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StartseiteEssay und DiskursOswald Spenglers Untergang des Abendlandes13.05.2012

Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes

Endzeit-Szenarien (3/5) - 3. "Der Weg senkt sich"

In Zeiten, da Krisen die Normalität buchstabieren, fallen Untergangsprognosen auf fruchtbaren Boden. Doch Vorstellungen von Apokalypse und Endzeit lassen sich in allen Kulturepochen und Genres finden. Ein Beispiel dafür ist Oswald Spenglers Klassiker "Der Untergang des Abendlandes".

Von Albrecht Betz

Der Philosoph Theodor W. Adorno beschäftigte sich mit Spenglers Werken (AP Archiv)
Der Philosoph Theodor W. Adorno beschäftigte sich mit Spenglers Werken (AP Archiv)

"Mit dem Auge eines Gottes" - als von weit oben tiefer schauend - grenzt sich Oswald Spengler ab von den Historikern und Philosophen seiner Zeit: Die Gesamtschau der Weltgeschichte, die er bietet, soll erstmals erlauben, ihren Fortgang vorauszubestimmen.

Vielen - nicht nur Deutschen - imponierte die heroische Pose, in der Spengler seine perspektivenreichen Behauptungen, seine effektvollen Zuspitzungen verkündete. Der apodiktische, Widerspruch nicht duldende Ton, kalt und forciert-antihuman, der einer breiten Strömung des Zeitgeists der 1920er-Jahre entsprach, trug dazu bei, dass zahlreiche Leser die vom Autor angestrebte Desillusionierung als Erleuchtung erfuhren. Spengler wuchs die Aura des großen Einzelgängers zu, der mit seinem gewaltigen Opus verdeckte Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten enthüllte: ein Enträtseler der Geheimnisse der Weltgeschichte; einer, der die Ideen seiner Epoche umpflügte und die Vertreter der akademischen Disziplinen auf die Ränge verwies.

Sein Buch, dessen fanfarenhafter Titel zum politischen Schlagwort wurde, konnte auch darum zum Bestseller innerhalb der Weltanschauungsliteratur werden, weil der intellektuelle Reiz der Untergangsmetapher in ihrer Vieldeutigkeit besteht; bei jeder größeren Krise ist sie erneut mobilisierbar.

Spengler selbst verstand sich als ein Prophet, der für die kommenden Generationen schreibt.

"Ich sehe schärfer als andere, weil ich unabhängig denke, von Parteien, Richtungen und Interessen frei. Ich habe die Dinge vorausgesehen, wie sie sich organisch, schicksalhaft entwickelten und weiter entwickeln würden. Ich sehe noch mehr voraus, aber ich fühle mich einsamer als je. Aber ich wiederhole immer und immer wieder, dass ich lediglich Tatsachen beschrieben habe, für Leute, die staatsmännisch denken und handeln können, und nicht für Romantiker."

Sie sind ein Lieblingswort Spenglers – die Tatsachen. Er führt sie - wie ein General seine Truppen - ins Feld, um das Gefechtsgelände zu säubern von theoretischen Relikten, seien sie idealistischer, aufklärerischer oder romantischer Natur. Seine gesteigerte Nüchternheit erteilt einer künftigen Realpolitik gleichsam die höheren Weihen - einer Machtpolitik, die die großen, unvermeidlichen Entwicklungen als "Schicksal" erkennt, akzeptiert und daraus ihre Handlungen ableitet.

Unter den noch lebenden Politikern gilt als bekanntester Spenglerianer: Henry Kissinger.

Bereits als junger Mann widmete er dem Autor des Untergangs ein wichtiges Kapitel seiner Doktorarbeit. Selbst ein bekannter amerikanischer Geograf wie Jared Diamond hat sich für seine Studie "Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" von Spengler inspirieren lassen - wiewohl er vorwiegend ökologische Katastrophen für die früheren Untergänge verantwortlich macht.

Spengler, der in Analogien denkt und imaginiert, geht bei seiner Interpretation der Gegenwart als Niedergangszeit vom Niedergang der Antike aus; zu ihr wird die Gegenwart, der Untergang des Abendlandes (englisch: Decline oft the West) gleichsam parallel geschaltet. Dabei werden ihm Römer und Preußen fast identisch.

"Das Römertum, von strengstem Tatsachensinn, ungenial, barbarisch, diszipliniert, praktisch, protestantisch, preußisch, wird uns, die wir auf Vergleiche angewiesen sind, immer den Schlüssel zum Verständnis der eigenen Zukunft bieten. Griechen und Römer - damit scheidet sich auch das Schicksal, das sich für uns schon vollzogen hat, von dem, welches uns bevorsteht."

Da eine strukturelle Parallelität zwischen beiden Untergängen besteht, so Spengler, kann - durch die Kenntnis des Ablaufs der antiken Geschichte - die Zukunft vorausbestimmt werden. Spenglers Gleichsetzung von Imperium Romanum und Imperium Germanicum im bereits 1917 abgeschlossenen ersten Band des Untergangs belegt zweierlei: zum einen, dass er sicher war, Deutschland würde aus dem Weltkrieg als Sieger hervorgehen; zum andern, dass er mit "Untergang" keineswegs eine plötzliche Katastrophe meinte, so, wie sie dem Publikum etwa mit der erst fünf Jahre zuvor untergegangenen Titanic noch vor Augen stand. Vielmehr sei gleichsam naturgesetzlich zu erkennen, dass eine untergehende Kultur, nach ihrer Erschöpfung, in die Zivilisation übergehe; in ein anderes Stadium, in dem vieles noch als äußere Form weiterexistiere, doch ohne schöpferische, ursprüngliche Kraft, die Neues gebären könne: Zivilisation als "Klimakterium" der Kultur.

Der enorme Erfolg von Spenglers Buch verdankte sich einem Missverständnis: Als es mit einem Jahr Verspätung Ende 1918 erschien - fast gleichzeitig mit dem militärischen Zusammenbruch, mit dem Sturz der Monarchie, mit den Wirren der November-Revolution - verbanden die traumatisierten Leser mit dem Titel die Hoffnung auf eine Deutung der unerwarteten deutschen Katastrophe. Die Gewissheit einer existenziellen Bedrohung war weit verbreitet; mehr als ein Hauch von Apokalypse lag in der Luft.

An Spenglers Diagnose der Verfallserscheinungen der Kultur und ihres Umfelds - der Vermassung, der Geldanbetung, der Entwurzelung, dem nur interessegeleiteten Vernunftgebrauch in den Großstädten - hätte indes auch ein deutscher Sieg nichts geändert. Und auch nichts die von Spengler erhoffte, dem Deutschen Reich - als dem "Herzen" des Abendlands - dann zustehende Hegemonie über den Kontinent; der Analogie zufolge: Berlin gleich antikes Rom, die Entente gleich Karthago.

Der Imperialismus, den er, Spengler, "predige", entspreche der Phase der Zivilisation, in die das Abendland nun eintrete. Sie ziele nach außen, auf Machtentfaltung und Beherrschung; während in der hohen Zeit der Kultur die Energien nach innen gerichtet seien, in die Tiefe, ins Schöpferische. Dahin gebe es kein Zurück, ein zweiter Goethe sei nicht zu erwarten. Im Zentrum der Zivilisation stünden vielmehr Technik und Industrie; die gelte es vehement zu akzeptieren: als Chance, mit ihrer Hilfe endlich zur Weltmacht aufzusteigen.

Thomas Mann hat in den fast gleichzeitig erschienenen "Betrachtungen eines Unpolitischen" den Weltkrieg als Kampf der deutschen Kultur gegen die westliche Zivilisation - des Geistes gegen die Politik, gegen die "demagogischen Ideen von 1789" und den Liberalismus, gegen eine mögliche französisch-englische Dominanz auf Kosten Deutschlands - gerechtfertigt. Dagegen bezieht Spengler mit seinem Gegensatzpaar Kultur/Zivilisation eine, wie er überzeugt ist, überlegene, weltgeschichtliche Position.

"Denn jede Kultur hat ihre eigene Zivilisation. Zum ersten Male werden hier die beiden Worte in periodischem Sinne, als Ausdrücke für ein strenges und notwendiges organisches Nacheinander gefasst. Die Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. Hier ist der Gipfel erreicht, von dem aus die letzten und schwersten Fragen lösbar werden. Zivilisationen sind die äußersten und künstlichsten Zustände, deren eine höhere Art von Menschen fähig ist. Sie sind ein Abschluss; sie folgen dem Werden als das Gewordene, dem Leben als der Tod, der Entwicklung als die Starrheit, dem Lande und der seelischen Kindheit, wie sie Dorik und Gotik zeigen, als das geistige Greisentum und die steinerne, versteinernde Weltstadt. Sie sind ein Ende, unwiderruflich, aber sie sind mit innerster Notwendigkeit immer wieder erreicht worden."

Zur kopernikanischen Wende in der Geschichtsauffassung, die der - weniger analysierende als intuitiv "erschauende" - Spengler für sich in Anspruch nimmt, gehört, zu Recht, die Überwindung des vielen Historikern zur zweiten Natur gewordenen Eurozentrismus. Dies vor immerhin 100 Jahren. Auch heute trauen sich erst wenige eine polyzentrische Perspektive zu.

"Ich nenne dies dem heutigen Westeuropäer geläufige Schema, in dem die hohen Kulturen ihre Bahnen um uns als den vermeintlichen Mittelpunkt alles Weltgeschehens ziehen, das ptolemäische System der Geschichte und ich betrachte es als die kopernikanische Entdeckung im Bereich der Historie, dass in diesem Buch ein System an seine Stelle tritt, in dem Antike und Abendland eine in keiner Weise bevorzugte Stellung einnehmen neben Indien, Babylon, China, Ägypten, der arabischen und der mexikanischen Kultur – Einzelwelten des Werdens, die im Gesamtbilde der Geschichte ebenso schwer wiegen, die an Großartigkeit der seelischen Konzeption, an Gewalt des Aufstiegs die Antike vielfach übertreffen."

Die erwähnten acht Hochkulturen, die er aus dem fast unüberschaubaren Fluss des Geschehens der letzten Jahrtausende heraushebt und identifiziert, werden von ihm wie lebendige Organismen beschrieben, die eine eigene Seele haben, eine Kulturseele. Es sind große, kollektive Individualitäten mit einer Lebensdauer von etwa 1000 Jahren; sie sind gegeneinander autonom und unabhängig, Monaden ähnlich – und doch verfügen sie als Organismen über die gleiche ontologische Grundstruktur: Sie müssen den biologisch vorgegebenen Weg durchlaufen, bis zum Ende.

"Jede Kultur durchläuft die Altersstufen des einzelnen Menschen. Jede hat ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Männlichkeit und ihr Greisentum."

Es ist ein zyklisches Geschichtsmodell, das Spengler an die Stelle des geläufigen linearen Modells setzt. Er überträgt Goethes morphologische Grundbegriffe wie "Gestaltlehre" und "Urphänomen" von der Naturphilosophie auf die Geschichtsphilosophie. Erinnert sei auch daran, dass der seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts populäre Entwicklungsgedanke und Darwins Theorien das geistige Klima mitbestimmen.

Goethe ist einer der beiden Überväter, die sich Spengler erwählt hat. Der andere ist Nietzsche. Dessen Schlüsselbegriffe wie "Dekadenz" oder "Nihilismus" sind im "Untergang des Abendlandes" allgegenwärtig. Seine Interpretation der Gegenwart als Niedergangszeit, für die sich Spengler bei Nietzsche munitioniert, ist sicher auch von seiner eingeborenen pessimistischen Grundüberzeugung bestimmt, seinem - wie wir aus den Tagebüchern wissen - ängstlichen Naturell. Er kompensiert dies durch rhetorische Kraftmeiereien, beruft sich häufig auf Nietzsches "Willen zur Macht" und predigt etwa der Jugend, sie solle sich nicht im Reich des Geistes, sondern im Lebenskampf bewähren:

"Wenn unter dem Eindruck dieses Buches sich Menschen der neuen Generation der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntniskritik zuwenden, so tun sie, was ich wünsche."

Und nähern sich damit seiner Vorstellung von heroischem Realismus. Der Kampf ist identisch mit den Urtatsachen des Lebens, ja ist das Leben selbst. Die Verbindung von Sozialdarwinismus und Lebensphilosophie grundiert fast alle Schriften Spenglers. Sie tritt zusammen mit einer an Nietzsche angelehnten "Amor Fati"-Haltung, der Liebe und Bereitschaft zum unausweichlichen Schicksal, dem "in Härte" standzuhalten sei.

Es ist der Appell zu einer - selbst auf verlorenem Posten (Stichwort: Pessimismus) - durchzustehenden Dennoch-Haltung, ein Fatalismus gesteigerter Art. Das unentrinnbare Schicksal – als eigengesetzliches Wirken höherer Lebensmächte – nicht annehmen zu wollen, wäre absurd.

Zugleich fordert Spengler geballt die preußisch-spartanischen Sekundärtugenden ein: Pflichterfüllung, Opferbereitschaft, Selbstdisziplin, Zucht. Sie sind gegen Dekadenz und Entartung aufzubieten. Freiwilliger Verzicht auf jeglichen Hedonismus, Mut, Entschlossenheit, "Haltung": Die Vision der Wiedergeburt Deutschlands und seiner noch zu erfüllenden Mission (denn das deutsche Volk "ist das unverbrauchteste der weißen Rasse") ist in Spenglers Schriften omnipräsent.

Bevor 1922 der zweite Band des Untergangs erschien, hatte Spengler ganz in diesem Sinn eine aktuelle politische Schrift verfasst, von der er später stolz behauptete:

"Von diesem Buch hat die nationale Bewegung ihren Ausgang genommen. Dass Sozialismus kein materialistisches Wirtschaftsprinzip ist, sondern eine ethische Haltung."

Und zwar eine preußische, und dass man den Sozialismus von Marx befreien müsse, versuchte er suggestiv darzulegen. Er nannte den schmalen, polemisch verdichteten Band, der 1919 entstanden war, "Preußentum und Sozialismus" – ursprünglich hatte er, in Spenglerscher Analogiebildung, "Römer und Preußen" heißen sollen. Die Heraufkunft eines deutschen Sozialismus bestimmte er als:

"Den Willen, über alle Klasseninteressen hinaus eine mächtige politisch-wirtschaftliche Ordnung ins Leben zu rufen, ein System der vornehmen Sorge und Pflicht, die das Ganze für den Entscheidungskampf der Geschichte in fester Form hält."

Um in der Zukunft ein deutsches Imperium zu schaffen, bedürfe es eines neuen, preußischen Römertums, dass über die notwendige Härte verfüge; einer Synthese aus autoritärer Organisation und Gemeinschaft. Kampf, Leben, Geschichte: Sie bilden einen positiven, metaphysischen Zusammenhang für Spengler: gegen den erstarrten westlichen Rationalismus.

"Wir glauben nicht mehr an die Macht der Vernunft über das Leben. Wir fühlen, dass das Leben die Vernunft beherrscht. Menschenkenntnis ist uns wichtiger als abstrakte und allgemeine Ideale; aus Optimisten sind wir Skeptiker geworden: Nicht was kommen sollte, sondern was kommen wird, geht uns an; und Herr der Tatsachen bleiben ist uns wichtiger als Sklave von Idealen werden."

Mit seinem Buch "Preußentum und Sozialismus" wurde Spengler zu einem der Vordenker jenes Ensembles von Strömungen, denen man später das Etikett "Konservative Revolution" verlieh. Offenbar schmeichelte ihm die Rolle des prominenten Rechtsintellektuellen, der von Großindustriellen als politischer Berater und in Unternehmerkreisen zu Vorträgen eingeladen wurde, um vor ihnen seine Vorstellungen vom "Neubau des Deutschen Reiches" als eines autoritären Staats zu entwickeln: beginnend mit der ohne Hemmungen als "Sumpf" beschriebenen jungen Weimarer Republik, "der sinnlosesten Tat der deutschen Geschichte"; sie sei vom "deutschen Weg" (sprich: dem preußischen) abgewichen, habe sich mit der gescheiterten Novemberrevolution den sogenannten "Karneval der Rätezeit" geleistet, mit dem - so Spengler - unverantwortlichen "Pack von Literatengeschmeiß" an der Spitze. Aufklärung und Demokratie gehörten nach Frankreich, Liberalismus und Parlamentarismus nach England. In drastischer Zuspitzung:

"Parlamentarismus in Deutschland ist Unsinn und Verrat. England hat alle Staaten ohnmächtig gemacht, denen es das Gift seiner eigenen Form als Arznei reichte."

Spengler, erklärter Feind des modernen Individualismus, will zurück zur altpreußisch-vormodernen Gesellschaftsordnung. Klassenkampf und "Parteienunwesen" schwächen den nationalen Zusammenhalt, erzeugen Zerrissenheit statt Gemeinsinn. Die Arbeiterschaft muss integriert werden, notfalls mit Gewalt.

"Zur preußischen Art gehört es, dass der Einzelwille im Gesamtwillen aufgeht. Der deutsche, genauer: preußische Instinkt war: die Macht gehört dem Ganzen. Der einzelne dient ihm. Das Ganze ist souverän. Der König ist nur der erste Diener seines Staates (Friedrich der Große). Jeder erhält seinen Platz. Es wird befohlen und gehorcht."

Führung und Gefolgschaft, mit klarer Rangordnung, frei von Illusionen der Gleichheit: Sie bleiben lebenslang Spenglers am Militärischen orientiertes soziales Modell. Sie gehören für ihn zur Substanz deutscher Stärke und es geht jetzt, nach der nationalen Enteignung durch den Versailler Vertrag, um Rückbesinnung auf die nationale Identität. Im Ton unterkühlter Bewunderung schreibt er:

"Dies ist, seit dem 18. Jahrhundert, autoritativer Sozialismus, dem Wesen nach illiberal und antidemokratisch. Preußentum ist ein Lebensgefühl, ein Instinkt, ein Nichtanderskönnen; es ist ein Inbegriff von seelischen, geistigen und deshalb zuletzt doch auch leiblichen Eigenschaften, die längst Merkmale einer Rasse geworden sind."

Wobei gleich anzumerken ist, dass Spengler nichts mit dem, wie er sagt, "idiotischen Rassegeschwätz" der Völkischen und der "grotesken" Vorstellung von Rassereinheit gemein hat; denn er versteht Rassen als Folge von Kulturen. Auch Antisemitismus findet sich keiner bei ihm. Es geht Spengler, wie er später in deutlicher Abgrenzung von den Nazis - und sehr von oben herab - formuliert, um…

" ... Rasse, die man hat, nicht eine Rasse, zu der man gehört. Das eine ist Ethos, das andere – Zoologie."

Wie erwähnt ist Spenglers Werk an frappanten Formulierungen und Einsichten keineswegs arm. Das erklärt die lebhaften Pro-und-Contra-Stellungsnahmen von zeitgenössischen Autoren wie Musil und Thomas Mann oder Theoretikern wie Simmel und Adorno. Thomas Mann wandelte sich vom Spengler-Enthusiasten zum Spengler-Kritiker, notierte aber im Tagebuch – verräterisch überscharf – eine "erschreckende Nähe". In seinen beiden wichtigsten Romanen, dem "Zauberberg" und "Doktor Faustus", entwirft er jeweils ein Untergangsszenario, das wie das Spenglers in seine Endphase eingetreten ist.

Adorno wiederum hat in einem 1938, zwei Jahre nach Spenglers Tod im Exil, geschriebenen Vortrag – dem Vorläufer des späteren Essays "Spengler nach dem Untergang" – auf eine Reihe von Spenglers im Geschichtsverlauf bestätigten "Prophezeiungen" hingewiesen: beginnend bei seiner Beobachtung der Massenmedien als moderner Manipulationsinstrumente, erster Formen des Übergangs zur Kulturindustrie, der mit sozialem Scharfblick formulierten Erkenntnisse in dem Kapitel über "Die Seele der Stadt", die vieles der damals noch unverbrauchten Begriffe wie Verdinglichung und Entfremdung zu illustrieren vermögen.

Hingegen geht es Spengler - in den Schlusskapiteln des zweiten Bandes seines Untergangs und in der zehn Jahre später veröffentlichten Zeitdiagnose "Jahre der Entscheidung" - um das Schicksal der "weißen Kultur", ihrer zweifachen Bedrohung von innen und außen.

Die von außen ist die "farbige Weltrevolution", der Aufstand der afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Völker gegen ihre Kolonialherren. Er wird möglich, weil sich das Abendland, das bisher unangefochten herrschende, alte Europa, durch den Weltkrieg - aus späterer Sicht: die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts - unwiderruflich geschwächt hat. Das Ergebnis der kommenden politischen und wirtschaftlichen Umschichtung - in globalem Ausmaß - ist noch kaum abzusehen.

Die Revolution von innen ist die "weiße Weltrevolution". Gemeint ist die soziale: die der Unterprivilegierten in den traditionellen Gesellschaften, wie sie von der russischen Oktoberrevolution eingeläutet wurde. Die bisher respektierten gesellschaftlichen und ökonomischen Führungsschichten werden hinterfragt; sie müssen sich legitimieren, können sich nicht mehr glaubhaft auf Gottesgnadentum oder ererbte Privilegien berufen.

Was, wenn in Zukunft einmal die weiße Revolution - die der Klassen - sich mit der farbigen Weltrevolution - der Rassen - verbündet?

"Nicht Deutschland, das Abendland hat den Weltkrieg verloren, als es die Achtung der Farbigen verlor. Die Gefahr pocht an die Tür... "

... heißt es 1932 am Ende von Jahre der Entscheidung. Doch auch:

"Gerade in der germanischen Rasse, der stärksten, die es je gegeben hat, schlafen noch große Möglichkeiten."

Sie ist der Kern dessen, was der Nationalist Spengler nicht müde wird zu beschwören: die faustische Kultur. Sie ist es, die - bisher - Europas Führungsrolle in der Welt garantierte. Sie ist eine technisch geprägte Kultur der ruhelosen Dynamik, der Naturbeherrschung, des Überschreitens, der Umsetzung stets neuer Erkenntnisse. Und so setzt er sie gegen andere Kulturen ins Relief:

"Der antike Grübler 'schaut' wie die Gottheit des Aristoteles, der arabische sucht als Alchimist nach dem Zaubermittel, dem Stein der Weisen, mit dem man die Schätze der Natur mühelos in seinen Besitz bringt, der abendländische will die Welt nach seinem Willen lenken.

Der faustische Erfinder und Entdecker ist etwas Einziges. Die Urgewalt seines Wollens, die Leuchtkraft seiner Visionen, die stählerne Energie seines praktischen Nachdenkens müssen jedem, der aus fernen Kulturen herüberblickt, unheimlich und unverständlich sein, aber sie liegen uns allen im Blute. Unsere ganze Kultur hat eine Entdeckerseele. Entdecken, das was man nicht sieht, in die Lichtwelt des inneren Auges ziehen, um sich seiner zu bemächtigen, das war vom ersten Tag an ihre hartnäckigste Leidenschaft.

Die Erfinder zwangen der Gottheit ihr Geheimnis ab, um selber Gott zu sein und sie schufen so die Idee der Maschine als eines kleinen Kosmos, der nur noch dem Willen des Menschen gehorcht. Diese faustische Leidenschaft hat das Bild der Erdoberfläche verändert. Ein Triumph, der nur einer Kultur geglückt ist."

schreibt Spengler auf den letzten Seiten seines Buches, auf denen bereits von faustischer Zivilisation die Rede ist. Mit erstaunlicher Luzidität weist der Autor des Untergangs - und ist damit seiner Zeit weit voraus - auf die kommende Rivalität hin: die zwischen produzierender Industrie und "Hochfinanz, die die einzige Macht sein" wolle.

"Das Ringen zwischen erzeugender und erobernder Wirtschaft."

Heute würde er damit Hedgefonds und Derivate meinen, die Schattenbanken und die von Gier getriebenen Spekulationsgeschäfte des Casinokapitalismus.

"Erhebt sich zu einem schweigenden Riesenkampf der Geister, der auf dem Boden der Weltstädte ausgetragen wird. Es ist der Verzweiflungskampf des technischen Denkens um seine Freiheit gegenüber dem Denken in Geld."

Diese Konflikte könnten in solcher Form nur in Demokratien entstehen: Die seien eigentlich verkappte Plutokratien, die den parlamentarischen Parteienzirkus inszenierten, um hinter der Bühne ungestört ihre Interessen verfolgen zu können.

Am Ende, dessen ist sich Spengler gewiss, gewinne dann doch die Politik wieder die Oberhand. Denn die Zivilisation werde in den "Cäsarismus" münden und die Dominanz der Politik, den Triumph von "Blut" und "Leben" über das Geld, wiederherstellen.

"Ein leitender Typus ist notwendig, der die schöpferischen Eigenschaften des Volkes im Hinblick auf seine geschichtliche Lage zusammenfasst und herausbildet."

Es ist ein fernes Echo von Nietzsches "Übermenschen" und der "Herrenmoral", das in Spenglers Vorstellung von den kommenden Cäsarengestalten nachklingt, wobei seine Verachtung der republikanisch-liberalen, dekadenten Werte des Westens immer mitzudenken ist. "Der Mensch ist ein Raubtier" heißt es in "Jahre der Entscheidung". Es gilt das Siegerrecht des Stärkeren, Darwins natürliche Auslese; die urwüchsigen Instinkte drängen zur kollektiven Selbstbehauptung mit einem charismatischen Führer an der Spitze.

Nur wenige traten bisher auf. Er nennt Lenin, der aber zu früh gestorben sei, und vor allem den "Duce" Mussolini. Der dankte es ihm übrigens, in dem er sich für die Propagierung der Schriften Spenglers in Italien einsetzte.

Hingegen hält Spengler zu Hitler und den Nationalsozialisten kritische Distanz. Zwar beginnt das im Sommer 1933 geschriebene Vorwort zu "Jahre der Entscheidung" scheinbar mit einem Bekenntnis:

"Niemand konnte die nationale Umwälzung dieses Jahres mehr herbeisehnen als ich. Ich habe die schmutzige Revolution von 1918 vom ersten Tage an gehasst, als den Verrat des minderwertigen Teils unseres Volkes. Alles was ich seitdem über Politik schrieb, sollte zu ihrem Fall beitragen und ich hoffe, dass der Fall gewesen ist. Der nationale Umsturz von 1933 war etwas Gewaltiges ... "

... um dann aber plötzlich zu warnen:

"Wehe denen, welche die Mobilmachung mit dem Sieg verwechseln! Was als Anfang Großes versprach, endet in Tragödie oder Komödie."

Unvergleichlich – die Attitüde des Hellsehers, der behauptet, den Durchblick durch die gesamte Geschichte zu haben. Es ist dieser Kassandra-Ton, der den Nazis missfiel; sie waren 1933 dabei, mit enormer Propaganda ihre "deutsche" Bewegung aufzublasen zu einem Volk von österlich Auferstehenden mit Hitler als Messias.

Während der späte Spengler im Ausland zum rechten Mainstream des soeben von der Republik zur Diktatur mutierenden Deutschland gezählt wurde, verblasste er in den Augen der Nazi-Ideologen zum eigenbrötlerischen, verbitterten Reaktionär, dessen Pessimismus täglich widerlegt werde durch die eigene, erfolgreiche Dynamik. Mit seinen Niedergangsprophezeiungen komme er für den Aufbau des Dritten Reiches nicht in Betracht. Seine elitäre Verachtung der Massen sei unzeitgemäß. Die zentrale Rolle der Rasse - im völkischen Sinn - habe er nicht erkannt.

In der Tat hat Spengler sich auf dieses Niveau nie begeben. Was er indes nicht erkannte war, dass unter den Bedingungen eines hoch entwickelten Kapitalismus Diktatur und Krieg nur mit Hilfe von Massenmobilisierung verwirklichbar sind.

Was Spengler in seinen letzten Jahren umtrieb - er starb im Mai 1936, noch vor den Olympischen Spielen in Berlin und vor allem vor den außenpolitischen Erfolgen des von ihm verachteten Hitler, die ihn vermutlich gleichwohl beeindruckt hätten - war der Verlust des europäisch-amerikanischen Technikmonopols: als Garant der Vorherrschaft der abendländischen Zivilisation.

"Statt das technische Wissen geheim zu halten, den größten Schatz, den die 'weißen' Völker besaßen, wurde es auf allen Hochschulen, in Wort und Schrift prahlerisch aller Welt dargeboten. Und man war stolz auf die Bewunderung von Indern und Japanern. Wo es Kohle, Erdöl und Wasserkräfte gibt, kann eine neue Waffe gegen das Herz der faustischen Kultur geschmiedet werden. Hier beginnt die Rache der ausgebeuteten Welt gegen ihre Herren. Das Schwergewicht der Produktion verlagert sich unaufhaltsam. Das ist der letzte Grund der Arbeitslosigkeit in den weißen Ländern, die keine Krise ist, sondern der Beginn einer Katastrophe. Optimismus ist Feigheit. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung ist Pflicht."

Das Betriebsgeheimnis, das die Herrschaft durch Fortschritt erlaubte, ist verspielt worden. Für die Phase nach dem Untergang auch der Zivilisation sah Spengler den Fall in die Geschichtslosigkeit voraus: in ein Fellachendasein, wie es Nietzsche als das der "letzten Menschen" beschrieb - ein nur noch biologisches Auf-und-Ab, ein Sich-gehen-lassen ohne höhere Ansprüche, ein Abgleiten in die "Wonnen der Gewöhnlichkeit". Heute würde man hinzufügen: in das schale Glück des unendlichen Konsumentendaseins.

Als Spengler starb, war das Interesse an zyklischen Geschichtstheorien erloschen. Inzwischen gerieten auch die progressiv-linearen Geschichtskonzepte in Misskredit. Immerhin ist der angekündigte Untergang bisher ausgeblieben.

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