Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteForschung aktuellUrmenschliche Gesichter22.01.2016

PaläoanthropologieUrmenschliche Gesichter

Die anatomischen Unterschiede zwischen Homo neanderthalensis und Homo sapiens betreffen vor allem den Schädel. Neue Studien zeigen, warum sich Neandertaler von unseren Vorfahren anatomisch unterscheiden.

Von Michael Stang

Die Nachbildung eines älteren Neandertalers im Neandertal-Museum in Mettmann. (picture-alliance/ dpa - Federico Gambarini)
Die Nachbildung eines älteren Neandertalers im Neandertal-Museum in Mettmann. (picture-alliance/ dpa - Federico Gambarini)

Chris Stringer ist jetzt, Ende des Jahres, sehr gestresst. Die neue permanente Ausstellung zum Thema Evolution des Menschen im Naturhistorischen Museum London kostet viel Zeit und Kraft. Dabei laufen auch seine Forschungsprojekte auf Hochtouren. Im Fachblatt "NATURE Communications" ist er einer alten Streitfrage nachgegangen.

"Wir wissen ja, dass erwachsene Neandertaler ein markantes Gesicht hatten: die Mitte springt nach vorn, die markanten Überaugenwülste und die große Nase. Die Frage war, entwickelte sich das Gesicht erst im Laufe des Lebens oder wurden Neandertaler schon so geboren?"

Denn bei heute lebenden Menschen entwickeln sich markante Gesichtsmerkmale wie Kinn, Nase oder Wangenknochen erst im Laufe des Lebens. Die Frage war nun: Haben Neandertalerbabys die typischen Gesichtsmerkmale auch erst später entwickelt oder wurden sie damit schon geboren? Für die Studie haben der britische Paläoanthropologe und sein Team an acht Frühmenschenschädeln die Knochendicke untersucht. Diese baut sich durch die Ablagerung von Knochenzellen im Laufe des Heranwachsens auf und bestimmt letztendlich die Form des Gesichtes.

"An den Schädeln der Neandertalerkinder von Gibraltar und La Quina in Frankreich sehen wir etwa, dass die Entwicklung Richtung Neandertalergesicht schon früh eingesetzt hat. Die Knochenablagerungen über den Zähnen, im Bereich der Wangen und über der Nase hatten sich schon ausgebildet, vermutlich aber erst nach der Geburt. Alles das, was das typische, vorspringende Neandertalergesicht ausmacht – war aber schon bei einem vierjährigen Kind vorhanden."

Die Funde aus Gibraltar etwa sind mit rund 50.000 Jahren jedoch noch recht jung. Die Frage war nun, ob das typische vorspringende Neandertalergesicht eine Entwicklung nur aufseiten der Neandertaler ist oder ob es sich hierbei um ein altes Erbe früher menschlicher Vorfahren handelt.

"Glücklicherweise hatten wir ja die Kollegen aus Spanien im Team, die an den Atapuerca-Fossilien von La Sima arbeiten, die rund 400.000 Jahre alt sind. Und auch an diesen Schädeln sehen wir schon diese typischen Knochenablagerungen im Gesicht. Es sieht also so aus, dass nicht die Neandertaler, sondern Vertreter von Homo sapiens mit ihrem flachen Gesicht eine Neuentwicklung durchgemacht haben."

Das vorspringende Neandertalergesicht ist demnach ein altes Erbe und müsste damit - so die These - auch schon beim letzten gemeinsamen Vorfahren von Neandertaler und anatomisch modernem Mensch zu finden sein. Doch wie dieser aussah, ist anhand von Fossilienfunden bislang nicht zweifelsfrei zu klären. Dem hatte sich nun eine zweite Studie angenommen, die im "Journal of Human Evolution" erschienen ist. Darin hatten Forscher aus Cambridge den hypothetischen Vorfahr am Computer virtuell rekonstruiert. In die Studie flossen knapp 800 anatomische Merkmale von 46 Schädeln ein. Anhand dieser Daten errechneten sie den wahrscheinlichen Urahn der beiden menschlichen Vertreter beziehungsweise dessen Schädelform. Chris Stringer ist von den neuen Daten angetan.

"Das Ergebnis ist, dass der gemeinsame Vorfahr von Homo sapiens und Neandertaler vermutlich wie ein Frühmensch aussah, den wir Homo heidelbergensis nennen. Dieser lebte vor 600.000 Jahren. Manches deutet darauf hin, dass die Vorfahren in Afrika lebten und später erst in Europa, Afrika und vermutlich auch Asien große Veränderungen durchgemacht haben. Mit den neuen 3D-Methoden können wir nun Szenarien durchspielen und müssen nicht mehr ein Fossil in den Stammbaum des Menschen pressen, was wir  - leider - bislang normalerweise machen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk