber mit dieser Frage kann man natürlich ein Grundproblem behandeln. Ich fühle tatsächlich eher europäisch. Ich denke nicht mehr so sehr in den Kategorien des Nationalstaates, wie vielleicht andere damals gedacht haben und heute immer noch denken. Wir sind europäisch aufgewachsen und insbesondere wir, die wir an der Grenze leben oder auf der Grenze leben, wie es literarisch formuliert wird. Wir empfinden und denken da anders, letztendlich ja auch im Sinne der Gleichheitsidee. Not und Leid und etwa Mitempfinden für Menschen gruppieren wir nicht nach Nationalstaaten.

Wentzien: Gesetz den Fall, Sie könnten alles noch mal machen, haben Sie irgendetwas, was Sie anders machen würden?

Lafontaine: Ja, mit Sicherheit. Ich war ja damals durch das Attentat, das mich im Wahlkampf so stark behindert hat, so möchte ich einmal sagen, nicht in bester Verfassung. Ich würde heute sicherlich in etwas stärkerer Form auch auf die Empfindungen Rücksicht nehmen älterer Menschen in West- und Ostdeutschland, die natürlich eher gesamtdeutsch aufgewachsen waren und auch gesamtdeutsch gedacht haben. Aber solche Überlegungen im Nachhinein führen natürlich, wenn man so will, letztendlich nicht weiter, denn das was man gemacht hat, oder was ich gemacht habe, 1990 oder 89/90, das habe ich damals nach bestem Wissen und Gewissen, wie das so schön heißt, gemacht. Da gab es natürlich auch Irrtümer, aber man muss dazu stehen,. Auch Irrtümer verstehen sich nur aus der Zeit heraus und in meinem Fall aus der besonderen Situation, die ich angedeutet habe.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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