• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInformationen am MorgenWenn niemand mehr hilft 01.02.2016

Ost-UkraineWenn niemand mehr hilft

Die sogenannte "Kontaktlinie" im Osten der Ukraine ist 500 Kilometer lang. Zehntausende Menschen sind dort auf sich selbst gestellt. Weder die Führung der Separatisten noch die Regierung in Kiew kümmern sich. Eine kleine Hilfsorganisation hat sich der Menschen nun angenommen - und riskiert, dabei selbst unter Beschuss zu geraten.

Von Sabine Adler

Ein zerstörter Wohnblock in Awdijiwka (Ukraine). Die Kleinstadt liegt an der Front zu den Seperatisten, der Wiederaufbau geht nur schleppend voran. (picture alliance / dpa / Friedemann Kohler)
Die Kleinstadt Awdejewka liegt an der Front. (picture alliance / dpa / Friedemann Kohler)
Mehr zum Thema

EuG-Urteil EU-Sanktionen gegen ukrainische Politiker nichtig

OSZE im Ukraine-Konflikt Neutrale Beobachter unter Feinden

Alltag in der Ostukraine Das Leben an vorderster Front

"Proliska" verbreitet Hoffnung. Das kleine blaue Blümchen, ein Frühblüher, ist das Symbol für eine der letzten Hilfsorganisation, die sich überhaupt noch um die graue Zone kümmern. Bis auf Ärzte ohne Grenzen wagt sich kaum jemand in das Niemandsland zwischen dem von den prorussischen Separatisten okkupierten Gebiet und dem von der Ukraine kontrollierten Territorium. Zu "Proliska" gehören 50 Aktivisten, die dort unermüdlich unterwegs sind. In einem Gebiet von rund 500 Kilometer Länge und 20 Kilometer Breite, immer entlang der Frontlinie. Kaum irgendwo in der Ostukraine ist es derzeit gefährlicher. Von Waffenruhe kann keine Rede sein. Der Ort Awdejewka zum Beispiel wird jeden Tag attackiert, berichtet Olena Gulajewa, die Leiterin.

"Die Menschen in der grauen Zone sind erstaunlich stark, sie haben ungeheuer viel Kraft. Sie leben ihr Leben und hoffen, dass doch noch alles wieder gut wird. Aber es gibt Momente, wenn wieder Granaten einschlagen und Menschen sterben, dass sie dieser Mut verlässt."

75.000 Menschen leben in der grauen Zone

Olena Gulajewa weist auf die Fotos von zerstörten Häusern. Ein Bild zeigt ein kaputtes Auto. Eine Granate hat Garagen- und Autodach durchschlagen. Wegen der Minen und nichtexplodierten Sprengsätze auf dem Hof trauen sich die Einwohner seit über sechs Monaten nicht, den toten Fahrer aus dem Wagen zu bergen. Olena Gulajewa wohnt selbst nicht mehr in der Pufferzone, aber sie hilft, die dort Zurückgelassenen zu versorgen.

"Um in die graue Zone Lebensmittel oder andere humanitäre Hilfe zu bringen, muss man einen ganzen Stapel von Papieren bei sich haben, Berechtigungs- und Passagierscheine, dass man Zutritt zu dem Gebiet hat. Und man braucht die Rechnungen über den Kauf der Lebensmittel. Wenn unsere Freiwilligen allerdings nur in das Gebiet wollen, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen, genügen weniger Dokumente für den Einlass."

75.000 Menschen leben in der grauen Zone, "Proliska" beliefert sie mit dem Nötigsten und bringt von dort Informationen mit. Denn kaum jemand weiß, wie unsicher die Lage dort trotz des Waffenstillstands immer noch ist, internationale Beobachter haben keinen Zutritt. Natalja Ponomarjowa ist erst vor zwei Wochen mit ihren fünf Kindern aus Brjanka bei Stachanow geflohen. Denn genau an ihrem Haus vorbei hätten russische Soldaten sei seit dem Jahreswechsel massiv russische Militärtechnik antransportiert.

"Viele, sehr viele waren das. Von der russischen Armee. Ein ganzes Batallion. Alles russische Militärtechnik und russische Soldaten. Andere waren nicht zu sehen. Das Leben wird immer schwerer dort und immer teurer. Ein Paket Salz kostet inzwischen 50 Rubel, früher waren es drei Griwna."

Die Freiwilligen von "Proliska" nehmen großen Risiken auf sich

Sechs Mal so viel. Eine andere Flüchtlingsfrau, die zweifache Mutter Elena aus Perwomajskoje, wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich in ihr Zuhause zurückzukehren, das sie vor anderthalb Jahren verlassen musste. Dass daran jedoch nicht zu denken ist, versteht sie, wenn sie die Meldungen von "Proliska" hört. Auch Perwomaiskoje liegt in der Pufferzone.

"Wir haben verstanden, dass wir nicht so schnell nach Hause zurückkehren können. Wir sind hier als Flüchtlinge aufgenommen worden, aber nicht alle betrachten uns hier in Charkow freundlich. Wir kommen schließlich aus dem Donbass. Ich fühle mich wie ein Schatten. Meine Seele will nach Hause, aber es geht nicht, denn dort gibt es bis heute Explosionen."

Die Freiwilligen von "Proliska" nehmen großen Risiken auf sich, wenn sie zu den Zurückgebliebenen in der Grauen Zone fahren, also meist zu alten oder kranken Bewohnern.

"Unsere Volontäre kaufen zum Beispiel Lebensmittel und fahren dann in die Dörfer und verkaufen sie. Diejenigen, die überhaupt kein Geld mehr haben, bekommen von den Helfern Brot und andere Nahrungsmittel kostenlos."

Für die Menschen ein wichtiges Signal, dass sie nicht vergessen werden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk