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Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Pär Ström: Die Überwachungsmafia. Das gute Geschäft mit unseren Daten13.06.2005

Pär Ström: Die Überwachungsmafia. Das gute Geschäft mit unseren Daten

Hanser Verlag München 2005. 340 S., 19,90 Euro

Wir werden von Überwachungskameras gefilmt und an Mautstationen registriert, wir bezahlen mit Kredit- und EC-Karte und freuen uns über die Rabattpunkte, die uns auf unserer Kundenkarte gutgeschrieben werden. Und dabei verraten wir viel über uns selbst. Dafür will der schwedische IT-Spezialist Pär Ström sensibilisieren. Sein Buch trägt den etwas reißerischen Titel "Die Überwachungsmafia".

Von Daniel Blum. Redakteurin am Mikrophon: Sandra Pfister

Überwachungskamera (Stock.XCHNG / andrew parker)
Überwachungskamera (Stock.XCHNG / andrew parker)

"Sämtliche Fahrzeuge werden über Satellitennavigation, GPS, und Telematik ans Internet angeschlossen. Damit können alle Fahrzeugbewegungen im gesamten Land überwacht werden. Die Software eines zentralen Computers schreibt automatisch Bußgeldbescheide aus, wenn ein Fahrer die vorgeschriebene Geschwindigkeit überschreitet, in eine Einbahnstraße falsch einbiegt, im Halteverbot parkt. Wenn der Computer entdeckt, dass die Kfz-Steuer des betreffenden Fahrzeugs nicht bezahlt ist, schaltet die Software einfach die Zündung aus. Alles sehr praktisch und effizient. Wer könnte etwas dagegen einwenden? "

Sieht so unsere Zukunft aus? Werden wir in einer Gesellschaft der Überwachten leben, in der Autohersteller und staatliche Ämter, Warenproduzenten und Polizeibehörden einträchtig ihre Daten über uns austauschen? Natürlich zum Wohle der Allgemeinheit. Nun, wenn alles so weiterläuft wie bisher … ja, meint Pär Ström, ja, dann wird das Datennetz, das über uns geworfen wird, immer feinmaschiger werden, bis wir hilflos darin zappeln.

Der Schwede Pär Ström ist alles andere als ein Technikfeind oder Computerhasser. Er ist Diplomingenieur, IT-Experte, berät große internationale Konzerne. Bekannt wurde er allerdings vor allem als kritischer Insider. Sein Buch "Überwacht" erschien vor zwei Jahren in Schweden, für die deutsche Übersetzung hat er den Titel gründlich aktualisiert. Seinen größten Makel trägt das Buch auf dem Cover: Der Hanser Verlag verkauft es hierzulande unter der verfälschenden Überschrift "Die Überwachungsmafia".

Als ob hinter der Entwicklung der digitalen Techniken ein geheimer Plan stünde, mit dessen Hilfe eine Allianz von Hintermännern Macht und Geld an sich reißen will. Gängige Verschwörungstheorien, wie sie im Internet kursieren. Pär Ström argumentiert allerdings wesentlich intelligenter. Seine Grundthese: In allen Bereichen des Lebens entstehen zunächst nur kleine Inseln der Überwachung. Je zahlreicher diese Inseln werden, je mehr Daten auf ihnen angehäuft werden, desto größer wird allerdings die Versuchung der jeweiligen Inselherren - der Firmen und Behörden - sich durch Kooperation auch die Daten der anderen Inseln zu verschaffen.

Um irgendwann von jedem ganz genau zu wissen, was er wo tut, verzehrt, liest, hört. Pär Ström formuliert es so:

"Wir sind dabei, eine Spitzel- und Schnüffelgesellschaft zu schaffen – eine Gesellschaft, in der gigantische Datenmengen angehäuft werden, die Informationen über die intimsten Angelegenheiten des Einzelnen liefern. Sind diese Daten erst einmal vorhanden, üben sie natürlich auf Schnüffler einen unwiderstehlichen Lockreiz aus - so wie die Marmelade auf die Fliegen. "

Die meisten Bücher zum Thema Überwachungstechnologien enttäuschen. Entweder sind sie zu reißerisch oder zu detailverliebt. Wer sich bemüht, sich in Tageszeitungen einen Überblick zu verschaffen, wird rasch mit Juristendeutsch zugemüllt. Die Datenschutzdebatte erschöpft sich zumeist darin, für neue digitale Technologien rechtliche Regeln auszuklüngeln, die den so genannten Missbrauch dieser Technologien verhindern. Anders formuliert: Jede Technologie darf eingeführt werden, wenn der Konzern oder die Behörde verspricht, sie erstmal mit angezogener Handbremse zu nutzen. Die nationalen Parlamente, auch der Deutsche Bundestag, winken die begleitenden Gesetze durch. Und wirken dabei selten kompetent, wie Pär Ström im Interview kommentiert:

"Ich bin leider der Meinung, dass es manchmal, vielleicht auch häufig so ist, dass diese Politiker nicht verstehen, was sie beschlossen. Die verstehen nicht die riesigen Möglichkeiten, die schon da sind und die auch größer werden in der Zukunft. "

Doch warum sollten Politiker als Volksvertreter in Datenschutzbelangen auch sensibler sein als die Bevölkerung? Auch wenn es ihnen nicht ganz koscher erscheint, geben viele Verbraucher freiwillig ihre persönlichen Daten preis, um Kredit- und Kundenkarten zu beantragen, Rabatte zu erhalten oder sich aus dem Internet Waren nach Hause schicken zu lassen.

"Ich glaube, der Gegensatz kommt von der Priorität: der Bequemlichkeit. Also als Bürger ist es doch ganz bequem, die neuen Dienstleistungen und Werkzeuge zu benutzen. Während die Risiken diffus sind und theoretisch gehalten. "

Der schwedische IT-Experte Ström schildert plastisch eine Fülle von Beispielen, auf die allernotwendigsten technischen Details verschlankt. Ist erstmal das technische Fundament gelegt, um die Daten der Mautstationen und Mobilfunkfirmen, der Kaufhäuser und Kreditkartenunternehmen so aufzubereiten, dass das Tun und Treiben jedes Bürgers in Echtzeit verfolgt werden kann, dann könnten auf Knopfdruck individuelle Dossiers entworfen werden. Und wer zufällig die falsche Musik hört, die falschen Internetseiten besucht, die falschen Leute kennt, zur falschen Zeit am falschen Ort ist, den könnten statistische Wahrscheinlichkeitsrechnungen leicht als psychisch labil abstempeln, als drogenabhängig oder sexuell auffällig – oder als potentiellen Terroristen. Sind solche automatisierten Persönlichkeitsprofile erst einmal technisch möglich, meint Pär Ström, dann wäre es naiv zu glauben, dass sie nicht auch erstellt werden – die Versuchung sei einfach zu groß.

"Die Privatsphäre ist wie Sauerstoff – man schätzt sie erst, wenn sie fehlt. Wir verschwenden keinen Gedanken an den Schutz unserer Privatsphäre, solange diese intakt ist. Sind wir aber dieses Schutzes beraubt, fühlen wir Demütigung, Frustration und Ohnmacht. Leider ist es dann meistens zu spät, um die Privatsphäre zu retten. "

"Die Überwachungsmafia" ist ein Sach-, kein Fachbuch. Es wendet sich an ein breites Publikum und bietet ihm im Hauptteil Übersichtsdarstellungen über die wichtigsten Technologien, die zur Ausspähung der Bürger genutzt werden oder zukünftig genützt werden könnten. Wer sich im Thema schon gut auskennt, erfährt hier wenig Neues, registriert aber anerkennend, wie sachlich Ström arbeitet. Er formuliert populär, aber nicht populistisch, unterscheidet sorgfältig zwischen Fakten und begründeten Vermutungen.
Bemerkenswert wird Ströms Buch aber vor allem durch den zweiten, schmaleren Teil, in dem er Nutzen und Datenschutzrisiken digitaler Technologien allgemein abwägt. Seine Überlegungen sind systematisch, präzise und wieder sehr verständlich, als Debattierhilfe sind sie nun auch für Technologiecracks interessant. Fazit: "Die Überwachungsmafia": ein reißerischer Titel für ein sorgfältig argumentierendes Sachbuch.

Daniel Blum rezensierte das neue Buch des schwedischen IT-Spezialisten Pär Ström. "Die Überwachungsmafia", heißt es, im Untertitel "Das gute Geschäft mit unseren Daten", erschienen ist es bei Hanser, umfasst 340 Seiten zum Preis von 19 Euro 90.

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