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StartseiteForschung aktuellOzeanbeobachtung in der Deutschen Bucht19.10.2006

Ozeanbeobachtung in der Deutschen Bucht

Kieler Meeresforscher installieren Messturm vor Eiderstedt

Meeresforschung. - Das erste deutsche Ozean-Beobachtungssystem wird dieser Tage in der Nordsee vor der Küste Schleswig-Holsteins installiert. Daten über Wind, Wellen, Strömung und Wetter werden erstmals zusammen an einem Punkt gemessen, auf offener See. Die Forscher wollen damit unter anderem noch genauere Sturmflutwarnungen herausgeben. Und die gefährlichen Strömungen in der Nordsee erkunden.

Von Jens Wellhöner

Katastrophenfluten wie 1962 in Hamburg soll mit Ozeanbeobachtungssystemen vergebeugt werden. (Staatsarchiv Hamburg)
Katastrophenfluten wie 1962 in Hamburg soll mit Ozeanbeobachtungssystemen vergebeugt werden. (Staatsarchiv Hamburg)

Auf der Nordsee, zwölf Kilometer vor der Küste der Halbinsel Eiderstedt:
Auf dem Forschungsschiff "Südfall" machen sich Forschungstaucher der Universität Kiel bereit: Sie zwängen sich in ihre dick gegen die Kälte isolierten Taucheranzüge. 14 Grad ist die Nordsee nur warm: Zu kühl, um ungeschützt eine halbe Stunde lang zu tauchen. Björn Thoma und seine beiden Kollegen nutzen jetzt die Gunst der Stunde: Denn die Nordsee zeigt sich gerade von ihrer zahmen Seite. Das ist im Herbst längst nicht immer so: Ab einer Wellenhöhe von einem Meter, 1,5 Meter und einer Windstärke von 4 oder 5 ist Feierabend. Dann ist sicheres Tauchen von einem schwankenden Boot aus nicht mehr möglich. Die Forschungstaucher steigen jetzt ins Beiboot der "Südfall".

Und los geht es zum Messturm "Rochelsteert". Er ist das Herzstück des neuen so genannten Ozean-Beobachtungs-Systems an der Nordseeküste. Ein gelber schlanker Bau, elf Meter ragt er aus dem Wasser. An seiner Spitze ist eine Plattform. Von dort aus installieren zwei Techniker gerade eine Windkraftanlage, zur Stromversorgung. Weit unter ihnen, in bis zu neun Metern Wassertiefe, arbeiten die Forschungstaucher:

Sie installieren so genannte Drucksensoren. Weiße Kunststoffzylinder voller Elektronik. Sie sollen den Wasserdruck bestimmen. Und damit auch die Wellenhöhe. Von der Brücke der "Südfall" aus beobachtet Geologe Klaus Ricklefs das Geschehen. Jede Welle erhöhe den Wasserdruck auf das Messgerät in der Tiefe, erklärt er:

"Diese Druckzunahme, wasserstandsabhängig, dieser Druck wird dort gemessen. Und zwar so schnell, dass jede Welle, die ja höher ist als das mittlere Niveau im Kammbereich, gemessen wird. Und der etwas niedrigere Druck im Wellental."

Aber nicht nur die Wellenhöhe wollen die Forscher der Uni Kiel bestimmen. Ihr neuer Messturm erfüllt gleich mehrere Zwecke. Wasserstand, Windgeschwindigkeit, Strömung und Wetter: Alles wird hier an einer einzigen Stelle gemessen. Und zwar weit vor der Küste. Etwas völlig neues an der deutschen Nordsee. Klaus Ricklefs:

"Es gibt eine Vielzahl von Pegeln an der deutschen Nordseeküste. Aber alle diese Pegel stehen auf dem Festland bzw. auf vorgelagerten Inseln. Und all diese Wasserstandsinformationen, die ich dort gewinnen kann, sind also schon, dadurch dass das Wasser einen Flusslauf hinauflaufen muss oder sich zwischen Inseln hindurchzwängen musste, verändert. Und Informationen von der freien See sind rar."

Wenn alle Systeme laufen, werden die Messergebnisse in Sekundenschnelle auf Rechner auf dem Festland übertragen. So können die Wissenschaftler Sturmfluten und Strömungen noch genauer vorhersagen. Und ihr neues so genanntes Ozean-Beobachtungs-System kann sogar Leben retten. Ricklefs:

"Wenn ein Unfall ist auf See, wenn jemand ins Wasser fällt, wenn man dann zeitnah gute Informationen hat, wohin die Strömungen gehen, kann man das auch heranziehen. Oder, im Falle von Sturmfluten, wenn man eben erkennt, Wasserstände steigen sehr stark an, und zwar in sehr kurzer Zeit: Dann lässt es sich benutzen, um Sturmflutwarnungen auszusprechen."

Die Forscher werden auch Radarstationen in ihr neues Daten-Netzwerk einbauen, an der ganzen Westküste Schleswig-Holsteins. Und diese Stationen können auch Tidewellen, also Flutwellen, erkennen. Oder auch Tsunamis. Ricklefs:

"Da fragt man sich natürlich: Warum Tsunamis auf der Nordsee? Aber Tsunamis sind eben große, lange Wellen. Und die Tidewelle ist auch eine große, lange Welle. Und wenn man hier sozusagen üben kann, wie man sicher und verlässlich solche Wellen erfassen kann, dann ist man auch in der Lage, ein System zu bauen, dass verlässlich vor Tsunami-Wellen warnt."

Nach etwa einer Stunde sind die Taucher fertig mit ihrer Installationsarbeit. Erschöpft steigen sie wieder an Bord. Und erleichtert. Darüber, dass die Nordsee ihnen die Arbeit heute leicht machte. Taucher Michael Tessmann:

"Ja, ganz hübsch. Und besser als erwartet die Bedingungen. 2 bis 3 Meter, doch erstaunlich gut die Sicht heute."

Denn normalerweise kann man im schlammigen Wasser der Nordsee kaum die Hand vor Augen sehen. Ein guter Beginn für das neue Ozean-Beobachtungssystem der Uni Kiel. In wenigen Wochen soll alles fertig installiert sein. Dann werden die Forscher die ersten Messdaten bekommen. Und die bisher so unberechenbare Nordsee hoffentlich besser verstehen.

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