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StartseiteEssay und DiskursJa, wer sind denn diese Kinder? 14.09.2014

Pädophilie-DebatteJa, wer sind denn diese Kinder?

Justizminister Heiko Maas (SPD) will Bilder nackter Kinder tabuisieren und unter Strafe stellen. Kann man wirklich so Kinder schützen? Längst hat die Selbstzensur eingesetzt, wenn etwa Väter vor Kollegen nicht mehr wagen zu erwähnen, dass sie mit ihren Kleinkindern in die Badewanne steigen, schreibt Ulf Erdmann Ziegler in seinem Essay.

Von Ulf Erdmann Ziegler

Ein junges Mädchen schaut am 24.01.2014 in Berlin durch einen Türschlitz. (dpa / Ole Spata)
Woher eigentlich kommt die Idee von der Reinheit des Kindes? (dpa / Ole Spata)

Die Vorstellung, dass Kinder etwas Besonderes seien, fast so etwas wie eine eigene Spezies, ist relativ neu. Kinder dürfen nicht zur Arbeit gezwungen oder zu Arbeitszwecken ausgeliehen, sie sollen nicht hungern und nicht in den Krieg geschickt werden. Sie sollen lernen und spielen, oder besser noch spielend lernen. Diese Vorstellungen vom Kind und seiner Wohlfahrt sind nur wenige Jahrhunderte oder Jahrzehnte alt und haben sich keineswegs rasend schnell durchgesetzt. Selbst an das Prügeln in der Schule können sich manche Bundesbürger, die jetzt noch nicht das Rentenalter erreicht haben, erinnern, und in Ostdeutschland wurden Jugendliche in eine Organisation gedrängt, die sie früh zu Reservesoldaten geschmiedet hat. Schlimm ging es zu in westdeutschen Heimen, die oft den Kirchen unterstanden, in denen Kinder geschlagen und in Keller gesperrt und in anderer Weise zutiefst gedemütigt wurden. Diese Sorte brutaler Repression war im Prinzip gemeint, bis vor gar nicht langer Zeit, wenn man vom „Missbrauch“ von Kindern sprach.

Dass Kinder Erwachsenen nicht gehören, dass man sie nicht verbiegen, brechen, beschädigen darf, das muss jede Generation von Erwachsenen aufs Neue lernen. Wenn es einen Fortschritt überhaupt geben soll, würde das bedeuten, dass jede Generation einen Vorgriff leistet - also etwas geben können muss, was sie selbst nicht bekommen hat.

Ulf Erdmann Ziegler, aufgenommen am 12.10.2012 auf der 64. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main. (dpa-Zentralbild / Arno Burgi)Der Autor Ulf Erdmann Ziegler (dpa-Zentralbild / Arno Burgi)Ulf Erdmann Ziegler, Jahrgang 1959, studierte visuelle Kommunikation in Dortmund, Literaturwissenschaft und Psychologie in Berlin. Er war Kunstredakteur der taz und veröffentlicht Essays und Romane sowie Arbeiten zur Kunst und Fotografie. Neu erschienen ist sein Buch "Und jetzt du, Orlando!" im Suhrkamp Verlag. Ulf Erdmann Ziegler lebt in Frankfurt am Main.


Das Kind als Idol?

Kein Wunder, wenn die Idee vom Kind bisweilen verformt wird in ein Ideal des Kindes, und dann ist es bis zum Kind als Idol nicht mehr weit. Vor etwa zwei Jahrzehnten begannen Lehrer zu beobachten und zu beklagen, wie Eltern ihre Kinder vehement gegen vermeintliche Ungerechtigkeiten der Schule in Schutz nahmen, was nur der Beginn eines Mentalitätswandels war. Denn bald entdeckten Eltern, dass ihre Kinder hochbegabt, sensibel, einzigartig oder nahezu unfehlbar waren, und wenn die Eltern sich trennten, wurde dieser merkwürdige narzisstische Brennpunkt der Familie, eben das Kind als Idol, nicht etwa in Frage gestellt. Im Gegenteil, je abgründiger und kriegerischer eine Scheidung, desto besser, reiner und begehrenswerter wird das Kind. Gewissermaßen im Vergleich.

Die zunächst eher intime Idolatrie um das Kind haben sich inzwischen Politiker, aber auch Wissenschaftler und Publizisten zu eigen gemacht, eigentlich alle, die öffentlich sprechen und nach „credibility“ baggern. Es gibt kein Gespräch mehr um die Rolle des Kindes, das nicht unversehens auf die eigenen Kinder des Sprechers gelenkt wird, da gibt es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Warum sagt der Publizist eigentlich nicht (oder nicht mehr): "Als ich Kind war…", sondern "Wie sich jüngst im Gespräch mit meinem Sohn herausstellte…"? Wer sind sie denn, diese Kinder, die ununterbrochen aufgerufen werden als Zeugen der Kindheit?

"Babyboomer": Einfach da und nichts Besonderes

Den Ausdruck "Babyboomer" habe ich zum ersten Mal gehört, als ich schon längst im Berufsleben war, aber er meint meine Generation: das Aufwachsen in einer Kinderschar. Schon deshalb, weil wir viele waren in den sechziger Jahren, schien die Welt der Kinder groß und weit. Wir waren keine Nachkriegskinder mehr, wir waren gut genährt, hatten jedes ein eigenes Fahrrad, und wenn im neuen Schuljahr ein neues Lehrbuch gebraucht wurde, dann wurde dieses 34 mal ausgeteilt. Darin eingedruckt war der Hinweis, man möge mit dem Buch sorgsam umgehen und nichts dort hineinschreiben, denn es sei von den Steuermitteln der Eltern – "Deine Eltern", hieß es – bezahlt und würde selbstverständlich im nächsten Schuljahr wieder gebraucht.

Die wenigsten von uns hatten irgendeine Vorstellung davon, ob wir gewollte oder ungewollte Kinder waren, ja, was das überhaupt sein könnte, gewollt oder ungewollt zu sein. Auch fiel uns gar nicht auf, wie mit nur wenigen Jahren Abstand eine Kinderlücke entstand, was also schließlich das Ende der Kinderschar ausmachte. Später wunderten wir uns über Phänomene wie den Abenteuerspielplatz oder die Projektwoche, so etwas hatten wir nicht gehabt. So wichtig nämlich waren wir gar nicht gewesen. Wir waren einfach da, oder so kam uns das vor.

Pornografie nicht vorgesehen

Die Achtzehnjährigen durften nun schon wählen, und auch wir, die Teens, versuchten die Debatten des sozial-liberalen Aufbruchs zu verstehen. Wesentliche Dinge wurden ohne uns entschieden, wie die Straffreiheit der frühen Abtreibungen; das Ende der polizeilichen Verfolgung von Homosexuellen; die Abschaffung der Schuldzuweisung bei Scheidungen. Und es gab eine andere, merkwürdige Novität unserer Generation, was mir erst aufgefallen ist, nachdem der amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker es kürzlich in einem Interview erwähnt hat: Wir waren die Ersten, die erste Generation, die noch in der Jugend mit kommerzieller Pornografie in Berührung kam, obwohl das offiziell nicht vorgesehen war, ganz im Gegenteil. Weil das aber nicht vorgesehen war, gab es dabei keine umstürzlerische Absicht und keinen pädagogischen Plan. Der Hauch einer Anarchie des Schauens. Halten wir das einmal fest.

Das Wort "Emanzipation" war viele Jahre einseitig besetzt, es meinte nur die Emanzipation von Frauen. Wörtlich heißt Emanzipation, sich aus einer Hand heraus zu begeben, und das war die Hand des Patriarchats. Bald aber gab es schrille Paraden homosexueller Männer in den Metropolen, weinende Fußballer auf dem Spielfeld und – um ein etwas entlegenes Beispiel zu wählen – eine Organisation "kritischer Polizisten". So wurden Veränderungen angestoßen.

Zwei historische Uhren

Vergleicht man die Emanzipation von Männern, die sich nun offensiv "Schwule" nannten, mit der Emanzipation von Frauen, bekommt man fast den Eindruck, es gäbe zweierlei historische Uhren. Die Straffreiheit bei Abtreibungen war politisch keineswegs leicht zu haben und bedeutete auf dem Pfad der Emanzipation von Frauen – "Mein Bauch gehört mir!", hieß das damals – nur eine allererste Etappe. Vierzig Jahre später leben in der Bundesrepublik viel zu viele alleinerziehende Frauen in prekären Verhältnissen, denen die Rückkehr ins Berufsleben, auf dem Niveau ihrer Ausbildung, versperrt ist; aus einer Reihe von Gründen, und diese Gründe sind, in ihrer Summe, der Beleg einer politisch und wirtschaftlich steckengebliebenen Emanzipation.

Dagegen nun die rasende Epochenuhr der schwulen Revolte und ihrer Folgen: Die Straffreiheit homosexueller Handlungen war so etwas wie der Fall der Mauer, und schon begann eine neue Ära. Das Drama des Coming-outs soll hier nicht geleugnet werden, aber das Coming-out ist eben doch die eine direkte Tür in die gay community, die sich in den Metropolen deutlich beflaggt hat und wirtschaftlich ziemlich erfolgreich ist. Dabei war es lange eine Selbstverständlichkeit, dass man keine Kinder haben wollte, ja, keine Kinder zu haben gehörte zum Lebensstil und war Teil des Projekts unter dem Symbol des Regenbogens. Staunend und amüsiert hat Edmund White beschrieben, wie die Schwuchteln des homosexuellen Untergrunds in New York sich nach 1969 fast ausnahmslos in Ledermänner und Pseudocowboys verwandelten, also die männliche Seite begehrten und zur Schau stellten.

Homosexuelle Emanzipation geht im Establishment auf

Die gay community entstand urknallmäßig als Welt der Erwachsenen und hat eine Vorgeschichte fast vergessen gemacht, die gewiss 150 Jahre in der teils nur verdeckten, teils verbotenen Kultur homosexueller Männer eine gar nicht so kleine Rolle spielte, nämlich die Neigung zum Knaben. Diese wurde untergebracht im Depot der Bilder eines alten Griechenlands, inklusive Dichtung und Ruinen. Die römische Variante war auch sehr beliebt. Tatsächlich war, in Frankreich zum Beispiel, um einen homosexuellen Mann zu bezeichnen, das Wort "pédé" geläufig und wird auch heute noch verstanden, so als wäre die libidinöse Ausrichtung auf das eigene Geschlecht eine pädosexuelle. Interessanterweise war es Michel Foucault – nachdem er den libertären Rausch der Ledermänner in San Francisco selbst erlebt hatte – der sich die griechischen Quellen als Historiker der Psyche erschloss und zu dem Schluss kam, dass der Kult um die Verehrung des Knaben eben doch um ein entscheidendes Tabu gebaut war. Es lautete, dass der Knabe nicht nachgeben durfte. Das kam auch vor, aber dann verlor er seine Ehre und wurde zum Gespött der Polis.

Als vor etwa zehn Jahren bekannt wurde, wie viele katholische Priester sich an Kindern, Jungen zumeist, vergangen hatten, und schließlich auch die Kirche nicht mehr anders konnte, als die Beschuldigten zur Rede zu stellen und den Betroffenen Entschädigungen anzubieten, wurden diese Seltsamkeiten behandelt, als gehörten sie nicht zur Geschichte der Homosexualität. Denn die schwule Emanzipationsbewegung war längst aufgegangen im Establishment, Schwule waren eben weder heimlich noch waren sie "pédé". So fehlte der Haken oder der rechte Ansatz, mit der Homosexualität von Priestern abzurechnen, ein Weg, der unweigerlich zum Ende des Zölibats hätte führen müssen.

Unwort "Kinderpornografie"

Eine echte, manifeste sexuelle Fixierung auf Kinder ist nämlich eine rare Sache. Dies hat das Modewort Pädophilie verdeckt. Das Wort taugt deshalb nicht viel, weil es keinen Unterschied macht zwischen Kindern und Jugendlichen, zwischen eingebildeten und realen Handlungen, zwischen Personen auf der einen Seite und deren Bild auf der anderen. Das Wort Pädophilie ist ein mentales Portal geworden, hinter dem sich manche begründete Annahmen mit vielen frei schwebenden Fantasien vermischt haben. Dazu gehört auch der Ausdruck "Kinderpornografie", der selbst in seriösen Nachrichtensendungen fast täglich gebraucht wird, indem es ständig heißt, ein früherer Bundestagsabgeordneter oder der Lehrer einer berühmten Schule sei in den Verdacht geraten, so etwas zu besitzen. Der Verdacht allein hält das Wort in Umlauf. Aber ist es nicht ein Unwort? Ich werde mir die Freiheit nehmen, im folgenden vom K-P-Wort zu sprechen.

So hatte sich unsere rot-grüne Regierung vor zwölf Jahren daran gemacht, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, ein so umfassendes Gesetz, wie die Amerikaner es bereits hatten und die EU es nun mehr oder weniger vorschrieb. Damals kursierte das Gerücht, und das Gerücht gab sich wie Gewissheit, "überall im Netz" wären solche Bilder zu finden. Treffender wäre es gewesen festzustellen, dass Leute, die solche Bilder herstellen oder suchen, wie viele andere auf dem neuesten Stand der Technik sind. Ob es eine Postsendung ist, ein Email-Anhang oder eine Autofahrt zu einem Komplizen – das ist doch egal. Das Internet ist nicht dran schuld. Wichtig ist nur, ob es vernünftige Mittel gibt, solche Aktivitäten zu unterbinden oder jedenfalls einzuschränken.

Alles Unmögliche bedacht

Nun haben wir also seit dem Jahr 2003 ein Gesetz oder genau genommen zwei, nämlich den Paragrafen des Strafgesetzbuches Nr. 184b, der sich auf Kinder, und einen mit der Nr. 184c, der sich auf Jugendliche bezieht. Dort wird mit einer Freiheitsstrafe bedroht, wer "pornografische Schriften, die sexuelle Handlungen von, an oder vor Kindern zum Gegenstand haben, verbreitet". Aber nicht nur "verbreitet", sondern auch "öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht", und nicht nur das, sondern auch "herstellt", was denn sonst. Aber nicht nur "herstellt", sondern auch "bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist, einzuführen oder auszuführen unternimmt", und das kann einen immerhin fünf Jahre ins Gefängnis bringen. Mit zwei Jahren kommt davon, wer – nein, nicht etwa solche Schriften besitzt –, sondern allein wer es "unternimmt, sich den Besitz […] zu verschaffen".

So hat der Gesetzgeber ein deutliches Wort gesprochen. Man hat wirklich, wie gute Juristen das tun, an alles Mögliche und Unmögliche gedacht, nur nicht daran, was es bedeutet, das Wort "kinderpornografisch" in die Welt zu setzen.

Gedankenlose Medienfolklore

Nun ist es aber da, das K-P-Wort, und meint, übrigens, alle vom Neugeborenen bis zum Jungen oder Mädchen von dreizehn Jahren. Das ist nicht allzu überraschend, weil die Paragrafen zum sexuellen Missbrauch, die älter sind, auch mit dieser Altersgrenze operieren. Die Bewertung eines Missbrauchs, aber auch der Verbreitung, des Erwerbs und des Besitzes von pornografischen Schriften verläuft anders, wenn es sich um "Personen von vierzehn bis achtzehn Jahren" handelt, denn da fällt jeweils das Strafmaß deutlich niedriger aus, und es ist auch nicht schwer zu raten, warum. Merkwürdig aber, dass eine sogenannte Jugendpornografie es nie bis in die Nachrichten schafft, in der Debatte kaum erwähnt wird, während das K-P-Wort, das Kinderwort, inzwischen so verbreitet ist und so gedankenlos aufgerufen wird, dass es nicht abwegig wäre, von Medienfolklore zu sprechen. Aber ist es klug, so ein Wort alltäglich zu gebrauchen, wo doch Kinder auf alles anspringen, was Kinder im Namen führt: Kindergarten, Kindergeburtstag, Kinderschokolade?

Der Gesetzgeber jedenfalls hat selbst für krasseste Verfehlungen den Unterschied zwischen Kindern und Jugendlichen aufrecht erhalten. Auch wenn es im Alltag vernünftig sein mag, Mittelstufenschüler "Kinder" zu nennen, ist die Unterscheidung sehr wichtig, wenn es um den heiklen Schnittpunkt mit der Sexualität von Erwachsenen geht. Alle Bilder, die Kinder gewollt in einen sexuellen Zusammenhang bringen, sind im Kern Missbrauch. Das ist schmerzlich auch dann, wenn kindliche Nacktheit, die Unbefangenheit und Freiheit ausdrückt, gewaltsam in einen falschen Kontext gerückt wird. Sigmund Freuds Beobachtung, dass es eine kindliche Sexualität gebe, meint ja gerade nicht, dass sich Erwachsene daran bedienen dürften, sondern im Gegenteil, dass die ureigene Konstellation einer kindlichen Libido anerkannt und geschützt werden muss. Denn das Kind wird aus sich heraus die Leistung vollbringen müssen, sein exzessives Begehren – der mythische Kern: den Vater zu töten, um die Mutter zu besitzen – zu relativieren und für etwas zu opfern, das man Zukunft nennt. Die Zukunft besteht in der Transformation der sozialen Rolle. Missbrauchten Kindern fällt das schwer.

Erotik mit Jugendlichen: Heikles Equilibrium

Nun ist es natürlich eine heikle Frage, wann das Kind kein Kind mehr ist. Nach dem Gesetz mit vierzehn Jahren, aber das Schema taugt in der pädagogischen Praxis nur bedingt. Sehr behütete Kinder sind oft mit vierzehn noch sehr kindlich, weniger behütete Kinder verlassen den kindlichen Garten oftmals früher. Jugendliche haben eine eigene, wenn auch nicht immer zutreffende Vorstellung von sexuellen Dingen, und sie übernehmen erotische Codes, die sie sich gezielt und bisweilen auch gekonnt aus Filmen, Shows und Magazinen abschauen.

Erwachsene, die mit Jugendlichen erotisch anbändeln, müssen etwas verstehen von dieser Zwischenwelt, diesem heiklen Equilibrium. So wie jener deutsche Filmemacher namens Markus R., der vor fünf Jahren in einem nordwestrumänischen Dorf auftauchte, in einem Garten einen Pool errichtete, um den Pool einen Zaun, und dann halbwüchsige Jungen dazu brachte, jene pseudogriechischen Spiele aufzuführen, von denen man dachte, sie wären längst ausgestorben. Dieser merkwürdigen Geschichte, in der ein neugieriger Schäfer, der durch einen Zaun linst und sich sehr empört, eine wichtige Rolle spielt, ist der Reporter Stefan Klein für die Süddeutsche Zeitung nachgegangen und hat berichtet, was man dort über die Ereignisse jenes Sommers heute denkt. Einen der betroffenen Jungen, dann neunzehn Jahre alt, hat Klein gefragt, was er dem pädophilen Filmemacher heute sagen würde, wenn er ihn träfe. Der junge Erwachsene deutet an, ihm sei schon klar, dass er dem "Gespött preisgegeben worden [ist] hier im Dorf", und das würde er ihm sagen. Und für den Rest der Angelegenheit besteht er darauf, mit dem Abstand eines halben Jahrzehnts: "Er hat uns nicht gezwungen, uns auszuziehen. Er hat uns gebeten."

Begründete Sorge oder moralischer Kolonialismus?

Die gründliche Reportage, prominent platziert, war notwendig geworden, weil "die rumänischen Jungen" in der deutschen Debatte um die Rechtmäßigkeit von Publikationen, die nackte Jugendliche zeigen, dabei waren, ein gängiger Topos zu werden, ja fast zu einem Argument. Die Argumentation lief so: Eigentlich wären neue Gesetze, die den Besitz von Bildern nackter Kinder – auch der eigenen – strafrechtlich kontrollieren wollen, nicht wünschenswert. Da es aber offensichtlich um solche Bilder herum ein internationales Gewerbe gebe, und jedes Bild schließlich ein reales Modell als Quelle habe – siehe "die rumänischen Jungen" – sei es möglicherweise doch notwendig.

Jener Markus R. übrigens wurde schließlich in Rumänien festgenommen, verhört und zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Behauptung, frische, deutsche Gesetze wären vonnöten, um Jungen in Osteuropa zu schützen, müsste man zumindest hinterfragen. Vielleicht verbirgt sich im Kern dieses Gedankens sogar eine Form von moralischem Kolonialismus.

Magersüchtige Prinzessinnen im Junkielook

Die sogenannten Modelle sind in dieser Debatte deshalb so wichtig, weil hier die sanfte Seite eines jeden Menschen berührt ist, nämlich das Mitleid. Seit Wochen sieht mich ein dunkles Mädchen mit großen Augen von meinem Bildschirm aus an, und die UNICEF legt mir nah, ich könne es retten. Obwohl ich weiß, dass ich nicht das Kind retten werde, das auf dem Bildschirm zu sehen ist, bleibt ein solches Engagement wahrscheinlich der richtige Weg, ein bisschen zu verändern und sein Gewissen zu beruhigen.

Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, hat sich in einem Aufsatz in der ZEIT radikal dagegen ausgesprochen, Wohlstandsideen von Rechtschaffenheit im Weltmaßstab anzuwenden. Das hat er so ausgedrückt:

"Der Schutz der Kinder, namentlich der unterprivilegierten, der […] in Containern hausenden, der bettelnden, stehlenden, der frühreifen, armen Kleinen in Rumänien und Afghanistan, Kolumbien und Tansania, liegt uns am Herzen wie sonst nichts auf der Welt. Mögen sie ihr Dasein fristen auf den Müllhalden unseres Reichtums, so wollen wir doch zumindest ihre Seelen retten und ihre Menschenwürde!" In der Tat klingt in Richter Fischers Polemik kulturkritischer Ekel, ja westlicher Selbsthass an, wenn er das Bild junger Frauen im Fashionbusiness und in den Lifestylemedien dagegenhält: "Da leben unsere magersüchtigen kleinen Prinzessinnen; im Junkielook gestylte minderjährige Luder, rund um die Welt gecastet und mit zwanzig vergessen."

Sinn und Unsinn der Altersgrenze

Ich selbst, stammend aus der letzten halben Dekade der Babyboomer, kann mich noch gut erinnern an die Beklemmungen der Nachkriegszeit. Allerdings, noch bevor ich ins Gymnasium kam, war die Welt halbwegs auf den Kopf gestellt. Raten musste ich, was "Entfremdung" heißen könnte, was das Wort "Konsumterror" wohl bedeutete oder was bestimmte Frauen mit "Chauvinismus" meinten. Kaum war ich erwachsen geworden, galt von nahezu allem, was bei meiner Geburt noch feststand, das Gegenteil. Fasziniert und nicht ohne Neid beobachtete ich die nachwachsenden Kinder, die ihren schokoladeverschmierten Mund nicht mehr sauber machen mussten, wenn sie zu den Erwachsenen zurückkehrten.

Es ist zwecklos, sich ein goldenes Bild einer Kindheit zu schmieden und dieses in die Schauvitrine zu stellen, und dann zu sagen, das Kind wisse zum Glück nichts von den Lüsten dieser Welt. Diese Ikone manifester Unschuld überdauert keine Jugend, keine reale jedenfalls. Die Altersgrenze des Gesetzes bleibt eine zwar notwendige, jedoch künstliche feste Größe. Man ist nicht verletzlich und schutzbedürftig bis zum Alter von siebzehn Jahren und 364 Tagen, und ab dem nächsten Tag urplötzlich in der Lage, sich in einer vertraglich gesicherten Gesellschaft von hedonistischen Extremen erfolgreich zu bewegen.

Emanzipation muss sich ins konsumistische Korsett zwängen

Kritische Soziologen haben schon früh darauf hingewiesen, dass in einer Gesellschaft, die den freien Warenverkehr will und begünstigt, jede erfolgreiche Emanzipationsbewegung die Früchte ihrer Freiheit damit erkauft, ins Register williger Konsumenten eingetragen zu werden. Als da wären Zweitautos, Drittfernseher, Fernreisen, biologisch-organische Lebensmittel, um nur mal die Tendenzen der achtziger Jahre zu nennen, jenes Jahrzehnts, das auf die großen emanzipatorischen Anstrengungen folgte, und noch bevor die Lebenswelt vom persönlichen Computer geprägt wurde, in dem sich heute eine objektiv-globale Seite mit einer individuell-konsumistischen in Sekundenschritten verknüpft, oft sogar gegen den Willen des Users.

Gar nicht zu reden von Tätowierung und Piercing, Kontaktbörsen und Swingerclubs, Gay-pride- und Loveparade, sämtlich Phänomene, die vielleicht eine emanzipatorische Wurzel hatten, sich aber verselbstständigt haben. Die nächsten Emanzipationen sind schon angemeldet: Leihmutterschaft und Sterbehilfe. Und auch dahinter warten, selbst wenn es erst einmal unwahrscheinlich klingt, neue Märkte und auch neue Anwendungen von Medien. Eine "Willst-du-sterben?"-App zum Beispiel, mit den wichtigsten Kontaktadressen.

Die Scheinwelt des Einverständnisses

Wie wird die westliche Welt damit fertig? Nun, indem sie den Radius dessen, was ein Einzelner tun oder zulassen darf, so groß zieht wie nur irgend möglich. Um das Tun von Erwachsenen gegen den Umgang mit Kindern abzugrenzen, hat die amerikanische Gesellschaft das Wort "consent" herauspräpariert; es ist auch ein Modewort geworden. Gemeint ist dies: Wenn es darum geht, was Erwachsene wollen, ist im gegenseitigen Einverständnis fast alles erlaubt – die Grenze liegt so ungefähr beim Kannibalismus.

Aber unter der Vorstellung, alles sei möglich, lauern Illusionen. Nur so kann man sich die krasse Schere erklären zwischen den zahlreichen Strafanzeigen, die aus Paarbeziehungen herrühren, und den im Vergleich wenigen Verurteilungen wegen Vergewaltigung, die daraus resultieren. Im Kern des rechtlichen Konstrukts schlummert die Vorstellung, dass es nichts koste, sich alles zu nehmen, wenn es nur auf der Gegenseite eine rettende Insel gäbe, die der Unverletzlichkeit. Man will beides, und Frau auch, nämlich die Abwesenheit einer uns gängelnden Moral, und auf der anderen Seite die absolute Souveränität. Kein Gericht kann die Gesellschaft davor retten, dass ihr Freiheitsbegriff auf eine Paradoxie gebaut ist, oder noch unheimlicher, wenn es keine Paradoxie sein sollte, sondern Ambivalenz. Soviel zur Wackligkeit eines Einverständnisses – "consent" – unter Erwachsenen.

Um welchen Preis kassieren wir Freiheiten?

Was nun die Kinder betrifft, sind sich – fast – alle darin einig, dass sie nicht auf Augenhöhe von Erwachsenen mit irgendetwas einverstanden sein können. Unter dieser Auffassung hat sich bis vor wenigen Jahrzehnten die Vorstellung verborgen, dass Kinder eben unmündig seien, dass man sie also bevormunden und auch unterdrücken müsse. Im Schatten solcher Vorstellungen gedieh auch der Missbrauch, teils sexueller Missbrauch, teils schiere Gewalt. Es bedurfte einer enormen gesellschaftlichen Kraftanstrengung, um dem auf den Grund zu gehen. Glücklicherweise beantworten heute von den Erwachsenen, die gefragt werden, ob sie als Kinder missbraucht wurden, deutlich weniger die Frage mit "Ja" als noch vor zehn Jahren. Vielleicht sind wir dabei, das Schicksalsband zu durchtrennen, das schmerzhafte Erfahrungen in der Kindheit mit einem schwierigen Erwachsenenleben verknüpft.

Und an dieser Stelle steigen natürlich jene ein, wie unser Justizminister, die glauben, man müsse irgendwelche Bilder nackter Kinder tabuisieren und unter Strafe stellen. Mit einer überwältigenden Parlamentsmehrheit hinter sich hat er ein Gesetz in Vorbereitung, das es bei Strafe verbieten will, das Bild eines nackten Kindes käuflich zu erwerben, und nicht nur das, sondern auch, Bilder nackter Kinder überhaupt irgendjemandem zugänglich zu machen. Was der politische Kommentator Heribert Prantl auf die Formel gebracht hat: Es sei natürlich dann jeder Familie weiterhin überlassen, das Bild vom Sommerstrand in den eigenen vier Wänden hängen zu haben. Schon aber, wenn der Handwerker käme, müsse man mit einer Strafanzeige rechnen. Falls der Handwerker die Absicht hätte, an anderen Dingen herumzuschrauben als an Leitungen und Rohren, nämlich am Gesellschaftsvertrag, das Kind betreffend. Schon ist die zentrale Frage berührt, welche Freiheiten ein weiteres Gesetz kassiert, das aus aufgeschlossenen und sorgenfreien Bürgern solche macht, die von engstirnigen Behörden zu Sittlichkeitsverbrechern stilisiert werden. Genauer: Stilisiert werden werden. Wenn das Gesetz so kommt, wie der Minister Heiko Maas es sich ausgedacht hat – unter keineswegs neutralen politischen Voraussetzungen, allerdings.

Gesetz verleitet zur Instrumentalisierung

Ein Gesetz gegen Bilder von nackten Kindern und ein weiteres gegen die von Jugendlichen wird uns in der Strafrechtspraxis eine Dekade verfolgen, mindestens. Es wird Verdächtigungen geben, Anzeigen, Hausdurchsuchungen, Prozesse und Urteile, und der entscheidende Punkt wird sein, dass dann ein Freispruch nicht mehr hilft. Also was bedeutet ein solches Gesetz: die allerletzte Verfeinerung einer Emanzipation, die quasi im Namen der Kinder geführt wird? Oder wird dies die neue und praktische Waffe im Scheidungskampf? Wird der fröhliche Knipser der Familie lernen müssen, dass nur Künstler das dürfen, was ihn zum Kriminellen macht? Wollen wir, dass Bilderarchive von Staatsanwälten durchsucht und bereinigt werden? Kann man wirklich so "Kinder schützen"? Oder befinden wir uns mitten in einem gewaltigen, gesellschaftlichen Rollback, der Anfang eines Booms der Beschämung?

Längst hat die Selbstzensur eingesetzt, wenn zum Beispiel Väter vor Kollegen nicht mehr wagen zu erwähnen, dass sie mit ihren Kleinkindern in die Badewanne steigen. Da fängt es an.

Das von allen Charakterzügen bereinigte Kind

Es kann schon sein, dass es per Gesetz irgendwie möglich wäre, die Zirkulation schlüpfriger Bildchen zu unterbinden. Und dann? Ist die Pädophilie dann weg? Oder brauchen wir dann neue Gesetze gegen Menschen, die Achtjährigen begehrlich hinterherschauen? Es ist immer gefährlich, wenn eine Gesellschaft sich vornimmt, gegen sämtliche Kosten und trotz aller Nebenwirkungen alles richtig zu machen. Dann werden die Hebel der Macht von den Vernünftigen preisgegeben, damit Zeloten sie bedienen. Und wenn man in zehn Jahren beginnt zu begreifen, dass der Schaden größer war als der Nutzen, ist die Kindheit derer, die jetzt Kinder sind, vorbei.

Nicht nur an dem Gesetzesvorhaben, sondern auch an den Kommentaren und Polemiken in Talkshows zeigt sich, was "Kinder" in einer hedonistisch durchgeformten Gesellschaft darstellen: das von allen Charakterzügen bereinigte Bild von Unschuld. Wir sind offensichtlich dabei, uns einen Engelchenkomplex zuzuziehen. Die Wut auf den Blick des Pädophilen, der das Kind nicht als Kind anerkennt, führt bei den anderen zu einer partiellen Blindheit. Eine ganze Gesellschaft ist dabei, wie der Sexualforscher Martin Dannecker gewarnt hat, sich einen "pädosexuellen Blick" aufdrängen zu lassen. Wer jetzt Kind ist, hat das längst erspürt. "Sekundäre Scham" würde ich das nennen. Das K-P-Wort, längst mediales Dauerfeuer. Es wird bei weitem zuviel und mit unglücklichen Vokabeln darüber geredet, auch in Familien. Hier schließt sich der Kreis, weil man irgendwann nicht mehr weiß, wovor sich Kinder und auch Jugendliche beginnen zu fürchten, vor der Sache selbst oder vor ihrer unablässigen, nachtschwarzen Beschwörung. Kindliche Nacktheit eignet sich nicht als gesellschaftlicher Kampfplatz. Sie muss unbesehen und unkommentiert bleiben, nur dann erscheint sie als Symbol von Freiheit, etwas, worum man Kinder beneiden darf, ohne sich von ihnen etwas nehmen zu wollen.

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